Die Euro 2008, der drittgrösste Sportanlass der Welt, sei «eine Erfolgsgeschichte» gewesen. Er habe in «euphorischer Stimmung» stattgefunden und der Schweiz das «erhoffte völkerverbindende Fest» beschert, vor allem dank der friedlich feiernden holländischen und portugiesischen Fans. Das hielt die Projektorganisation der öffentlichen Hand der Fussball-Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich im Schlussbericht für den Bundesrat fest.

Auch eher Unangenehmes räumte Benedikt Weibel ein, Delegierter des Bundesrats für die Euro 08: Der wirtschaftliche Return on Investment von Grossanlässen wie der Euro lasse sich nicht beweisen. «Bei der Prognose der durch Sport-Grossveranstaltungen ausgelösten wirtschaftlichen Effekte ist Zurückhaltung geboten», heisst es im Bericht vom 21. Oktober 2008 im Kapitel «Erkenntnisse und Lehren». «Komplexität von Ursache und Wirkung und mannigfache Verdrängungseffekte machen eine solide Messung dieser Effekte fast unmöglich.» Und weiter: «Realistischerweise können von solchen Veranstaltungen weder makroökonomische noch dauerhafte direkte wirtschaftliche Effekte erwartet werden.»

Der Euro-Schlussbericht, der bisher nicht öffentlich war, liegt der «Schweiz am Wochenende» vor. Er zeigt: Die Bilanz der Euro 2008 liegt weniger in wirtschaftlichen Effekten als in ideellen Werten und im Imagetransfer. Der Bericht spricht von «beachtlichen internationalen Image- und Werbewirkungen». Eine Standortmarketing-Umfrage in sechs EU-Staaten vor und nach der Euro 2008 zeigte markante Veränderungen bei Eigenschaften, die man Schweizern nur bedingt zuschreibt: Die Werte für die Begriffe «dynamisch» (von 65 auf 71), «wagemutig» (von 53 auf 58), «leidenschaftlich» (von 52 auf 62) und «temperamentvoll» (von 56 auf 62) stiegen um vier bis neun Prozent an.

Der Bericht betont auch die innovativen Lösungen, welche die Euro hervorgebracht habe. Zum Beispiel das Kombiticket, das in der Geschichte von Sport-Anlässen einmalig war: Wer ein Matchticket hatte, erhielt dazu ein Generalabonnement für den öffentlichen Verkehr in der Schweiz und Österreich für 36 Stunden. Oder der Mehrwegbecher: Damals nahmen die Diskussionen um sie «Züge eines Glaubenskrieges» an, wie es im Bericht heisst. Heute aber sind Mehrwegbecher Standard.

Nachhaltigkeit unterschätzt

Eine Erkenntnis streicht der Bericht ganz besonders heraus: Man habe im Vorfeld der Euro 08 den Aspekt der Nachhaltigkeit unterschätzt. Erst unter dem Eindruck des «Green Goal»-Konzepts der Fussball-WM in Deutschland sei Nachhaltigkeit zum Thema geworden. Der Nachhaltigkeit müsse bei zukünftigen Sport-Grossveranstaltungen «bereits in der Kandidaturphase eine wichtige Bedeutung» beigemessen werden, fordert der Bericht. «Dabei müssen auch die vergebenden Verbände in die Pflicht genommen werden.»

Die Organisatoren der Olympia-Kandidatur Graubünden 2022 hatten diesen Ratschlag vor vier Jahren bereits berücksichtigt. Sie verabschiedeten mit Unterstützung des Beratungsbüros Hirzel. Neef. Schmid. Konsulenten eine Charta für Nachhaltigkeit, Innovation und Vermächtnis (NIV). In ihr waren etwa das Bewusstsein für Tradition und Begrenztheit der Bergwelt enthalten. Oder die Minimierung des Ressourcen- und Energieverbrauchs. Auch der Schutz von Landschaft und Biodiversität, die Senkung des ökologischen Fussabdrucks und die Einhaltung fairer Arbeitsbedingungen waren ein Thema.

Der Schlussbericht zu Graubünden 2022 würdigt das damalige Nachhaltigkeits-Konzept: «Diese langfristige Ausrichtung wird rückblickend als die einzig richtige beurteilt.» Die Stärken der Charta hätten, heisst es, «in der Kommunikation früher und intensiver genutzt werden sollen». Die Bevölkerung lehnte die Spiele zwar ab. Doch die Bündner Regierung formulierte im Regierungsprogramm ähnliche Ziele wie in der Nachhaltigkeits-Charta.

Auch das Komitee «Sion 2026» gewichtet diesen Aspekt hoch. «Wir müssen uns an der Agenda 2020 des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und an der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung der UNO orientieren», sagt Hans Stöckli (SP), Vizepräsident des Komitees. «Mit einem nachhaltigen Eventmanagement setzen wir alles daran, dass die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Risiken auf ein Minimum reduziert werden. Gleichzeitig wollen wir die Kraft der Olympischen Winterspiele nutzen, um mit allen interessierten Kreisen Mehrwerte zu schaffen, welche ein positives Vermächtnis hinterlassen.»

An einen wirtschaftlichen Nutzen der Olympischen Winterspiele glaubt Stöckli sehr wohl. Dabei stützt er sich auf eine Studie des Instituts für Tourismuswirtschaft der Hochschule Luzern von 2017, die Swiss Olympic in Auftrag gab. Sie spricht von zwei Milliarden Investitionen in die Wirtschaft, von bis zu 2,4 Millionen Übernachtungen und von bis zu 5,2 Milliarden Umsatz.