Wer 1988 schon auf der Welt und kein Kleinkind war, mag sich vermutlich daran erinnern: Bundesrat Adolf Ogi erklärte der Nation damals vor laufender Kamera, wie man Eier auf die energieeffizienteste Weise kocht (nämlich, indem man nur zwei Finger breit Wasser in die Pfanne füllt, den Deckel drauflegt und den Herd abstellt, sobald das Wasser sprudelt).

Ogi, damals Vorsteher des Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements, wollte die Bevölkerung dafür sensibilisieren, dass sie ohne Einbussen an Lebensqualität den Stromverbrauch reduzieren kann.

Die Kampagne liegt bald dreissig Jahre zurück – und noch immer wird der Berner Oberländer darauf angesprochen. «Jahrelang erhielt ich Briefe von Hausfrauen, die mir von der Wirksamkeit der Methode erzählten», sagt er. Besonders viel Post sei aus Japan eingetroffen. «Keine Ahnung, wie das den Rundgang gemacht hat», sagt er und lacht.

Jedenfalls habe sich die anschauliche Art des Politisierens bewährt. «Trockene Theorie berührt die Bevölkerung nicht, man muss gute Ideen auch sichtbar machen», so Ogi. Hinter der damaligen Aktion stehe er immer noch «voll und ganz».

Leuthard verweist auf Ogi

«Energieeffizienz» ist freilich kein Ausdruck, der nach 1988 wieder in Vergessenheit geraten ist. Im Gegenteil: In Zeiten von Klimaerwärmung und dem damit verbundenen Bestreben, den CO2-Ausstoss zu drosseln, ist es sozusagen das Gebot der Stunde – und ein wesentlicher Bestandteil des Energiegesetzes, über das am kommenden Sonntag abgestimmt wird. Denn die Richtwerte des ersten Energiestrategie-Pakets sehen vor, den Energieverbrauch pro Kopf bis 2035 (gegenüber 2000) um 43 Prozent zu senken, den Stromverbrauch um 13 Prozent.

Kein Wunder, wird im aktuellen Abstimmungskampf Adolf Ogis Eierkoch-Methode wieder aus der Versenkung geholt. «Energiesparen ist ja nichts Neues. Schon mein Vorvorgänger zeigte, wie es geht», sagte etwa Bundespräsidentin Doris Leuthard kürzlich im «Blick».

Bedeutet das, dass der frühere «Energiesparer der Nation» das Energiegesetz mit seinen Richtwerten unterstützt? «Kein Kommentar», heisst es dazu aus dem Bernbiet. Er werde nicht öffentlich kundtun, wie er abstimme, sagt er. Hintergrund seines «Rumeierns»: Adolf Ogi war nicht nur Bundesrat, er ist auch Mitglied der SVP, die das Referendum gegen das Gesetz ergriffen hat.

Die Diskussion rund um die Sparziele der Energiestrategie läuft aber natürlich auch ohne sein Zutun. Zentraler Punkt dabei: Wird es möglich sein, gleichzeitig den Gesamtenergie- wie auch den Stromverbrauch zu senken? Die Frage ist von besonderer Brisanz, weil insbesondere im Gebäudebereich (Wärmepumpe statt Ölheizung) und im Verkehr (Elektro- statt Benzinmotor) Substitutionen erwartet werden. Sogar Energiewende-Befürworter wie ETH-Professor Anton Gunzinger setzen deshalb Fragezeichen hinter die Richtwerte. «Gemäss unseren Berechnungen werden wir das, was wir durch Effizienzmassnahmen gewinnen, über vermehrte Elektromobilität und Wärmepumpen wieder ‹kompensieren›», sagte er gegenüber dieser Zeitung.

«Absolut realistisch»

Das federführende Bundesamt für Energie (BFE) teilt diese Auffassung naturgemäss nicht. «Das Ziel ist auch im Strombereich absolut realistisch», sagt Sprecherin Marianne Zünd. Sie verweist zum Beispiel darauf, dass der Stand-by-Modus von Haushaltsgeräten bis zu 10 Prozent des Stromverbrauchs ausmache oder dass rund 40 Prozent eingespart werden könnte, wenn alle Haushaltgeräte auf einen Schlag durch die derzeit stromeffizientesten Geräte ersetzt würden. Besonders viel Sparpotenzial gebe es bei Elektromotoren, wie man sie etwa in Liften oder Förderbändern findet. «Mit effizienteren Motoren und optimiertem Betrieb kann der Verbrauch häufig um 20 bis 30 Prozent vermindert werden», so Zünd.

Die technischen Vorschriften für Elektrogeräte und -motoren werden laufend verschärft. In aller Regel übernimmt die Schweiz hierbei Richtlinien der EU – auch, weil nur wenige Geräte in der Schweiz hergestellt werden. Der Status quo sei durchaus im Sinne der Industrie, sagt Sonja Studer, Ressortleiterin Energie bei Swissmem. «Wo es sinnvoll ist, optimieren die Unternehmen jetzt schon ihren Stromverbrauch.» Weil das Stromsparziel zu ambitioniert ist, befürchtet der Branchenverband, dass der Bundesrat eines Tages nicht darum herumkomme, strengere Vorschriften als im umliegenden Ausland zu verordnen – was der Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz schaden würde, so Studer.