Migration
Warum kommen gerade jetzt mehr Flüchtlinge in die Schweiz?

Die Flüchtlingszahlen steigen auch hierzulande, in der letzten Woche, zum Teil sprunghaft. Wo gibt es Probleme? Und stösst die Schweiz an ihre Kapazitätsgrenzen? Die wichtigsten Antworten.

Daniel Fuchs
Merken
Drucken
Teilen
Aktuell stammen die meisten Asylsuchenden in der Schweiz aus Afghanistan.

Aktuell stammen die meisten Asylsuchenden in der Schweiz aus Afghanistan.

Keystone

1. Warum kommen gerade jetzt mehr Flüchtlinge in die Schweiz?

Allein im Oktober reisten mehr Menschen übers Mittelmeer als im gesamten Jahr zuvor. Die primären Ziele der meisten Vertriebenen auf der hoch frequentierten Balkanroute: Deutschland oder Schweden. Doch diese Länder versuchen inzwischen, sich weniger attraktiv für Asylbewerber zu machen. Deshalb ziehen es manche nun offensichtlich vor, in die Schweiz (weiter) zu reisen. Das zeigen die Zahlen: Die meisten illegalen Aufenthalte registrierte das Grenzwachtkorps an der Ost- und an der Nordgrenze. Die Flüchtlinge kamen also vor allem aus Österreich und Deutschland in die Schweiz.

2. Wie viele Flüchtlinge werden dieses Jahr noch kommen?

Das Staatssekretariat für Migration (SEM) hat seine Jahresprognose letzte Woche von zuvor 31 500 auf 32 000 bis 34 000 Gesuche korrigiert. Ende dieser Woche publiziert das SEM die Monatsstatistik. Schon jetzt sind die Oktober-Zahlen des Grenzwachtkorps (GWK) bekannt: Bis Ende Oktober haben die Grenzwächter bei ihren Kontrollen 23 500 Migranten gezählt. Letztes Jahr waren es im selben Zeitraum nur die Hälfte. Allein in der vergangenen Woche zählte das GWK 1150 Einreisen (siehe Grafiken links oben). Geht es so weiter, dann bricht der November alle Rekorde, waren es im Oktober doch «nur» 3500 rechtswidrige Aufenthalte. Neun von zehn Angehaltenen stellen im Schnitt ein Asylgesuch.

3. Wie lange dauert die Reise der Flüchtlinge in die Schweiz?

Auf der am häufigsten gewählten Route über den Balkan wird die Durchreise für Flüchtlinge immer reibungsloser und schneller. Dauerte ihre Reise bis vor kurzem noch mehrere Wochen, werden sie heute von den Behörden kaum mehr an ihrer Reise gehindert und schaffen es in nur gerade einer Woche.

4. Kann die Schweiz überhaupt noch Flüchtlinge aufnehmen?

Ja, sagen die Behörden. Und das, obwohl es hier und dort zu Engpässen in der Unterbringung kommt. So bestätigt das Staatssekretariat für Migration gegenüber der «Nordwestschweiz», dass es in Aufnahmezentren des Bundes insbesondere an Wochenenden eng werden könne, weil die Verteilung auf die Kantone stocke. In Basel haben am Wochenende Asylbewerber auf Matratzen in Ess-Sälen geschlafen.

5. Ist die Flüchtlingskrise nun in der Schweiz angekommen?

Nein, nach wie vor scheinen die Behörden die Lage im Griff zu haben. Der Bund jedenfalls spricht nicht von Krise und an der arg betroffenen Ostgrenze verzichten Hilfsorganisationen wie die Caritas sogar auf Einsätze. «Bisher war ein Engagement von Caritas nicht erforderlich. Im Moment läuft die Betreuung vollständig über die behördlichen Strukturen, die offenbar auch in der Lage sind, die stark angestiegene Zahl von einreisenden Flüchtlingen zu bewältigen», heisst es von dort. Warnende Stimmen gibt es jedoch seitens der Kantone. Der Präsident der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren, Hans-Jürg Käser, forderte erst letzte Woche vom Bund, er möge das für Krisenfälle vorgesehene Notfallkonzept Asyl einsetzen. Noch diese Woche könnten die Justiz- und Polizeidirektoren den Druck auf den Bund erhöhen.

6. Was ist das Notfallkonzept?

Es gibt dem Bundesrat mehr Kompetenzen und ermöglicht ihm, das Asylrecht vorübergehend einzuschränken. Der Bundesrat könnte zudem bei einem Unterbringungsnotstand entscheiden, Asyl nur noch vorübergehend zu erteilen und die Armee zur Unterstützung der zivilen Behörden einsetzen. Für gewisse Gruppen könnte das Asylverfahren vereinfacht werden. Ein Sonderstab mit Behördenmitgliedern von Bund und Kantonen würde den Asylprozess koordinieren.

7. Wer kommt denn nun vor allem in die Schweiz?

An der Grenze zu Österreich und Deutschland sind nun die Afghanen die grösste Flüchtlingsgruppe. So kamen allein in der vergangenen Woche 500 Afghanen in Buchs und St. Margrethen (St. Gallen) sowie 130 an der Nordgrenze an, vor allem in Basel. Auch syrische Flüchtlinge finden ihren Weg in die Schweiz. Im Osten waren es 125, im Norden 50. Dagegen zählte das Grenzwachtkorps nur noch vier Eritreer (in Chiasso). Die Eritreer stehen noch immer an der Spitze der Jahresstatistik mit über 5000 Einreisen. An zweiter Stelle folgen die Afghanen mit 2600 und die Syrer mit 1800.

8. Warum gerade die Afghanen?

Ein Grund für die steigenden Zahlen dieser Flüchtlingsgruppe könnte in der deutschen Asylpolitik liegen. Deutsche Politiker wollen Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklären. Anders in der Schweiz: Hier dürfen die meisten Afghanen bleiben.