Meinungsforscher Claude Longchamp räumt selten Fehler ein. Doch dieses Mal hat er keine andere Wahl. Es sieht ganz danach aus, dass der bekannte Politexperte und seine Partner von den Universitäten vermutlich schon seit Jahren systematisch zu tiefe Werte für die Stimmbeteiligung der 18- bis 29-Jährigen publizieren. So dürften bei der Abstimmung über die Masseneinwanderungsinitiative vom 9. Februar nicht 17 Prozent an die Urne gegangen sein, wie es in Longchamps Vox-Analyse steht, sondern deutlich mehr. Das zeigen Daten aus jenen Kantonen und Städten, die die Stimmbeteiligung separat nach Altersgruppen ausweisen.

In den Kantonen Genf und Neuenburg und in der Stadt St. Gallen etwa lag die Stimmbeteiligung bei den unter 30-Jährigen laut der «NZZ am Sonntag» bei über 40 Prozent. In Zürich gingen je nach Stadtkreis zwischen 26 und 50,6 Prozent der 18- bis 25-Jährigen an die Urne. Die breit geführte Debatte um das mangelnde Engagement der jungen Generation bei Abstimmungen und Wahlen steht damit auf einer fragwürdigen Zahlengrundlage.

Die Gewichtung ist das Problem

Der Grund für die falschen Zahlen liegt wahrscheinlich in der mathematischen Aufbereitung der Umfrageergebnisse. Wenn Meinungsforscher nach Abstimmungen Umfragen durchführen, erhalten sie meist viel zu hohe Werte für die Stimmbeteiligung. Die 1511 Telefoninterviews zur Masseneinwanderungsinitiative ergaben eine Beteiligung von 76 Prozent. In Tat und Wahrheit waren es bloss 55,8 Prozent. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sind Personen, die abgestimmt haben, eher bereit, am Telefon Fragen eines Meinungsforschungsinstituts zu beantworten, als solche, die der Urne ferngeblieben sind. Zum anderen behauptet immer eine bestimmte Anzahl der Befragten, sie hätten abgestimmt, um so dem sozial erwünschten Verhalten zu entsprechen.

Longchamps Meinungsforschungsinstitut GfS Bern versucht solche Verzerrungen auszumerzen, indem es die Antworten der Befragten mit den offiziellen Zahlen zur Stimmbeteiligung «gewichtet».

Offenbar ist dieses Verfahren insbesondere für die 18- bis 29-Jährigen unzuverlässig. Laut dem Genfer Professor Pascal Sciarini, einem der Autoren der Vox-Analyse, lag der ungewichtete Wert bei den jungen Stimmberechtigten bei 30 Prozent und damit vermutlich näher an der Realität.

Fehlende Daten

«Wir werden jetzt versuchen, auf Basis der bekannten Daten ein adäquateres Gewichtungsverfahren zu finden. Eine pfannenfertige Lösung gibt es aber nicht», sagt Longchamp der «Nordwestschweiz». Noch lieber wäre es ihm, die Kantone würden die detaillierten Daten von sich aus veröffentlichen. Doch diese sträubten sich. «Jeder handhabt den Zugang zu den Daten anders. Nur Genf und Neuenburg weisen die Stimmbeteiligung nach Altersgruppen aus. Es bräuchte eine Gesetzesänderung auf eidgenössischer Ebene, um das zu ändern», sagt Longchamp.

Die Berner Nationalrätin Aline Trede (Grüne) hat seinen Wunsch erhört und will in der Sondersession vom 5. bis 8. Mai mit einer Motion eine entsprechende Gesetzesänderung in die Wege leiten.