Steueraffäre
Warum FDP-Staatsrat Broulis Kritik als Deutschschweizer Intrige gegen seine Herkunft sieht

Während sich die einen über den FDP-Staatsrat Pascal Broulis lustig machen, sprechen andere von einem Wendepunkt.

Andrea Tedeschi
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Pascal Broulis, Waadtländer FDP-Staatsrat. key

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Kein welsches Medium würde sich so für einen Zürcher oder Thurgauer Regierungsrat interessieren, sagte das welsche Radio RTS vor ein paar Tagen, wie die Deutschschweiz sich für den Waadtländer FDP-Staatsrat Pascal Broulis.

Vor einem Monat deckte der «Tages-Anzeiger» auf, dass Broulis seit 2011 zwei Drittel seiner Gemeindesteuern im steuergünstigen Sainte-Croix bezahlt und nur einen in Lausanne, wo sein Sohn eingeschult ist und Broulis die meiste Zeit verbringt. Ausserdem machte er zweifelhaft hohe Steuerabzüge geltend. Ausgerechnet der Mann, der in einem Buch für die «glücklichen Steuern» warb, will selber Steuern sparen.

Die Irritation des welschen Radios ist typisch: Die Romands haben als Minderheit in diesem Land mehrere Gründe, sich unverstanden zu fühlen und der Mehrheit gegenüber skeptisch zu sein. Da ist der Unwille der Deutschschweizer, vom Dialekt ins Hochdeutsch zu wechseln, da sind die vielen nicht übersetzten Berichte im Parlament, da sind die wiederholten Niederlagen bei nationalen Abstimmungen. Auch der Entscheid der damaligen Swissair gehört dazu, den Flughafen Genf als Standort abzuwerten, der jahrelange Streit um das Frühfranzösisch mit dem Thurgau und anderen Kantonen und die mediale Macht von Zürich, wobei die Stadt oft als Synonym für die ganze deutsche Schweiz wahrgenommen wird.

Abneigung gegenüber Kritik

Es erstaunt also wenig, dass Broulis die Kritik nicht an seiner Intransparenz sehen will, sondern als Deutschschweizer Intrige gegen seine Herkunft. Denn selten sind sich die Westschweizer so einig wie in ihrer Abneigung gegenüber Kritik aus der Deutschschweiz. In der Romandie interessiert sich der eine Kanton wenig bis kaum für den anderen. Doch während Westschweizer Politiker und Journalisten den Waadtländer SVP-Bundesrat Guy Parmelin vor zwei Jahren in der Bauland-Affäre noch einhellig als Opfer eines Deutschschweizer Komplotts sahen, unterstützen nicht alle welschen Medien Pascal Broulis. Viele von ihnen kritisieren seine Krisenkommunikation und Intransparenz, werfen ihm Hochmut vor und sehen den Waadtländer FDP-Filz am Werk. Der Fall hat die Medien von Genf über Freiburg bis nach Neuenburg beschäftigt und die Leserschaft belustigt. Der FDP-Staatsrat, der sich in seinem Kanton Waadt und seiner Partei für unantastbar hielt und drei Wochen lang zur Affäre schwieg, hat sich selbst vorgeführt.

Zürich nützt den lokalen Medien

Das sieht auch Peter Rothenbühler so, der in Lausanne von 2002 bis 2009 Chefredaktor von «Le Matin» war. «Der Fall Broulis ist ein Wendepunkt.» Es sei nicht üblich, dass die Waadtländer Lokalzeitungen den eigenen Politikern derart auf die Finger schauten. Ähnlich klingt es von Claude Ansermoz, seit letztem November Chefredaktor der Waadtländer Tageszeitung «24 heures». «Vielleicht waren wir bislang etwas zu umsichtig mit den Politikern und zeigten etwas zu viel Respekt.» Das will er nun ändern. «Wir müssen die Komfortzone verlassen», sagt er, die Bürger würden von den Politikern mehr Transparenz erwarten.

Es gibt auch einen anderen Grund: «24 heures» wurde 2009 vom Tamedia-Verlag übernommen, der auch den «Tages-Anzeiger» herausbringt. Diese Konzentration machte den Verlag in der Westschweiz unter Journalisten und Politikern unbeliebt. Dass die Konzentration in der Medienlandschaft weiter zunimmt, hat den politischen und wirtschaftlichen Druck auf die Redaktionen generell erhöht. Peter Rothenbühler ist daher überzeugt, dass Zürich dem lokalen Journalismus in Lausanne auch nütze, weil der Verlag weiter weg sei und sich daher weniger vom politischen Druck beeindrucken lasse.

Doch es bleibt ein Fall Waadtland. «Für uns in Genf ändert der Fall Broulis nichts», sagt Pierre Ruetschi, Chefredaktor der «Tribune de Genève». «Wir haben schon immer solche Geschichten gemacht und haben auch vor, das weiterhin zu tun.» Erst im Januar kritisierte die Zeitung den Genfer Staatsrat Luc Barthassat und seine unflätigen Äusserungen gegenüber der Grünen Nationalrätin Lisa Mazzone. Die Schlagzeile war: «Les délires du Mini Trump.» Das dumme Geschwätz des kleinen Trump. In der Schweiz ist das Inland immer auch das Ausland.