Prognose

Könnte eine zweite Coronavirus-Welle noch viel schlimmer sein als die aktuelle Pandemie?

Die Todesraten der Städte New York, London, Paris und Berlin der zweiten Welle der Spanischen Grippe.

Die Todesraten der Städte New York, London, Paris und Berlin der zweiten Welle der Spanischen Grippe.

Viele Betten auf den Schweizer Intensivstationen bleiben leer. Die Neuerkrankungszahlen von Covid-19 gehen zurück. Und bereits mehren sich die Stimmen, die eine rasche Rückkehr zur Normalität fordern.

Dass wir im Moment nur die Ruhe vor dem eigentlichen Sturm erleben könnten, erklärt der deutsche Virologe Christian Drosten im Podcast des NDR. Der Institutionsleiter der Berliner Charité verweist auf das Beispiel der Spanischen Grippe, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts zwischen 35 und 100 Millionen Menschenleben forderte, einen Grossteil davon während der zweiten Welle.

Christian Drosten leitet das virologische Institut an der Charité Berlin Mitte.

Christian Drosten leitet das virologische Institut an der Charité Berlin Mitte.

Die erste Welle der Spanischen Grippe begann Ende Juni 1918 und dauerte ca. einen Monat.

© CH Media

Die erste der drei Wellen der spanischen Grippe in Grossbritannien. Sie war noch die harmloseste.

Bereits damals wurden Ausgangssperren verhängt und das Grippevirus schien in den Sommermonaten sowas wie eingedämmt. Drosten vermutet einen saisonalen Effekt. Die warmen Sommermonate verschleierten die eigentliche Problematik: Aus den einzelnen lokalen intensiven Brandherden wurde ein grossflächiger Schwelbrand

In den Sommermonaten schien die Spanische Grippe unter Kontrolle.

In den Sommermonaten schien die Spanische Grippe unter Kontrolle.

Der deutsche Virologe vergleicht den saisonalen Effekt von damals mit den heutigen Distanzierungsmassnahmen. Das Virus könnte sich nun von den einzelnen neuralgischen Gebieten fast unbemerkt gleichmässig geographisch verteilen.

Die zweite Welle der Spanischen Grippe forderte ungleich mehr Todesopfer als die erste.

Die zweite Welle der Spanischen Grippe forderte ungleich mehr Todesopfer als die erste.

Als die spanische Grippe im Herbst 1918 erneut ausbrach, traf es nicht mehr nur die neuralgischen Gebiete, das Virus trat grossflächig auf. Aus dem Schwelbrand wurde ein Flächenbrand. Einen ähnlichen Ablauf kann sich Drosten für die Verbreitung des Coronavirus in diesem Sommer vorstellen.

Die zweite Welle der Spanischen Grippe begann Anfang Oktober und endete erst Mitte Januar. Die Todesrate betrug phasenweise das Fünffache der ersten Welle. Auch die dritte Welle, die vom Februar 1919 bis Mitte April dauerte, wütete noch einiges heftiger als der erste Ausbruch.

Die dritte Welle Anfang 1919.

Die dritte Welle Anfang 1919.

Doch Drosten findet auch versönliche Worte. Panik machen will er nicht.

Miteinberechnen sollte man auch, dass es noch immer keinen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt und auch kein Medikament, das den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung zuverlässig mildern könnte. Die Möglichkeit auf eine zweite tödliche Welle bleibt bis dahin immer bestehen.

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