Lichtverschmutzung
Warum zu viel Licht der Gesundheit schadet

Der Mangel an Dunkelheit irritiert die Natur – und macht den Menschen krank. Warum das so ist, haben Forscher herausgefunden. Sie plädieren auch für eine «Licht-Diät».

Jörg Zittlau
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Auch in der Schweiz wird die Dunkelheit der Nacht immer mehr vom Neonlicht verdrängt, wie hier in Oerlikon. Keystone

Auch in der Schweiz wird die Dunkelheit der Nacht immer mehr vom Neonlicht verdrängt, wie hier in Oerlikon. Keystone

Wer in den Nachthimmel guckt, entdeckt selbst bei wolkenfreiem Szenario nur noch selten die komplette Pracht der Sternenbilder. Und dies gilt nicht nur für Weltstädte wie New York und London. «Auch die Schweiz verfügt über keine Landesfläche mehr, wo noch ganz natürlich dunkle Nachtverhältnisse vorkommen», meint Umweltingenieur René Kobler von der Fachhochschule Westschweiz.

Strassenlampen, Autoscheinwerfer, Sky-Beamer, Leuchtreklame und glitzernde Bürotürme – Licht, so weit das Auge reicht. Doch das Ausbleiben der sternenklaren Nacht ist weit mehr als nur Erlebnisverlust. Wissenschafter warnen, dass die zunehmende «Verlichtung» der Welt sich auch auf Natur und menschliche Gesundheit niederschlägt.

Auswirkungen auf die Natur

So wachsen Algenteppiche an glitzernden Hafenmetropolen wie Schanghai, Sydney und New York besonders schnell und üppig. «Es zeigen sich aber auch Auswirkungen auf das Verhaltensmuster von Tieren, weil das in starkem Masse vom Licht gesteuert wird», erklärt Franz Hölker, Ökologe und Leiter von «Verlust der Nacht», einem interdisziplinären Forschungsprojekt zur weltweit grassierenden Lichtverschmutzung. Vögel prallen, irritiert vom Streulicht, gegen erleuchtete Hochhäuser, und Froscharten haben kaum mehr Zeit für Sex. Sie werden durch das Permanentlicht zur Fortpflanzungseile gedrängt. «Dadurch paaren sie sich möglicherweise mit Partnern, die sie sonst verschmähen würden», erläutert der Berliner Wissenschafter.

Sein Schweizer Kollege René Kobler hat seine Diplomarbeit zur Lichtverschmutzung geschrieben, und darin betont er, dass vor allem Insekten «extrem empfindlich auf Aussenraumleuchten reagieren». Strassenlaternen etwa wirken auf Mücken, Eintagsfliegen, Nachtfalter und andere Insekten wie ein Staubsauger. Tausende dieser Tiere verenden bei ihren Ausflügen ins Licht – und dann fehlen sie im Ökosystem. Beispielsweise als Nahrung für Vögel. Insekten hingegen wie etwa die Nachtfalter fallen als Bestäubungsgehilfen der Pflanzen aus.

Doch auch der Urheber der Lichtverschmutzung, der Mensch, leidet unter den Leuchtorgien. Sie führen dazu, dass seine Zirbeldrüse weniger Melatonin produziert. Die möglichen Folgen sind Schlaf- und Gedächtnisstörungen. «Langfristig können aber auch die Funktionen von Herz, Kreislauf, Verdauungstrakt und Immunsystem beeinträchtigt werden», warnt Hölker. «Solche Effekte kennt man von Schichtarbeitern, die einem wechselnden Tag-und-Nacht-Rhythmus ausgesetzt sind.»

Brustkrebsrisiko erhöht

Israelische Forscher fanden heraus, dass Frauen, die bei Licht schlafen, ein um 22 Prozent erhöhtes Brustkrebsrisiko haben. In einer anderen Studie verglich man die Daten des israelischen Krebsregisters mit Satellitenbildern der Nasa, aus denen man die Lichtbelastung einzelner Regionen ableiten konnte. Das Ergebnis: Die Brustkrebsrate war bei Frauen in durchschnittlich beleuchteten Gegenden um 37 Prozent höher als bei denen in dunkleren Vierteln. In den hellsten Gebieten war die Rate sogar um weitere 27 Prozent erhöht. Studienleiter Avraham Haim von der Universität Haifa betont zwar, dass es mehrere Risikofaktoren für Brustkrebs gebe, doch er warnt auch: «Licht ist nicht nur eine Quelle der Umweltverschmutzung, sondern auch ein Karzinogen.»

Doch die Dunkelheit gerät immer mehr in die Defensive. «Wir haben in einigen Regionen einen Lichtzuwachs von bis zu 20 Prozent pro Jahr beobachtet», berichtet Hölker. Im Durchschnitt liegt der Zuwachs weltweit bei sechs Prozent pro Jahr. Ein Trend, den es zu stoppen gilt, wenn Ökologie und menschliche Gesundheit nicht noch mehr irritiert werden sollen. Die Forscher von «Verlust der Nacht» erarbeiten deshalb eindeutige Schwellenwerte, ab denen Kunstlicht schädlich sein kann, um anschliessend die Öffentlichkeit dafür zu sensibilisieren.

Ausserdem gibt man Ratschläge zu einer «Licht-Diät». Wie etwa, dass man beim Verlassen des Hauses nicht die Lampen angeschaltet lässt, um Einbrecher abzuhalten. Denn diese Strategie treibt nicht nur die Lichtemission nach oben. «Sie ist auch sinnlos», erläutert Hölker, «denn die Festbeleuchtung erleichtert dem Einbrecher nur seine Arbeit.»