Studie
Was aus Sicht der Kritiker passiert, wenn Blocher eine Zeitung kauft

Das regionale Wochenblatt "Winterthurer Zeitung" hat nach der Übernahme durch Christoph Blocher einer Studie zufolge seine inhaltliche Ausrichtung stark geändert. Die Gratis-Zeitung berichtet demnach häufiger über Politik und viel mehr über die SVP als vorher.

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Christoph Blocher.

Christoph Blocher.

Keystone

Zu diesem Schluss kommt eine am Dienstag veröffentlichte Auswertung des der Übernahme kritisch gegenüberstehenden Vereins für Medienvielfalt rund um den emeritierten Zürcher Medienprofessor Heinz Bonfadelli.

Der Lokaltitel sei entgegen den Beteuerungen der Zeitungsverantwortlichen durch den Eigentümerwechsel im August 2017 zu einer SVP-Zeitung geworden. Bonfadelli geht davon aus, dass sich auch die weiteren von SVP-Übervater Blocher erworbenen Pressetitel in diese Richtung entwickelt haben.

Konkret analysiert wurden 93 Ausgaben der "Winterthurer Zeitung" von März 2017 bis Dezember 2018. Die Zeitspanne umfasst ein halbes Jahr vor der Übernahme des Titels und sechzehn Monate danach. Demnach wurde die Zeitung in ihrem redaktionellen Teil deutlich politischer: Von März bis August 2017 waren rund 92 Prozent der Artikel unpolitisch oder politisch neutral gewesen. Zwischen September 2017 und Ende 2018 waren es nur noch 47 Prozent der Beiträge.

Die SVP konnte im Verlauf eine starke Präsenz in der Zeitung aufbauen. Wurde die Partei im halben Jahr vor der Zeitungsübernahme lediglich in vier Prozent der Artikel erwähnt, lag dieser Anteil danach bei 30 Prozent, wobei die SVP kurz vor den Stadt- und Gemeinderatswahlen in Winterthur vom 8. März 2018 mit 62 Prozent Anteil den Spitzenwert erreichte. Ende 2018 lag der Anteil der SVP bei 56 Prozent.

