Radikalisierung

Warum reisen Schweizer in den Dschihad, Herr Mansour?

Ahmad Mansour.

Ahmad Mansour.

Als junger Palästinenser in Israel war Ahmad Mansour ein Islamist. Heute betreut der Psychologe in Berlin Dschihad-Rückkehrer und ihre Angehörigen. Dass Schweizer nach Syrien ausreisen möchten, erstaunt ihn nicht.

Junge Menschen aus der Schweiz zieht es in den Dschihad. Warum? 

Ahmad Mansour: Wir haben es mit einem Phänomen zu tun, das sich nicht auf einzelne Städte oder Staaten beschränkt, sondern Jugendliche in ganz Europa betrifft. Jugendliche, die in den Irak oder nach Syrien gehen, um bei Isis oder al-Kaida zu kämpfen, sind nur die Spitze des Eisbergs. Noch viel mehr junge Menschen sind radikalisiert und bleiben in Europa. Und manche von ihnen begehen ihre Taten hier. Das Phänomen heisst für mich darum nicht Isis. Das Phänomen ist die Radikalisierung unter Jugendlichen. 

Was reizt denn Jugendliche überhaupt am radikalen Islam, dem Salafismus?

Jugendliche, die sich davon angesprochen fühlen, sind immer auf der Suche nach etwas: Orientierung, Halt, Aufgaben, einem dichotomischen Weltbild von Schwarz und Weiss, von Gut und Böse. Psychologisch betrachtet, handelt es sich um verlorene Seelen, denen eine starke Vaterfigur oder mütterliche Liebe fehlt. Viele neu Radikalisierte reden von einer «zweiten Geburt». Die soziologische Erklärung ist, dass Jugendliche mit der Ideologie rebellieren und sich von der Mehrheitsgesellschaft oder den Eltern abgrenzen. Bei den Salafisten bekommen sie das Gefühl, etwas bewegen zu können.

Haben Salafisten also leichtes Spiel bei Jugendlichen?

Ja, aber nicht, weil sie das alles erfunden hätten. Die Inhalte, die sie vermitteln, sind schon in Teilen des Mainstream-Islamverständnisses vorhanden, wo auch eine Angstpädagogik präsent ist. Damit meine ich beispielsweise ein Gottesbild, das klare Vorgaben gibt, keine Zweifel zulässt und bestraft. Ich rede von Buchstabenglaube und von Geschlechtertrennung, die man in Moscheen findet. Jugendliche kennen solche Inhalte schon vor ihrer Radikalisierung. Die Salafisten spitzen sie nur zu und sprechen darüber hinaus die Sprache der Jugendlichen.

In Ihrer Jugend waren Sie selbst ein Islamist. Wie kam es dazu?

Nicht anders als bei vielen anderen. Mit 13 Jahren war ich ein Aussenseiter und mein Leben war langweilig. Bis mich eines Tages ein Imam ansprach und einlud. Darauf war ich stolz. Bei den Besuchen beim Imam lernte ich Freunde kennen und fing an, den Koran zu studieren. Erst als ich glücklich, aber auch abhängig war, stellte der Imam zunehmend die Ideologie in den Vordergrund. Auf einmal ging es um Feindbilder, um den Islam, der über alle anderen siegen wird, oder um die Frau, die sich verhüllen müsse. Ich ging weiterhin zum Imam, weil ich endlich Aufgaben bekommen habe, unabhängig von den Eltern geworden bin und besser als diejenigen, die mich gemobbt hatten.

«Ich war Islamist: Ahmad Mansour über Bildung und Radikalisierung» – SRF Kulturplatz vom 14.1.2015:

Ich war Islamist: Ahmad Mansour über Bildung und Radikalisierung: Kulturplatz, 14.01.2015

Wie kamen Sie davon weg?

Das Studium war meine Rettung. In Tel Aviv kam ich in eine ganz andere Umgebung mit neuen Leuten und anderen Büchern. So wurde mir rasch die Doppelmoral des Imams bewusst, wenn er zum Beispiel Gerechtigkeit predigte, seiner Schwester aber das Erbe verweigerte. Trotz dieser Erkenntnis war das Loslösen für mich ein langer Prozess, der mit vielen Ängsten verbunden war und Jahre dauerte.

Radikalisierung ist das eine. Dann in ein Kriegsgebiet zu ziehen, bleibt ein grosser Schritt. Was gibt den Ausschlag?

Die Propagandamaschinerie des Islamischen Staats ist unfassbar gut ausgebaut und spricht unterschiedliche Gruppierungen an, nicht nur gewaltbereite Jugendliche. Es gibt auch Videos des IS, die eine heile Welt versprechen und Menschen anziehen, die islamisch leben wollen, was sie in Europa nicht für möglich halten. Es werden Junge angesprochen, die wegen der humanitären Katastrophe in Syrien Hilfe leisten wollen, vor Ort aber instrumentalisiert werden. Wiederum gibt es junge Frauen, die in den Dschihadisten Heldenfiguren sehen und sie heiraten wollen. Und schliesslich sind in Europa auch Hintermänner aktiv, welche Jugendliche aktiv zur Ausreise bewegen.

Was erwartet einen ausgereisten Jugendlichen in Syrien? Wird ihm gleich eine Waffe in die Hände gedrückt?

Nein. Ist er erst einmal von der türkischen Grenze nach Syrien geschleust worden, wird er während einiger Wochen beobachtet. In grossen Schulen wird ermittelt, welche Motivation Ankömmlinge haben: Will er in den Krieg, in eine Koranschule, oder will er bloss in Syrien leben? Einige Jugendliche setzen sich direkt auf die Warteliste für Selbstmordattentate, weil sie möglichst bald sterben wollen, um ins Paradies zu kommen. Die meisten Europäer aber werden als Kanonenfutter an der Front eingesetzt. Sie bekommen eine Grundausbildung, doch die Waffe müssen sie selber bezahlen.

In Deutschland sind erste jugendliche Kämpfer aus Syrien zurückgekehrt. In welcher Verfassung sind sie?

Ganz unterschiedlich. Es gibt die Jungen, die hochtraumatisiert sind. Es gibt aber auch die Rückkehrer, die in Europa Missionen wie Rekrutierungen oder sogar Anschläge durchführen sollen. Diese müssen intensiv beobachtet werden. Und schliesslich gibt es die Aussteiger, die nichts mehr mit der Ideologie zu tun haben wollen, weil sie festgestellt haben, dass die Realität nicht dem entspricht, was ihnen versprochen wurde. Diese Aussteiger müssen wir für die Präventionsarbeit gewinnen, sofern ihr Zustand das zulässt.

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