Es war ein halbes Jahr vor den letzten Parlamentswahlen und die Welt in bester Ordnung. Bundesrat Christoph Blocher erzählte am Radio einen Witz über Moritz Leuenberger, wenig später hatte er einen Auftritt in einer Comedy-Sendung des Schweizer Fernsehens. Es war die hohe Zeit eines kastrierten Zwergziegenbocks und Parteimaskottchens namens Zottel. Und die Medien nölten über einen Spasswahlkampf, der ein paar pflichtschuldig ausgetragene Show-Gefechte, aber keine Überraschungen mehr bringen würde.

Dieses Mal ist alles anders: Protagonisten, Politologen und überhaupt der komplette Politzirkus erwarten ein Wahlkampfjahr voller Schweiss und Tränen. Es ist denn absehbar, dass es mit Kompromissen in sachpolitischen Fragen noch schwieriger sein wird. Selbstverständlich werden wir auch ungeheure Materialschlachten erleben. Die SVP wird Millionen und Abermillionen ihrer bekanntunbekannten Sponsoren investieren. Im Vergleich zu früher ebenfalls klotzen wird die Konkurrenz: Bereits
Ende 2007 haben CVP, FDP und SP Kriegskassen fürs Wahljahr 2011 angelegt. Um auf sich aufmerksam zu machen und die Basis zu mobilisieren, lancieren CVP, FDP, Grüne und Grünliberale je eine Volksinitiative, die SP sammelt Unterschriften für zwei, die SVP gar für drei eigene Initiativen (Aufstellung unten).

Man hat heute eine dickere Haut

Trotzdem: Da dieses Mal alles anders ist, könnte das Publikum den anstehenden Wahlkampf effektiv bis zum Schluss als ereignisarm erleben. Es ist doch so: Was wenige Monate nach der erwähnten Humor-Offensive von Christoph Blocher im Wahljahr 2007 übers Land hereinbrach – das lässt sich an Dramatik wie an Kuriosität gar nicht mehr überbieten.

Das fing an mit dem Rummel wegen der SVP-Plakate mit den schwarzen Schäfchen. Gut einen Monat vor dem Wahltag erhob die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrates schwerste Vorwürfe an die Adresse von Justizminister Blocher: Er sei in einen Komplott gegen den früheren Bundesanwalt involviert gewesen. Später störten Chaoten eine SVP-Kundgebung und zerstörten dabei – so suggerierten es zumindest die Fotos in allen Zeitungen – die gesamte Berner Innenstadt. Nach den Parlamentswahlen setzte sich das Theater während Monaten fort.

All diese bizarren Ereignisse haben den Bewohnern dieses Landes eine dicke Haut beschert. Die politische Kultur in der Schweiz hat sich in den letzten drei Jahren radikal verändert, die Reizschwelle ist permanent hinaufgesetzt worden. Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, dass sich Herr und Frau Schweizer vom Wahlkampf 2011 nicht mehr derart emotionalisieren lassen wie 2007 – gerade weil sie sich jetzt auf eine hitzige Zeit einstellen.

SVP als wahre Internationalistin

Der Wandel im Inland jedoch ist nur das eine. In jüngster Vergangenheit hat sich das Koordinatensystem in ganz Europa nach rechts verschoben. Nach einem langen Jahrzehnt zwischen Aufbruchstimmung und Selbsthinterfragung suchen immer mehr Westeuropäer ihr Heil in Nationalismus und Rechtskonservatismus. Selbst in Holland und Schweden lässt sich ohne die harte Rechte kein Staat mehr machen.

Für das Schweizer Wahljahr 2011 heisst das: Sollten die Grenzen des guten Geschmacks bald wieder überschritten werden, fehlt das Korrektiv aus dem Ausland. 2007 begannen hierzulande viele erst richtig an der erwähnten Plakatkampagne der SVP Anstoss zu nehmen, als ausländische Medien deswegen über die Schweiz herfielen wie der böse Wolf über das selbstzufriedene Schaf. Vor allem aber führt einem der rechte Backlash in Europa vor Augen: In der Schweizer Parteienlandschaft ist die SVP die wahre Internationalistin. Wohl hilft sie nach Kräften mit, das Steuer immer weiter nach rechts zu drehen. Doch eigentlich fährt sie einfach nur im Beiwagen einer gesamteuropäischen Bewegung. Wirklichen Auftrieb gibt der Partei der internationale Zeitgeist.

Damit ist auch schon gesagt, dass sich die grosse Siegerin der letzten Wahlen in einem Jahr gut wird halten können. Indessen dürfte ein als lau wahrgenommener Wahlkampf dazu führen, dass sich das historische Spitzenergebnis nicht wiederholen oder gar übertreffen lässt. Denn es war die SVP, die 2007 von der aufgepeitschten Stimmung besonders profitierte, deren Sympathisanten das gehässige Klima überdurchschnittlich an die Urnen trieb.