Zürcher Wahlen
Warum die FDP gestärkt in den nationalen Wahlkampf geht

Seit Jahren kannte der Pfeil der Wählergunst für den Freisinn praktisch nur eine Richtung: nach unten. Und jetzt plötzlich rennt er von Sieg zu Sieg. Was ist passiert? Eine Analyse.

Hans Fahrländer
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Seit 1987 ist der Anteil der FDP in jeder nationalen Wahl gesunken. Im Kanton Zürich haben sich ihre Parlamentssitze innert 20 Jahren halbiert. Entsprechend lang war die Liste der medialen Verrisse. Die mitleidlosen Analysen trugen Titel wie «Vom Untergang des Freisinns» («Weltwoche»), «Der langsame Tod der FDP» («Tages-Anzeiger») oder «Fast alles falsch gemacht» («Das Magazin»). Auch den Autor dieser Analyse verfolgt das Thema seit Jahren. Er schrieb zwar nicht gerade Totenmessen, doch in seinem persönlichen Archiv lagern gewiss zehn Artikel unter der Affiche «Freisinn wohin?», geschrieben zumeist nach Wahlniederlagen.

Ist jetzt plötzlich alles gut?

Und jetzt ist plötzlich alles anders. Die FDP gewinnt bei den kantonalen Wahlen in Baselland, in Luzern, in Zürich. Vor allem von Letzteren wird behauptet, sie seien zuverlässige Gradmesser für die nationalen Wahlen im Oktober. Gilt jetzt statt «Alles falsch gemacht» plötzlich «Alles richtig gemacht»? Wird aus der verspotteten Partei der Geldsäcke plötzlich eine dynamische Winnertruppe?

Gemach. Die Erde dreht sich noch immer um die Sonne, der Rhein fliesst noch immer abwärts. Politischen Wundern ist grundsätzlich zu misstrauen. Die FDP war nie so schlecht, wie sie vom Gegner links und rechts und von gewissen Medien gemacht wurde. Sie ist aber auch (noch) nicht über dem Berg. Mit Siegen in drei Kantonen putzt man einen Krebsgang von fast 30 Jahren nicht einfach weg. So voreilig die Grabgesänge waren, so fahrlässig wären jetzt Starallüren des Siegers.

Die Kommentatoren der FDP-Erfolge – zum Teil sind es dieselben, welche die Partei kürzlich noch ins Grab schrieben – orten vor allem zwei Gründe für das Phönix-aus-der-Asche-Phänomen: Schuld seien der veränderte Stil der Parteileitung und die aktuelle Sorgenlage im Volk. Es stimmt: Parteipräsident Philipp Müller findet den Draht zu breiten Schichten besser als sein Vorgänger Pelli. Doch der Präsident allein bringt eine Partei nicht zurück auf die Siegerstrasse. Und es stimmt: Wirtschaftliche Themen haben nach dem Frankenschock und anhaltendem Druck auf den Werkplatz an Bedeutung gewonnen. Doch es ist nicht selbsterklärend, dass die FDP davon profitiert. Zur Erinnerung: In der Finanzkrise wurden Niederlagen der FDP gerade damit begründet, sie sei eben eine Partei der Wirtschaft ...

Auch ein bisschen Psychologie

Es braucht also noch mehr Mosaiksteinchen für das Erklärungspuzzle:

Verschiebungen in der Mitte. Seit der Jahrtausendwende sind neue Parteien entstanden, vor allem an die Grünliberalen hat der Freisinn Wähler verloren. Die Kombination «grün» und «liberal» tönte verlockend, nachdem die FDP nach Ansicht vieler das Thema Umweltschutz sträflich vernachlässigt hatte. Doch die GLP hat bisher nicht gehalten, was sie versprochen hat. Ihr Profil ist noch immer unscharf; ihr fehlt ein Thema, wo sie klarer Leader und deshalb unverzichtbar ist (in der Steuerpolitik ist der Versuch bekanntlich gründlich misslungen); ein Bäumle allein wächst nicht in den Himmel. Nun kommt die Retourbewegung: Die Grünliberalen verlieren Wählerstimmen, die Freisinnigen gewinnen sie (wieder). Sie scheinen halt eben doch für viele verlässlicher, kompetenter, erfahrener zu sein.

Psychologie. Eine Partei, die Erfolge verbucht, wird attraktiv. Vor allem Wählerinnen und Wähler, welche die Politik nicht regelmässig verfolgen, sind empfänglich für solche Kombinationen: «Aha, der Freisinn gewinnt, der hat einen guten Lauf, offenbar gute Antworten für unsere Probleme, na also, da hängen wir uns doch gleich an ...» Das Phänomen ist selbstredend nicht freisinnig, sondern gilt für alle Parteien. Einem Sieger traut man einfach mehr zu. Es ist der FDP zu gönnen, dass sie auch wieder einmal von diesem Phänomen profitieren kann. Zuerst braucht es gutes Wirken. Dann hilft die Psychologie.

FDP bleibt eine wichtige Kraft

Die Bergtour ist natürlich nicht zu Ende. Sie hat eben erst begonnen. Noch harren wichtige Fragen einer Antwort: Wie halten wirs mit der SVP? Vertrauen wir unserem eigenen liberalen Profil oder vergucken wir uns doch wieder bei der stärksten Partei? Oder: Wie gelingt es uns, aus Wechselwählern, die uns jetzt zufliegen, verlässliche Wähler zu machen? Und klar ist auch: ein grober Fehler bis Oktober und alles ist wieder weg.

Gewiss ist heute einzig dies: Die Untergangsauguren lagen falsch. Unsere FDP ist nicht die deutsche FDP. Die Wählerkurve wird nach oben und auch wieder mal nach unten zeigen. Doch die Partei bleibt eine Kraft in diesem Land. Sie verschwindet nicht in der Bedeutungslosigkeit.

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