Rentenreform

Warum ausgerechnet Junge für die Altersreform sind

Ältere Stimmbürger dürften bei der Renten-Abstimmung vom 24. September entscheidend sein. Keystone

Ältere Stimmbürger dürften bei der Renten-Abstimmung vom 24. September entscheidend sein. Keystone

Die Abstimmungsvorlage gefährde die Renten der unter 45-Jährigen, warnen die Gegner der Reform. Meinungsforscher gehen davon aus, dass diese Argumentationslinie nicht funktionieren wird.

Die Gegner der Altersvorsorge 2020 setzen im Abstimmungskampf auf die Jungen. Der Ausbau der AHV-Renten um 70 Franken reisse auf ihre Kosten ein Milliardenloch in die erste Säule, argumentiert die Generationenallianz, ein Zusammenschluss von FDP, SVP und den Wirtschaftsverbänden.

Die unter 45-Jährigen müssten «einen sehr hohen Preis» für die ältere Generation entrichten, ohne zu wissen, ob sie dereinst selber vom gleich hohen Rentenniveau profitieren können. «Die Altersvorsorge 2020 ist ein ungedeckter Check über 1,4 Milliarden Franken jährlich, den die junge Generation bezahlen soll.»

Trotz der klaren Botschaft hält Meinungsforscher Lukas Golder, Co-Leiter des Meinungsforschungsinstituts GfS Bern, die Argumentationslinie für verfehlt. «Mich hat es überrascht, dass die Gegner in der ersten Phase der Kampagne die Jungen zu ihrer wichtigsten Zielgruppe machen.» Die Alltagsbetroffenheit bei älteren Menschen sei bei diesem Thema viel grösser. In den sozialen Medien habe die Kampagne wenig überraschend nur wenig Schwung entwickelt.

Die Stimmbeteiligung der jungen Generation sei zudem mit durchschnittlich 30 Prozent relativ tief und die Hürde viel höher, damit sie politisch aktiv werden. Das Medianalter der Schweizer Stimmbürger liege bei 58 Jahren. «Ein primärer Fokus auf die Jungen bis zum Schluss der Kampagne wäre deshalb falsch», lautet sein Verdikt.

63 Prozent der Jungen für die Reform

Erste Umfrageresultate bestätigen Golders Zweifel an der Wirkung des Generationenarguments. Bei einer nicht für die Veröffentlichung bestimmten Erhebung von GfS Bern im Auftrag des Pensionskassenverbandes Asip gaben im Juni 63 Prozent der 18- bis 39-Jährigen an, für die Rentenreform stimmen zu wollen. Über alle Altersgruppen hinweg fiel die Zustimmung mit 60 Prozent geringer aus. Nur 27 Prozent der Jungen sagten Nein («Schweiz am Wochenende» vom 8. Juli).

Politikwissenschafter Thomas Milic von der Forschungsstelle Sotomo erstaunt dieses auf den ersten Blick irrationale Verhalten der jungen Generation nicht. Es komme regelmässig vor, dass Menschen – zum Beispiel aus Solidarität – gegen ihre eigenen finanziellen Interessen votierten, sagt er. Stimmbürger handelten nicht immer nüchtern und auf ihren eigenen Vorteil bedacht.

Bei der Abstimmung zur AHV-Plus- Initiative der Gewerkschaften im September 2016 etwa hätten viele Rentner das Volksbegehren zugunsten der Jungen abgelehnt. «Obwohl die Pensionäre aus rationaler Sicht sehr direkt und rasch davon profitiert hätten: Im Fall einer Annahme hätten sich ihre AHV-Renten um 10 Prozent erhöht.» Junge Urnengänger könnten nun bei der Altersvorsorge möglicherweise bereit sein, gewisse Opfer zugunsten der älteren Jahrgänge aufzubringen.

Komplexitätsgrad nützt Gegnern

Die bisherigen Umfrageresultate seien dennoch mit Vorsicht zu geniessen, da die heisse Phase des Abstimmungskampfes noch nicht begonnen habe, so Milic. Die Zustimmungswerte dürften mit dem Heranrücken des Abstimmungstermins wie so oft noch zurückgehen.

Die Schweizer Jungfreisinnigen wollen sich von den kritischen Voten der Meinungsforscher nicht entmutigen lassen. Der jungfreisinnige Parteipräsident Andri Silberschmidt sagt: «Nur weil die Ausgangslage schwierig ist, heisst das nicht, dass wir nichts tun sollen. Das wäre fatal. Wir sprechen nicht nur die Jungen, sondern auch deren Grosseltern an.» Die Kernbotschaft an die ältere Generation laute, dass die Reform «nicht enkeltauglich» sei und die Renten der künftigen Generationen gefährde, so Silberschmidt.

In die Hände spielen dürfte den Reformgegnern der hohe Komplexitätsgrad der Altersvorsorge 2020. «Das umfangreiche Massnahmenpaket könnte vom einen oder anderen Stimmbürger als überladen wahrgenommen werden», sagt Politologe Milic. Wenn eine Vorlage zu kompliziert sei und man den Vorteil für sich und andere nicht erkennen könne, tendierten die Menschen eher zu einem Nein als einem Ja.

Das habe sich bei der Abstimmung zur Unternehmenssteuerreform III gezeigt, welche das Stimmvolk im Februar auch aufgrund der schweren Verständlichkeit der Vorlage mit knapp 60 Prozent verworfen hat.

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