Dem regionalen Personenverkehr fehlen 90 Millionen Franken. Der Grund: Die Erträge wachsen nicht gleich schnell, wie das Angebot ausgebaut und das Rollmaterial erneuert wird. «Es braucht immer ein bisschen Zeit, bis die Kunden eine neue Strecke nutzen», sagt Roger Baumann, Kommunikationschef des Verbands öffentlicher Verkehr (VöV).

Bund und Kantone bezahlten in dieser Übergangsphase aber nicht mehr Geld – einspringen müssten die Bahnfahrer. Ende Jahr werden die Billettpreise um durchschnittlich 2,9 Prozent erhöht. Der Preisüberwacher wird die Erhöhungen zwar noch «kritisch prüfen», Experten gehen aber nicht davon aus, dass er sie wird verhindern können.

Der Halbtaxpreis wurde jahrelang nicht angetastet – vor fünf Jahren hat das Abo aber seinen Sonderstatus verloren. Keystone/SSA

Der Halbtaxpreis wurde jahrelang nicht angetastet – vor fünf Jahren hat das Abo aber seinen Sonderstatus verloren. Keystone/SSA

Pikant am Preisanstieg ist die Tatsache, dass Bund und Kantone gleichzeitig weniger Geld in den regionalen Personenverkehr stecken. «Die Beiträge der öffentlichen Hand im laufenden Jahr sollen gegenüber der Planung um 2,5 Prozent gesenkt werden», sagt PostAuto-Chef Daniel Landolf. Baumann vom VöV ergänzt: «Ein weiteres Problem ist, dass die Kantone Leistungen bestellen, die sie am Ende aus finanziellen Gründen doch nicht wollen.» Die Bahnbetriebe hätten dann oft schon investiert, das nötige Geld für den Betrieb bleibe aber aus. Der VöV fordert deshalb eine langfristige Planbarkeit.

Keine klare Antwort vom Bund

Die Kantone lassen diese Kritik nicht auf sich sitzen. Matthias Michel, Präsident der kantonalen Verkehrsdirektorenkonferenz, sagt gegenüber der «Nordwestschweiz»: «Die Kantone bauen den ÖV nur dort aus, wo eine Nachfrage besteht.» Er finde es unnötig, sich gegenseitig die Schuld für die Preiserhöhung zuzuschieben. «Wir könnten auch sagen, dass die Verkehrsbetriebe halt effizienter sein müssen. So kommen wir aber nicht weiter», so Michel. Tatsache sei, dass die öV-Angebote in den letzten Jahren stetig erhöht wurden und viele Bahnfahrer davon profitiert hätten. Die öffentliche Hand erhöhe zudem jährlich das öV-Budget. Einen Anteil müssten aber auch die Kundinnen und Kunden beitragen.

Die SBB als grösster Verkehrsbetrieb wollen die kantonale Planung des Netzausbaus nicht kommentieren und verweisen an das Bundesamt für Verkehr (BAV). Dort windet man sich um eine klare Antwort: «Niemand ist schuld. Es geht nicht darum, dass sich die Kantone verrechnet oder zu wenig bezahlt haben. Es ist ein systembedingtes Zusammenspiel von Angebotsausbau aufgrund neuer Infrastruktur und dem Budgetprozess von Bund und Kantonen.»

Wenn die Tarifmassnahmen so kämen wie beschlossen, werde die Lücke von 90 Millionen kleiner. Der Bund werde dann versuchen, seinen noch ausstehenden Teil innerhalb des Budgets zu lösen. «Wie die Kantone mit ihrer zu verbleibenden Lücke umgehen werden, ist ihnen überlassen», so das BAV.

Eine Motion, die Massnahmen zur finanziellen Sicherung des regionalen Personenverkehrs verlangt, wurde im vergangenen Dezember vom Ständerat angenommen. Der Nationalrat behandelt das Geschäft voraussichtlich am kommenden Dienstag an der Sondersession. Die vorberatende Kommission hat der Motion zugestimmt.

Moderate Erhöhungen als Taktik?

Zu reden gibt auch, dass die Preiserhöhung relativ moderat ausgefallen ist. Pro Bahn, die Interessenvertretung der Kundinnen und Kunden des öffentlichen Verkehrs, vermuten dahinter eine Salamitaktik: «Die Preiserhöhungen werden nun wie bei den Krankenkassenprämien mit kleinen Schritten eingeführt. Damit streut man den Leuten aber Sand in die Augen. Die Erhöhungen liegen immer über der Teuerung», sagt Zentralvorstandsmitglied Edwin Dutler.

Rückendwind erhält Dutlers These durch die Aussagen von Matthias Michel, dem Präsidenten der kantonalen Verkehrsdirektorenkonferenz: «Mir ist es lieber, dass die Preise sukzessive erhöht werden, als auf einen Schlag. Das wäre gefährlich, schliesslich wollen wir eine Umverteilung auf die Strasse verhindern.» Baumann vom VöV versucht zu beruhigen: «Es gibt keine Pläne, die Preise auch in den kommenden Jahren moderat – aber stetig –- zu erhöhen.» Preiserhöhungen gebe es nur dann, wenn Abgeltungslücken vorhanden seien.