Organspende
Warum nicht Organe spenden?

In der Schweiz müssen Menschen sterben, weil keine Organe zur Verfügung stehen, die ihr Leben retten könnten. Wie lässt sich dieser Zustand verbesser?

Christoph Bopp
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Keystone

FDP-Ständerat Felix Gutzwiller (ZH) reichte am 28.September sein Postulat «Für mehr Spender» ein. Er schlug als wichtigste Massnahmen die Einführung der Widerspruchsregelung vor. Jeder, der sich nicht ausdrücklich als Nichtspender deklariert, gilt als potenzieller Spender. Auf den ersten Blick ein bestechend einfacher Vorschlag. Der aber ebenso seine Tücken hat wie die so genannte «Club-Idee». Nur wer seinerseits bereit ist zur Organspende, soll überhaupt die Chance erhalten, auf die Liste der Organempfänger zu kommen.

In diesem Fall liegen die Probleme vor allem bei der Umsetzung. Wann soll man sich als Spender bekennen? Beim 18.Altersjahr oder ist es später noch möglich? Darf man seine Einstellung ändern oder ist einmal festgelegt für immer? Und sie verletzt auch das Gleichheitsgebot in der Verfassung: Wer aus religiösen Gründen zum Beispiel nicht spenden darf, darf deshalb nicht ausgeschlossen werden. (Wobei dieser Fall eher theoretischer Natur scheint. Religionen, die das Transplantieren erlauben, aber das Spenden nicht, scheinen etwas inkonsistent zu sein.)

«Gemeinwohl» ist kein Argument

Im «Club» des Schweizer Fernsehens wurde das Problem auch diskutiert. Zugegen waren zwar mehrheitlich Befürworter der Organspende, aber das Thema wurde dennoch mit grosser Subtilität und Respekt diskutiert. Die Medizinethikerin Ruth Baumann-Hölzle hatte vor allem Vorbehalte gegen Gutzwillers Begründung mit dem «Gemeinwohl». Es müsse eine individuelle Angelegenheit bleiben, sagte sie völlig zu Recht. Ich als Individuum spende meine Organe für ein anderes Individuum – und zwar freiwillig und aus eigenem Entschluss. Es ist nicht unproblematisch, den Grossteil der Bevölkerung einfach zum «Ersatzteillager» für einen anderen Teil zu erklären.

Also wäre es besser eine Aufklärungskampagne zu starten mit dem Ziel, mehr Menschen für das Problem zu sensibilisieren. Argumentativ scheint dies nicht schwer: «Warum eigentlich nicht? Wenn ich tot bin, spielt es eh keine Rolle mehr?»

Das Argument scheint glasklar, hat aber ebenfalls seine Tücken. Warum sollen Menschen mitten im Leben gezwungen werden, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen? Und auch wenn ein potenzieller Spender seinen Willen einmal klar erklärt hat, das Problem liegt im Notfall dann nicht einmal bei ihm, sondern auf der Intensivstation bei seinen Angehörigen.

Wann ist ein Mensch «tot»?

Nur ein geringer Teil der Spenden sind so genannte «Lebendspenden». Der grössere Teil der Organe muss unmittelbar nach dem Tod (Herzstillstand) oder dann einem Patienten entnommen werden, der für «hirntot» erklärt worden ist. Im ersten Fall drängt die Zeit so stark, dass kaum Gespräche mit den Hinterbliebenen möglich sind. Und im Fall des «Hirntods» liegt das Problem darin, dass diese Menschen künstlich am Leben erhalten worden sind. Sie atmen, sie sind warm, sie zeigen sogar gewisse Reflexe. Nur ihr Gehirn ist nicht mehr in der Lage, die Einheit der Persönlichkeit zu garantieren. Nach dem Ausfall des Gehirns sei der Mensch keine «biologische Einheit» mehr, hat man erklärt. Für Mediziner wie den im «Club» anwesenden Herzchirurgen Thierry Carrel mag das kein Problem sein. Es ist auch nicht anzunehmen, dass Mediziner auf der Intensivstation nicht verantwortungsvoll mit Patienten umgehen würden.

Für Angehörige hingegen schon. In «GeoWissen» Nr.45/2010 wurde der Fall einer Mutter geschildert, die sich nicht vom Eindruck lösen konnte, ihr Kind im Stich gelassen zu haben. Ihr 16-jähriger Sohn zog sich bei einem Unfall beim Skifahren schwere Kopfverletzungen zu und man erklärte den Eltern, ihr Kind sei tot, ob sie einwilligen würden, seine Organe zu spenden. Sie willigten ein. Aber dass die Entnahme in einem Quasilebendzustand vorgenommen würde, wussten sie nicht. Und dass auch Hirntote Schmerzreflexe haben, hatten sie sich nicht vorgestellt. Die Erfahrung war extrem belastend.