Wochenkommentar
Warum mächtige Männer stolpern

Die Liste gestrauchelter Persönlichkeiten wird immer länger. Warum bloss stolpern mächtige Männer immer wieder über kleine Dinge? Wer mächtig ist, wer Erfolg hat, wer ständig hofiert wird, der fühlt sich schnell einmal unantastbar.

Christian Dorer
Merken
Drucken
Teilen
Notenbankchef Philipp Hildebrand am Donnerstag vor den Medien.

Notenbankchef Philipp Hildebrand am Donnerstag vor den Medien.

Keystone

Deutschland hat einen Bundespräsidenten, der von einem Vorzugskredit profitiert, dies abstreitet, recherchierenden Journalisten mit «Krieg» droht und sich dann mit einer PR-Floskel entschuldigt: «Ich weiss, dass ich nichts Unrechtes getan habe, aber auch nicht alles richtig gemacht habe.» Das ist kaum zu überleben.

Die Schweiz hat einen obersten Währungshüter, der privat heikle Währungskäufe tätigt, sich dabei auf ein geheimes Reglement beruft, die Sache mit einem beschönigenden Communiqué aus der Welt schaffen will und nur darum Transparenz schafft, weil er nicht mehr anders kann. Immerhin gesteht er schliesslich ohne Wenn und Aber Fehler ein. Das wird er wohl überleben.

Täglich neue Ausreden

Die Liste gestrauchelter Persönlichkeiten der neueren Zeit lässt sich weiterführen: Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stritt Plagiatsvorwürfe zuerst ab und präsentierte dann täglich neue Ausreden – was ihn das Amt kostete. SVP-Nationalrat Bruno Zuppiger konnte den Vorwurf nicht widerlegen, eine Erbschaft erschlichen zu haben – was ihn als Bundesratskandidaten untragbar machte.

Christoph Blocher behauptete bis zum Beweis des Gegenteils, er sei weder direkt noch indirekt an der «Basler Zeitung» beteiligt – was seine Glaubwürdigkeit lädierte. Die Häufung mag Zufall sein, und seien wir realistisch: Gemauschelt, vertuscht und gelogen wurde schon bei den alten Römern. Doch täuscht der Eindruck, oder werden heute schamloser Dinge zurechtgebogen, während Werte wie Anstand und Ehrlichkeit an Bedeutung verlieren?

Juristisch bleibt selten etwas hängen. Allerdings muss man kein Moralist sein, um höhere Massstäbe anzuwenden auf Persönlichkeiten, die im Staat ein Top-Amt bekleiden. Denn damit verbunden ist auch eine Vorbildfunktion. Wie sollen Bürgerinnen und Bürger Verantwortungsträger ernst nehmen, wenn diese nicht über jeden Zweifel erhaben sind? Wie sollen sie Institutionen achten, wenn sie deren Repräsentanten nicht achten können?

Mehr Fragen und weniger Freiheiten

Wer ein Top-Amt anstrebt, weiss, was das bedeutet: Mehr Transparenz, mehr Fragen und weniger Freiheiten. Und vor allem: Dass er viel Anerkennung und einen guten Lohn erhält, aber sonst seine Finanzen nicht optimieren kann wie ein x-beliebiger Bürger. Wer das nicht will – bitte: Niemand wird gezwungen, Bundespräsident oder Nationalbankchef zu werden.

Warum bloss stolpern mächtige Männer immer wieder über kleine Dinge? Warum setzen sie ihre Karriere aufs Spiel? Rational lässt sich das nicht erklären. Sondern eher mit einer Abgehobenheit, die sich gern einstellt. Wer mächtig ist, wer Erfolg hat, wer ständig hofiert wird, der fühlt sich schnell einmal unantastbar.

Wer ein Top-Amt will, muss diszipliniert leben. Und wer eine Leiche im Keller hat, sollte es gar nicht erst anstreben. Siehe Ex-Armee-Chef Roland Nef: Der Stalking-Skandal wäre nie aufgeflogen, er wäre noch immer ein angesehener Brigadier.