Nach einer politischen Veranstaltung nimmt am 25. September 1992 der Redner und Nationalrat Christoph Blocher die Gratulationen seiner Mutter Ida Blocher entgegen.
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1969 schloss er sein Studium in Rechtswissenschaften mit dem Lizenziat ab. Im selben Jahr trat er in die Rechtsabteilung der Ems-Chemie AG ein. Bereits als Student war Blocher politisch aktiv. Er gründete die bürgerliche Studentengruppe "Studentenring" an der Universität Zürich mit.
1971 ging die SVP aus der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) und der Demokratischen Partei (DP) der Kanton Graubünden und Glarus hervor. Als ursprünglich rechtsbürgerlich-konservative Partei wandelte sie sich ab den 1980er Jahren unter der inffoziellen Führung Blochers in eine rechtspopulistische Volkspartei. Blocher wurde 1979 in den Nationalrat gewählt. 1987 kandidierte er auch für den Ständerat, scheiterte jedoch an seiner Mitbewerberin Monika Weber. (LdU)
Im Dezember 1980 steht Blocher (im Bild mit seiner Frau Silvia) wegen Veruntreuung vor dem Zürcher Obergericht. Dem Chef der EMS-Chemie wird vorgeworfen, Aktien, die nicht in seinem Besitz waren, verkauft zu haben.
1986 gründete Blocher die Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (AUNS) mit und präsidierte sie bis 2003. Die AUNS ging aus dem Aktionskomitee gegen den UNO-Beitritt hervor. Stellungnahme des Aktionskommittees gegen den UNO-Beitritt der Schweiz mit Otto Fischer, Hubert Reymond und Christoph Blocher, von links nach rechts, an einer Pressekonferenz im Februar 1986 in Bern.
Aufwärtstrend bei der SVP: Ab Mitte der 1980er Jahre gewann die Partei zunehmend an Wählerstimmen.
Die beiden Nationalräte Moritz Leuenberger (SP) und Christoph Blocher im Gespräch 1990. Jahre später sollten die beiden gemeinsam im Bundesrat sitzen.
Blocher mit seiner Frau Silvia und Parteikollege Ueli Maurer während der Nationalratswahlen 1995. Maurer wurde 1991 in den Nationalrat gewählt.
1992 stellte sich die SVP als einzige Regierungspartei gegen einen Schweizer Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Mit einer knappen Mehrheit gewannen sie die Abstimmung. Für Blocher ein enormer Prestigesieg.
Blocher stand 1537 Tage im Dienst der Schweizer Armee. Zuletzt stand er als Oberst dem Luftschutz-Regiment 41 vor. 1992 übergab er das Kommando an seinen Nachfolger.
Bei den Parlamentswahlen 1999 erreichte die SVP im Nationalrat einen Erdrutschsieg: Die Partei gewann 15 Sitze und wurde von der viertgrössten zur stärkten Partei.
Jubel bei der SVP: Blocher schafft 2003 die Wahl in den Bundesrat. Mit der Wahl erhielt die SVP erstmals einen zweiten Bundesratssitz und sprengte die so genannte Zauberformel. Doch Blochers Amtsführung sorgte zunehmend für Unmut: Wiederholt verletzte er das Kollegialitätsprinzip und mischte sich immer wieder in die Geschäfte der übrigen Bundesräte ein.
Knall bei den Bundesratswahlen 2007: Blocher wird nicht wiedergewählt. Stattdessen zieht Sprengkandidatin Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat ein.
«So scheide ich hier aus dieser Regierung aus, aber nicht aus der Politik», sagte Blocher nach der Abwahl in seiner Rede vor der Bundesversammlung.
Durch den Rücktritt von Samuel Schmid wurde 2008 ein Bundesratssitz frei; die SVP-Fraktion nominiert Blocher nochmals als Kandidaten – ohne Erfolg.
Bei den Parlamentswahlen 2011 bewarb sich Blocher im Kanton Zürich um einen Sitz im Ständerat wie auch im Nationalrat. Er wird in den Nationalrat gewählt, den Ständeratssitz verpasst er jedoch. Im Bild mit Christoph Mörgeli und Natalie Rickli.
2014 hat Blocher genug. Auf seinem Internetportal "teleblocher" gibt er seinen Rücktritt aus dem Nationalrat bekannt.

Nach einer politischen Veranstaltung nimmt am 25. September 1992 der Redner und Nationalrat Christoph Blocher die Gratulationen seiner Mutter Ida Blocher entgegen.

Keystone

Eine von über 30 Blocher-Lokaltiteln

Bonfadelli schreibt, dass das Bild zusätzlich verstärkt werde, wenn die Präsenz der bürgerlichen "Allianz für Winterthur" gesamthaft betrachtet und auch die durch den Hauseigentümer-Verband (HEV) und die KMU-Vereinigung dominierten politischen Beiträge mit einbezogen würden. Nach der Übernahme waren demnach SVP, FDP, CVP und HEV/KMU in 50 Prozent der Beiträge präsent, während die Parteien von Mitte bis Links (EVP, Grüne, SP und AL) lediglich auf elf Prozent kamen. Die GLP war in rund drei Prozent der Beiträge präsent.

Die "Winterthurer Zeitung" erscheint in der sechstgrössten Stadt der Schweiz mit einer Auflage von rund 66'000 Exemplaren. Laut eigenen Angaben hat sie ein "klares redaktionelles Profil".

Das Blatt gehört zum Lokalanzeiger-Verlag Zeitungshaus der Blocher-Beteiligungsfirma Robinvest. Zeitungshaus respektive deren Tochter Swiss Regiomedia gibt 31 Lokalzeitungen in der Ost- und Zentralschweiz sowie in den Kantonen Aargau, Bern, Solothurn und Zürich heraus. Vor dem Kauf durch Blocher gehörte die "Winterthurer Zeitung" zum Wochenzeitungsverlag der Ostschweizer Verleger-Familie Zehnder. Anfang Jahr übernahm das Blatt den im Werbemarkt konkurrenzierenden "Winterthurer Stadtanzeiger".