Wohnbevölkerung
Warum Schweizer Städte ihre Grösse grosszügiger auslegen als der Bund

Hat die Stadt Zürich nun 400'000 Einwohner oder nicht? Die offiziellen Zahlen können verwirren. Denn: Bund und Kantone zählen unterschiedlich.

Antonio Fumagalli
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Wie viele Personen wohnen in den grossen Schweizer Städten? Je nach Definition sind es nicht immer gleich viele.

Wie viele Personen wohnen in den grossen Schweizer Städten? Je nach Definition sind es nicht immer gleich viele.

KEYSTONE

Die Verwirrung war perfekt: Vor einigen Wochen schrieb die «Nordwestschweiz» an dieser Stelle über die rot-grünen Schweizer Städte, die sich auf gesamtschweizerischer Ebene mehr Einfluss wünschen. Als Illustration diente eine Übersichtskarte mit der Einwohnerzahl der grössten Städte, wobei Basel – gestützt auf Angaben des Städteverbandes – mit 168 620 Personen ausgewiesen wurde.

In der baselstädtischen Verwaltung kam das gar nicht gut an, schliesslich habe die Stadt doch über 175 000 Einwohner. Man habe somit eine Ortschaft in der Grösse von Rorschach oder Gstaad unterschlagen, teilten die Behörden geharnischt mit.

Studentin nicht doppelt zählen

Ja, was stimmt jetzt? Die einzig richtige Antwort ist: beides. Der Verwirrung liegt eine unterschiedliche Zählweise zugrunde, welche die grösseren Schweizer Städte und das Bundesamt für Statistik (BFS) – oder eben der Städteverband als dessen Abnehmer – hauptsächlich verwenden, um die Wohnbevölkerung zu messen.

Das BFS weist in seinen Hauptstatistiken die sogenannte «ständige Wohnbevölkerung» aus. Das sind in der Schweiz gemeldete Personen mit schweizerischer Staatsangehörigkeit, ausländische Staatsangehörige mit einer Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung und Personen im Asylprozess mit einer Aufenthaltsdauer von mindestens zwölf Monaten.

Die meisten Schweizer Städte hingegen verwenden in der Regel eine andere Definition, wenn sie von ihrer Wohnbevölkerung sprechen. Zusätzlich zur ständigen zählen sie auch die nichtständige Wohnbevölkerung mit – also Ausländer mit einer Kurzaufenthaltsbewilligung und Personen im Asylprozess mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zwölf Monaten. Hinzu kommt die Wohnbevölkerung am Nebenwohnsitz, zumeist Wochenaufenthalter. Alles zusammen ergibt dann die «wirtschaftliche Wohnbevölkerung» – ein Begriff, der bis 2000 für die Volkszählungen galt, heute aber immer noch verwendet wird.

Bei den Wochenaufenthaltern ist die grosse Mehrheit zwischen 20 und 30 Jahre alt und in Ausbildung – etwa die Studentin, die in Bern zur Uni geht, ihre Papiere aber noch bei den Eltern in Sumiswald deponiert hat. Damit sie, gesamtschweizerisch betrachtet, nicht doppelt gezählt wird, kann sie in der Stadt nicht zur ständigen Wohnbevölkerung gezählt werden – ist es doch diese statistische Grösse, die etwa für die Berechnung der Nationalratssitze pro Kanton relevant ist.

Die psychologische Marke

Am exemplarischsten zeigt sich der Unterschied zwischen den beiden Definitionen wohl am Beispiel der Stadt Zürich: Würde man eine Strassenumfrage machen und die Passanten nach der Einwohnerzahl ihrer Stadt fragen, würden wohl nicht wenige mit «irgendetwas über 400 000» antworten. Denn das Überschreiten dieser psychologischen Marke wurde im Januar 2014 von den Zürcher Stadtbehörden prominent kommuniziert, zahlreiche Medien berichteten darüber. Die Zahl brannte sich in den Köpfen der Leute ein.

Per Ende 2014 wies die Stadt Zürich eine wirtschaftliche Wohnbevölkerung von 404 783 Personen aus. Das Bundesamt für Statistik seinerseits verwendet fürs gleiche Stichdatum – welches das gesamtschweizerisch aktuellste ist, siehe Infobox – die Zahl von 391 359 Personen als ständige Wohnbevölkerung. Ob die grösste Schweizer Stadt auch gemäss dieser Definition mittlerweile die 400 000er-Grenze geknackt hat, konnte die Statistikabteilung gestern Nachmittag nicht eruieren. Die effektive Zahl liegt jedenfalls in der Nähe dieser Marke.

«Sie sind ein Wirtschaftsfaktor»

Warum aber rechnen die Schweizer Städte «grosszügiger» als der Bund? Der Grund dafür ist praktischer Natur: Auch die nichtständige Wohnbevölkerung und die Wochenaufenthalter benutzen die städtische Infrastruktur wie den öffentlichen Verkehr, sie belegen Wohnungen und gehen einer Arbeit nach. Kurz: «Sie sind ein Wirtschaftsfaktor, den es zum Beispiel bei der Planung von Verkehr, Gesundheit und Wohnungsbau zu berücksichtigen gilt», sagt Peter Laube vom Statistischen Amt Basel-Stadt. Ähnlich tönt es in der Bundesstadt: «Wenn man die rund 8000 Wochenaufenthalter in Bern nicht zählen würde, könnte das zu Engpässen zum Beispiel in der Abfallbeseitigung oder im öV-Angebot führen», so Statistik-Leiter Thomas Holzer.

Ständige Wohnbevölkerung vs. Wirtschaftliche Wohnbevölkerung

Ständige Wohnbevölkerung: Dazu zählen hauptsächlich Schweizer Staatsangehörige mit Hauptwohnsitz in der Schweiz, Ausländer mit einer Aufenthalts- oder Niederlassungsbewilligung und Personen im Asylprozess mit einer Aufenthaltsdauer von mindestens zwölf Monaten.

Wirtschaftliche Wohnbevölkerung: Hier kommen hauptsächlich noch Ausländer mit einer Kurzaufenthaltsbewilligung, Personen im Asylprozess mit einer Aufenthaltsdauer von weniger als zwölf Monaten und Wochenaufenthalter hinzu.

Dass sie auch aufs Prestige – im Sinn von: je grösser, desto besser – schielen, weisen die Schweizer Grossstädte von sich. Lukas Wigger vom Präsidialdepartement der Stadt Zürich sagt mit Blick auf die öffentliche Infrastruktur: «Es geht nicht darum, eine möglichst hohe Zahl zu erreichen, sondern die für die jeweilige Fragestellung relevante. Als Entscheidungsgrundlage für gewisse Fragestellungen auf kommunaler Ebene ist die wirtschaftliche Bevölkerungszahl die sinnvollere.»