Hundeattacken
Was bringen Hundekurse? Nichts, glaubt FDP-Nationalrat Ruedi Noser und will sie abschaffen

Das Thema ist brisant. Erst gerade hat im Aargau ein Bullmastiff Schüler gebissen. Doch es gibt keinen Beleg dafür, dass der Kurszwang die Zahl von Hundeattacken auf Menschen senkt – zumal jeder fünfte Halter die Kurse schwänzt. Doch gleich abschaffen?

Daniel Ballmer
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Obligatorische Kurse für Hundehalter: Wer teilnimmt, ist meist zufrieden. Allerdings schwänzt jeder Fünfte. (Archivbild)

Obligatorische Kurse für Hundehalter: Wer teilnimmt, ist meist zufrieden. Allerdings schwänzt jeder Fünfte. (Archivbild)

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Das bringt doch alles nichts. Davon ist der Zürcher FDP-Ständerat Ruedi Noser überzeugt. Bereits seit 2008 müssen Hundehalter in der Schweiz mit ihrem Tier einen Theorie- und einen Praxiskurs von je vier Stunden besuchen und einen Sachkundenachweis erwerben. Auch ist für einen weiteren Hund ein Praxiskurs zu absolvieren. Der Nutzen allerdings wird infrage gestellt. Dies geht aus einem Bericht des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hervor. Demnach fehlen klare Beweise, dass die Kurse wirklich nützen und das Obligatorium folglich gerechtfertigt ist.

Solche konkreten Belege wären etwa eine deutliche Abnahme der Vorfälle mit Hunden oder klare Verhaltensunterschiede zwischen Haltern mit und ohne Kursbesuch. Denn hinzu kommt: Trotz drohender Bussen, Gebühren, Verfügungen und Strafanzeigen der Behörden besuche rund ein Fünftel der Hundehalter die obligatorischen Kurse gar nicht.

Für Noser ist deshalb klar: Der Bundesrat soll das Obligatorium für Hundekurse aufheben. Soeben hat er im Parlament eine entsprechende Motion eingereicht. «Der Aufwand für eine Durchsetzung der Bestimmungen wäre gross, während nicht durchgesetzte Obligatorien rechtsstaatlich störend sind», findet Noser. Vielmehr solle die Eigenverantwortung gestärkt werden.

Bund will zentrale Erfassung

Selbst für das BLV ist es denkbar, «im Rahmen einer Kosten-Nutzen-Analyse» auf die Kurspflicht zu verzichten. Im Vordergrund steht für den Bund aber der Vorschlag einer zentralen Erfassung der Halter und absolvierten Hundekurse. Denn die Kantone und Gemeinden würden dies heute «sehr unterschiedlich und meist nicht systematisch» handhaben. Seit 2008 wurden knapp 300 000 Hunde von Haltern in der Schweiz erworben und mussten daher einen Kurs absolvieren.

Ständerat Noser aber steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Bereits im vergangenen Sommer hatte die SVP die Abschaffung der obligatorischen Kurse verlangt: «Nur weil jemand vier Stunden mit seinem Hund in ein Training geht, heisst das noch lange nicht, dass er seinen Vierbeiner danach im Griff haben muss», hatte der Basler SVP-Nationalrat Sebastian Frehner damals argumentiert. Auch seien viele Kurse faktisch zu Verkaufsveranstaltungen für Hundeartikel umfunktioniert worden und reine Geldmacherei.

«Parlament hat völlig überreagiert»

Für Frehner ist das Ganze eine reine Alibiübung: «Nachdem es zu ein paar tragischen Zwischenfällen mit Hunden gekommen ist, hat das Parlament völlig überreagiert.» Dabei würden auch Bissstatistiken nicht belegen, dass die Kurse etwas nützen. Für diese gebe es ja nicht einmal richtige Qualitätskontrollen. Deshalb schaffe man die Kurse besser ab und gehe stattdessen härter gegen fehlbare Hundehalter vor.

Auch Nora Flückiger von der Stiftung Tier im Recht ist von den Praxiskursen nicht restlos überzeugt. Vier Stunden seien für eine wirkungsvolle Prävention zu wenig. Sie zieht aber ganz andere Schlüsse daraus: Eine Abschaffung sei der völlig falsche Weg, vielmehr seien zusätzliche Pflichtstunden angezeigt. Doch auch die Stiftung Tier im Recht nimmt die kritischen Stimmen wahr. Tatsächlich sei der Nutzen schwierig nachzuweisen, weil statistisch nicht alle Daten vorlägen. Flückiger: «Auch wir finden daher, dass es bessere Qualitätskontrollen braucht.»