Es ist nur ein kleiner Moment der Unachtsamkeit. Und schon liegt die 20-Franken-Note auf dem Boden. Herausgefallen aus der Hose von Sepp Blatter. Er merkt es nicht. Und gleichzeitig, wie ihm sein eigenes Geld entgleitet, entgleitet ihm auch die Gelassenheit, mit der er den bisherigen Abend über sich ergehen liess. «Eine Frechheit ist so eine Aussage! Eine Frechheit!»

Der Mann, der Blatter aus seiner Haut fahren lässt, heisst Luis Moreno Ocampo. Am Ende einer hochkarätig besetzten Diskussion über mögliche künftige Fifa-Reformen an der Universität Basel sagt der ehemalige Chefankläger des internationalen Strafgerichtshof (2003-2012): «Blatter ist ein schlauer Mann. Auch wenn er nicht in jeden Skandal persönlich involviert ist. Ich denke, er wusste davon. Und trotzdem ist er immer still geblieben. Warum? Weil er so das Spiel weiter unter Kontrolle halten konnte. Aber der Ball rollte doch längst in die falsche Richtung. Stille hilft nicht, die Korruption zu bekämpfen.»

20 Basler Studierende absolvierten in der vergangenen Woche ein Seminar zum Thema Fifa-Reformen. Sobald die Lösungsansätze finalisiert sind, übergeben sie ihre Ideen dem neuen Fifa-Präsidenten Gianni Infantino. «Wenn er sie denn will», sagt Mark Pieth, der ehemalige Fifa-Reformer, der die Diskussion leitet.

Das gewohnte Dribbling

Blatter ist auch deshalb nach Basel gekommen, um noch einmal eine Plattform für seine Sicht der Dinge zu erhalten. «Erst musste ich wissen: Hat diese Veranstaltung irgendetwas mit Fussball zu tun? Schliesslich bin ich ja immer noch gesperrt.» Die Prise Selbstironie entlockt selbst dem mehrheitlich kritischen Publikum ein Lächeln.

Wirklich überzeugend ist Blatter in seinen Ausführungen indes nicht. Egal, worum es ging, ob um Menschenrechte, um Korruption oder um Steuern – Blatters Worte gemahnen sehr an verbales Dribbling. Er kann erst behaupten, man müsse stärker gegen Rassismus vorgehen, um nur kurze Zeit später auszuweichen bei der Frage, warum Russland oder Katar Weltmeisterschaften ausrichten dürfen, obwohl Homophobie in diesen Ländern alltäglich ist.

Einige interessante Aspekte verrät er gleichwohl. Beispielsweise, dass am Abend vor der WM-Vergabe nach Katar die USA noch mit 12 zu 10 Stimmen im Vorsprung lagen. «Eine Dinner-Party von Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy änderte alles. Vier Exekutiv-Mitglieder dachten plötzlich anders.» Die Verbindungen von Sarkozy zu den Scheichs aus Katar sind längst offengelegt. Und dann, in seinen Schlussausführungen, spricht Blatter noch einmal einen bemerkenswerten Satz. Ob er etwas von seinem Tun bereue, ist die Frage. «Nein, ich bereue nichts, was ich gemacht habe», sagt er, «aber ich bereue, dass ich nicht genug gemacht habe, um die Fifa auf den guten Weg zurückzubringen.»

Die wegweisende Wahl

Ganz ohne Zwischentöne verläuft die Veranstaltung an der Universität nicht. Einige Unverbesserliche stören die Diskussion mit Trillerpfeifen und wüsten Parolen. «Schämt euch!» ruft ihnen Blatter zu.

Der Fifa stehen interessante Wochen bevor. Eine der wichtigsten Fragen: Wen ernennt Präsident Gianni Infantino zum Generalsekretär? «Ist es einfach ein Freund? Oder wirklich eine starke Person? Die Wahl wird zeigen, in welche Richtung die Fifa geht», sagt Luis Moreno Ocampo.

«Acht Jahre, wofür?»: So reagiert Sepp Blatter an seiner Medienkonferenz auf die Sperre (21.12.2015).

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Sepp Blatter nimmt eine Stunde nach der Urteilsverkündung Stellung zu seiner Sperre.