Flug-Abbruch

Warum der Kanton nichts vom Kerosinablass über dem Aargau wusste

Swiss-Maschine in Zürich (Archiv)

Swiss-Maschine in Zürich (Archiv)

Eine Maschine der Swiss musste ihren Flug nach Sao Paulo abbrechen und nach Zürich umkehren. Vorher liess sie aus Sicherheitsgründen Kerosin ab – über dem Aargau. Warum der Kanton nichts davon wusste und ihn das keinen Deut schert.

Ein Swiss-Pilot entschied in der Nacht auf heute Freitag, den Flug mit über 200 Passagieren nach Sao Paulo abzubrechen und nach Zürich zurückzukehren. Das linke Fahrwerk des Airbus A340 liess sich nicht einfahren, so dass ein Weiterflug undenkbar war. Warum, erklärt der Geschäftsführer vom „Center for Aviation Competence“ der Universität St. Gallen, Andreas Wittmer: „Der Widerstand, den das Fahrwerk am Flugzeug verursacht, steigt mit zunehmender Geschwindigkeit exponentiell. Es ist deshalb kaum denkbar, dass der Treibstoff überhaupt bis Sao Paulo gereicht hätte.“

Gut möglich, dass dem Swiss-Airbus irgendwo über dem Atlantik das Kerosin ausgegangen wäre. Doch auch wenn der Swiss-Pilot den Flieger vollgetankt hätte, wäre ein Weiterflug nicht infrage gekommen. Der immense Kerosinverbrauch hätte unverhältnismässig hohe Flugkosten verursacht.

Treibstoffablass in 2000 Metern

Für eine Landung in Zürich aber war der Flieger wegen des (noch) gut gefüllten Tanks zu schwer, weshalb der Pilot über dem Kanton Aargau Treibstoff abliess. Die Swiss spricht im vorliegenden Fall von einer „Minimalmenge Kerosin“. Was heisst das? Hat es in der Nacht auf heute im Aargau Kerosin geregnet?

Nein, sagt die Swiss. Die vorgeschriebene Mindesthöhe für einen solchen Vorgang von 2000 Metern sei eingehalten worden. Das Flugzeug habe sich beim Kerosinablass auf 4000 Metern Flughöhe befunden. „Nein“, sagt auch Heiko Loretan, Leiter der Sektion Luftreinhaltung beim Kanton Aargau: „Das Kerosin wird in der Atmosphäre zerstäubt und grossflächig verdünnt und verteilt. Nichts davon gelangt auf den Boden. Hinzu kommen chemische Abbauprozesse. Klar entstehen Luftschadstoffe, diese sind aber auf ein so grosses Volumen nicht nachweisbar.“

„Was blieb dem Piloten anders übrig?“

Wurde der Kanton Aargau denn über den Vorfall informiert? „Nein, das wurden wir bei solchen Fällen noch nie“, sagt Loretan und hält eine Information auch nicht für nötig. „Was blieb dem Pilot denn anders übrig?“, fragt er rhetorisch. Treffe wie bei einem Tankwagenunfall eine grössere Menge Kerosin auf den Boden, dann würde die Abteilung Umwelt alarmiert, so Loretan. „Die Experten sind rund um die Uhr in einem Pikettdienst organisiert und entscheiden dann rasch, was mit dem kontaminierten Boden passiert.“ In den meisten Fällen würde der Boden abgetragen und fachgerecht entsorgt.

Die Situation, die den Auto-Piloten überfordert

Wie viel Kerosin der Pilot ablassen musste, konnte die Swiss nicht sagen. Es handle sich um eine Minimalmenge. Die Landung erfolgte denn auch mit einem höheren als dem sogenannten maximalen Landegewicht. Dieses Vorgehen erstaunt den Laien, nicht aber den Aviatik-Experten Wittmer von der Uni St. Gallen: „An diesem Beispiel sieht man, weshalb es einen top qualifizierten Piloten braucht. Er kann eine Maschine auch sicher landen, wenn sie schwerer als vorgesehen landet.“

Dabei müsse er aber den Wind, den längeren Bremsweg, die Länge der Rollbahn und so fort beachten. „Wenn er unter der Berücksichtigung dieser Faktoren zum Schluss kommt, dass eine sichere Landung möglich ist, dann macht es aus ökonomischen, aber auch ökologischen Gründen keinen Sinn, unnötig viel Kerosin abzulassen“, so Wittmer.

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