Der Schweizerische Bäcker- und Confiseurmeister-Verband sagt Nein zur Liberalisierung der Öffnungszeiten von Tankstellenshops, über die am 22. September abgestimmt wird. An die grosse Glocke hängen will der Verband seine Parole allerdings nicht. Denn anders als die Gegner aus Gewerkschafts- und Kirchenkreisen spricht er sich für längere Ladenöffnungszeiten aus.

Die Bäcker fordern indes gleich lange Spiesse: Sie sagen Nein, weil sie Wettbewerbsverzerrungen befürchten. In seiner Vernehmlassungsantwort hielt der Verband fest: «Es kann nicht angehen, dass ein traditionelles Gewerbe regelrecht geopfert wird, um Umsatzzahlen von Tankstellenshops zu erhöhen.» Bereits heute sei festzustellen, dass Kunden mangels anderer Alternative ausserhalb der Ladenöffnungszeiten auf Tankstellenshops ausweichen. Diese Verschiebung würde mit der Gesetzesänderung verstärkt.

Burgfrieden vor der Abstimmung

So unverblümt wie die Bäcker, wagt so kurz vor der Abstimmung kein Verband seine Kritik an den Tankstellenbetreibern zu formulieren. Die Allianz der Liberalisierer will den Gewerkschaften keinen Steilpass liefern, zumal von der Änderung des Arbeitsgesetzes nur 24 Tankstellen betroffen sind.

Allerdings: Der Unmut über Wettbewerbsverzerrungen ist unter den Detailhändlern weit verbreitet. Denn für Tankstellenshops sowie Geschäfte an Bahnhöfen, Flughäfen und in Tourismusgebieten gelten bei den Ladenöffnungszeiten zahlreiche Ausnahmebestimmungen. Sie können in der Regel länger geöffnet haben als die Konkurrenz an anderen Standorten und profitieren damit vom Bedürfnis der Konsumenten, auch am späten Abend und am Wochenende einkaufen zu können.

Weniger Tankstellen, mehr Shops

«Die Nachfrage bestimmt den Markt», sagt Walter Eberle, Präsident des Verbandes der Tankstellenshop-Betreiber. Er spricht von einer «rasanten Entwicklung» bei den Tankstellenshops. 1333 gibt es davon – 151 mehr als vor sieben Jahren. Dabei ging die Zahl der kleinen Tankstellenshops zurück, dafür legten die Grossen mit einer Fläche von mehr als 50 Quadratmetern zu.

In ihrem Geschäftsbericht schreibt die Erdölvereinigung, dass an Standorten mit grösserer Shopfläche durchschnittlich mehr getankt wird. Mit anderen Worten: Die Verkaufsfläche ist ein wichtiger Wettbewerbsfaktor unter den Tankstellen.

In der Mehrheit der Kantone schliessen die Läden um spätestens 19 Uhr. Weil dies mit den veränderten Lebensgewohnheiten kaum kompatibel ist und es generelle Liberalisierungen an der Urne schwer haben, hat der Gesetzgeber eine Reihe von Sonderregelungen geschaffen. Nebst den Tankstellenshops profitieren von erweiterten Öffnungszeiten vor allem die Geschäfte an Bahnhöfen – respektive die SBB als Vermieterin mit einer Monopolstellung.

Dass sich das Geschäft für die SBB lohnt, zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Mieterträge von Dritten: Sie sind zwischen 2000 und 2012 von 231 auf 379 Millionen Franken gestiegen. Die SBB arbeiten mit Umsatzmieten: Das heisst, je mehr die Geschäfte in den Bahnhöfen verkaufen, desto grösser fallen die Mieteinnahmen für das Bahnunternehmen aus. 2012 haben die Umsätze von Mietern an Grossbahnhöfen um 1,8 Prozent zugelegt, trotz zahlreicher Umbauprojekte. Der Detailhandel ist in der gleichen Periode in der Schweiz lediglich um ein Prozent gewachsen.

Vorteile für alle statt Privilegien

Die wachsende Zahl von Tankstellenshops und die steigenden Mieteinnahmen bei den SBB belegen den Wunsch nach längeren Ladenöffnungszeiten.

Gleichzeitig profitieren vom aktuellen System mit Sonderregeln und Ausnahmen nur wenige. Martin Schläpfer, Leiter Wirtschaftspolitik bei der Migros, fordert deshalb: «Wir müssen aufhören, an den Privilegien zu schrauben, sondern minimale Verbesserungen für alle Detailhändler erreichen.»

Der Detailhandel kämpft deshalb für eine Teilharmonisierung der Ladenöffnungszeiten in der Schweiz. Auch der Verband der Bäcker und Confiseure macht mit.