Warum das Blutbad auf der «Roten Linie» dem Kreml nicht ungelegen kommt

Bombenanschläge in der Moskauer U-Bahn reissen 38 Menschen in den Tod. Der Terror kommt für den Kreml allerdings nicht ungelegen.

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Blutbad auf der «Roten Linie»

Blutbad auf der «Roten Linie»

Christian Weisflog, Moskau

Es waren «Bilder wie aus einem Horrorfilm», berichtete ein Augenzeuge. Zu Beginn der morgendlichen Stosszeit explodierten in zwei Waggons der Moskauer Metro Bombensätze. «Es gab viel Staub, viele Menschen waren blutüberströmt», berichtet der Fotograf Iwan Buchradse. «Sie schrien schrecklich», meinte ein anderer Augenzeuge. Beide Attentate erfolgten auf der Linie 1, die quer durch das Zentrum der russischen Hauptstadt führt. Die «Rote Linie» ist die Hauptschlagader der Moskauer U-Bahn. Den Ort des ersten Anschlages haben die Terroristen ganz bewusst ausgewählt. Der Sprengsatz explodierte um 7.56 Uhr an der Station Lubjanka, praktisch unter dem Hauptquartier des russischen Inlandgeheimdienstes FSB. Der Begriff «Lubjanka» ist in Russland seit Sowjetzeiten ein Synonym für den Geheimdienst KGB. Der zweite Anschlag erfolgte um 8.38 Uhr in der Nähe des Gorki-Parks. Bei den Explosionen starben mindestens 38 Menschen, 73 wurden verletzt.

Leichenteile der Attentäterinnen

Bereits kurz nach den blutigen Ereignissen fiel der Verdacht der Behörden auf Selbstmordattentäterinnen aus dem Nordkaukasus. Offenbar soll es auch Videoaufnahmen von Überwachungskameras geben. Die Ermittler meldeten, Körperteile der Terroristinnen gefunden zu haben. Die Sicherheitskräfte suchten in Moskau zudem zwei «slawische Frauen», welche die Täterinnen begleitet haben sollen. Zunächst bekannte sich aber noch niemand zu den Anschlägen.

Der gleiche Sprengstoff wie 1999

Beim verwendeten Sprengstoff handle es sich laut FSB-Chef Alexander Bortnikow um Hexogen. Das gleiche Material wurde 1999 bei einer Bombenserie auf russische Wohnhäuser verwendet. Die Regierung machte damals auch kaukasische Terroristen verantwortlich und startete kurz darauf den zweiten Tschetschenienkrieg. Hinweise, die auf eine Beteiligung der Geheimdienste deuteten, wurden nie ernsthaft untersucht. Der Geheimdienstler Wladimir Putin indessen stieg durch den Tschetschenien-Feldzug zum Nationalhelden und Präsidenten auf.

Wie vor zehn Jahren droht nun erneut eine Hasswelle gegen Kaukasier. In der Metro kam es gestern bereits zu mehreren Übergriffen auf Menschen mit kaukasischen Gesichtszügen. Präsident Medwedew versprach am Fernsehen indessen, den Kampf gegen den Terrorismus «ohne Zögern bis zum Ende» weiterzuführen. «Die Terroristen werden vernichtet», versprach gestern derweil auch Premier Wladimir Putin.

Der tschetschenische Unabhängigkeitskampf hat sich längst in einen Dschihad für ein islamisches Kalifat im Nordkaukasus gewandelt. Eine Verantwortung für diese Entwicklung trägt auch der Kreml. Seine Sicherheitskräfte ermordeten 2005 den gemässigten Rebellenführer Aslan Maschadow, der 1997 in einer von der OSZE überwachten Volkswahl zum Präsidenten gekürt wurde. An seiner Stelle setzten sie Ramsan Kadyrow ein, der seine Macht mit einem totalitären Regime und vielen Subventionsmilliarden aus Moskau zementiert hat. Trotzdem schliessen sich aber noch immer junge Männer den Untergrundkämpfern an.

Auch wenn es zynisch klingt: Der Terror kommt für den Kreml durchaus nicht ungelegen. Denn das Volk ist aufgrund der Wirtschaftskrise zunehmend unzufrieden mit der Regierung. Für den Mittwoch hatte die Opposition zu Kundgebungen aufgerufen, um für mehr Meinungs- und Versammlungsfreiheit zu kämpfen. Der Terror rückt nun aber wieder existenziellere Probleme in den Vordergrund.

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