Julian Assange ist ein Mann, der weiss, wie man sich Feinde macht: Vor zwei Wochen veröffentlichte seine Internetplattform Wikileaks 400000 vertrauliche US-Militärdokumente aus dem Irak-Krieg. Ein halbes Jahr zuvor stellte der australische Enthüllungsaktivist auf der gleichen Plattform 90000 Memos aus dem Afghanistan-Konflikt ins Netz. Seither fühlt er sich von Geheimdiensten verfolgt und bedroht.

Mit Sonnenbrille stellte er sich am Donnerstag in Genf dann trotzdem vor die Medien, um die USA für Menschenrechtsverletzungen im Irak- und Afghanistankrieg zu geisseln. Etwas später am selben Tag dachte er in einem Interview mit dem Westschweizer Fernsehen laut darüber nach, in der Schweiz politisches Asyl zu beantragen. Hier fühle er sich sicher. «Zu Recht», sagt der deutsche Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom: «Der Schweizer Nachrichtendienst lässt sich nur schon wegen des Neutralitätsprinzips nicht von anderen Staaten unter Druck setzen und wird in dieser Angelegenheit nicht mit den Amerikanern zusammenarbeiten.»

Assange bleibt ein getriebener Mann

Assanges Chancen auf Asyl sind dennoch minim, wie das Bundesamt für Migration (BFM) gestern in einer Mitteilung klarmachte: Will der Kopf von Wikileaks den Flüchtlingsstatus, muss er belegen können, dass ihm sein Heimatstaat Australien nicht genügend Schutz bieten kann. «Sonderregelungen», so schreibt das BFM, gebe es keine, auch nicht «für öffentlich bekannte Personen». Einen anderen Strohhalm gibt es aber: «Wenn Herr Assange Wikileaks in der Schweiz als Unternehmen gründet und Arbeitsplätze schafft, könnte er laut Ausländergesetz eine Aufenthaltsbewilligung erhalten», erklärt der emeritierte Freiburger Staatsrechtsprofessor Thomas Fleiner.

So oder so: Assange bleibt ein getriebener Mann. In den USA plant die bei den Kongress- und Senatswahlen siegreiche republikanische Partei eine Lex Wikileaks, welche die Veröffentlichung geheimer Dokumente der Spionage gleichstellt und Assanges Enthüllungsaktivitäten kriminalisiert. In Schweden ermittelt die Justiz gegen Assange wegen Verdachts auf sexuelle Belästigung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass etwa die USA Assange während seines Aufenthalts in der Schweiz zur Verhaftung ausschreiben, ist gering. «Die Amerikaner wollen das Thema nicht mediatisieren», sagt Marc Forster, Professor für Strafrecht und internationale Rechtshilfe an der Universität St.Gallen. Und sowieso hätten die Schweizer Behörden den Ruf, Auslieferungsbegehren im Zweifelsfall auch bei grossem Druck abzulehnen.