Der Zürcher SVP-Nationalrat Claudio Zanetti gerät ins Schwärmen. Seine Parteikollegin Anita Borer sei jung, kompetent und fleissig. «Eine hervorragende Politikerin», sagt Zanetti. Dass die Kantonsrätin und Nachwuchshoffnung der Partei die Wahl in die Ustermer Stadtregierung verpasst hat, macht ihn sprachlos: «Es muss ein Megatrend sein: Die Wähler sind mit der Schweizer SVP nicht zufrieden und nun werden die Leute weiter unten abgestraft.»

Drastische Worte nach einem schwarzen Wahlsonntag für die SVP. Die Partei hat bei den kantonalen Wahlen in Genf drei Sitze eingebüsst. Vor allem aber verlor sie auch bei den Wahlen in den Zürcher Agglomerationsgemeinden. Illnau-Effrektikon, Opfikon, Kloten oder eben Uster. Das Bild der Wahlen in den Städten Zürich und Winterthur von Anfang März hat sich verfestigt: Die Linke siegt, die SVP verliert. Dass es für die SVP in den Agglomerationen besser aussehe als in den Städten, wie Parteipräsident Albert Rösti nach den Niederlagen in Zürich und Winterthur in die Mikrofone sagte, erwies sich als falsche Hoffnung. Ausgerechnet im Kanton Zürich verliert die SVP also. Dort wo der Siegeszug der SVP begann. Die Zürcher Lokalwahlen werden bereits als Fanal für die Eidgenössischen Wahlen 2019 gedeutet.

Bumerang der Zentralisierung

Konrad Langhart, Präsident der Zürcher Kantonalpartei, spricht ebenfalls von einem Schweizer Trend: «Die SVP steht im Gegenwind, das sah man auch in Genf oder in Bern.» Weshalb? Langhart hat eine Vermutung: «Unsere Themen sind nicht im Fokus. Die Einwanderung geht zurück, die Flüchtlingswelle ist abgeflaut, die Wirtschaft läuft gut. Sparpakete sind nicht nötig», resümiert Langhart. Dass die Themenkonjunktur nicht für die SVP spricht, sagt auch Lukas Golder, Co-Leiter des Forschungsinstitutes GFS Bern. Sozialpolitische Themen wie die AHV oder die Krankenkassenprämien seien für die Bevölkerung wichtiger: «Die Linken haben in diesem Bereich ein gutes Angebot.»

Die Themen sind das eine. Die Mobilisierung das andere. Parteipräsident Rösti übte gegenüber Radio SRF Selbstkritik. Es sei der SVP nicht in genügendem Mass gelungen, ihre Wähler und Sympathisanten zu mobilisieren. Der Berner Oberländer will wieder stärker den Kontakt zur Bevölkerung suchen. Im direkten Gespräch herausfinden, was ihre Sorgen sind. Klinkenputzen, Telefon- oder Standaktionen durchführen. Rösti erinnerte seine Parteikollegen daran, dass Politik «knallharte Knochenarbeit ist».

Trägheit und Selbstzufriedenheit: Die Leviten aus der Parteizentrale haben in der SVP Tradition. Nationalrat Zanetti widerspricht der Diagnose Röstis zwar nicht, ortet die Gründe aber in der Zentrale selbst. «Wenn alles aus Bern kommt, werden die Sektionen faul und selbstgefällig. Sie warten auf den Befehl aus der Zentrale, sammeln die verlangten Unterschriften für eine Initiative und vergessen, dass sie auch selber denken müssen», kritisiert Zanetti. Die Wahlniederlagen sieht er als Bumerang für die Zentralisierungstendenz in der Partei.

An der Themenwahl seiner Partei – Migration und Europa – sieht Zanetti hingegen nichts Falsches. Allerdings hadert er zuweilen mit dem Stil. «Gerade bei den Ausländern könnte man auch mal sagen, dass es tolle, fleissige Migranten gibt, welche die Schweiz weiterbringen. Manchmal wird es mir ganz kalt, wenn ich Texte meiner Partei lese.»

Linke profitiert von Trump

Die SVP hat seit den letzten eidgenössischen Wahlen in den Kantonen zehn Sitze verloren, die SP hat zwölf, die Grünen 17 Sitze zugelegt. Golder stellt fest, dass die Linke stark mobilisiert. Das hat zum einen handwerkliche Gründe: Die SP hat die Telefonaktionen systematisiert und ist damit erfolgreich. So erfolgreich, dass die SVP vor den Berner Wahlen die SP kopierte. Zum andern schafft es das linke Lager, die internationale Stimmung mit Brexit und Trump in nationale Erfolge umzumünzen: «Als aufgeklärter Bürger kann man nicht mehr schweigen, man muss wählen gehen», sagt Golder.

Abschreiben für die Wahlen 2019 sollte man die SVP aber nicht: «Wenn eine Partei fähig ist, sich zu erneuern und eine Strategie strikt auf den Wahlerfolg auszurichten und durchzuziehen, dann ist es die SVP», sagt Golder. Zudem erinnert er daran, dass die Partei 2015 fast einen Wähleranteil von 30 Prozent erreicht hat. Eine Rekordmarke. Zanetti hat deshalb noch eine andere Erklärung für die Niederlagen. «Vielleicht sehen wir eine gewisse Korrektur, weil die SVP als zu dominant wahrgenommen wird.»