Egerkingen
«War mit der Gemeinde verheiratet»

Egerkingens Gemeindepräsident Kurt Rütti tritt nach 20-jähriger Amtszeit nicht mehr zur Wahl an Nach 20 Jahren tritt Kurt Rütti als Gemeindepräsident von Egerkingen in den Ruhestand. Der 71-Jährige berichtet, was sich im Dorf verändert hat und welche Probleme noch nicht gelöst werden konnten.

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Kurt Rütti

Kurt Rütti

Solothurner Zeitung

Von Erwin von Arb

Wie kamen Sie zur Politik?

Kurt Rütti: Eine Vorbelastung bestand vom Gasthof her, den meine Eltern führten. 1961 hat man mich für die Mitarbeit in der Rechnungsprüfungskommission angefragt. 1965 folgte eine Anfrage für den Gemeinderat, wo ich in der Folge vier Jahre Ersatzmitglied war. In dieser Zeit habe ich auch das Parteipräsidium der örtlichen FdP übernommen. 1969 wurde ich als Gemeinderat gewählt und übernahm das Ressort Bau.

1989 wurden Sie Gemeindepräsident, respektive Ammann, wie es damals hiess.

Rütti: Ja, Oliv von Arx trat damals nicht mehr zur Wahl an. Schon seit 1973 war ich dessen Statthalter. Von Arx hatte die Nachfolge des 1972 verstorbenen Gemeindeammanns Erhard Bloch übernommen.

Was hat Sie bewogen, 20 Jahre lang im Amt zu bleiben?

Rütti: Ich habe diese Aufgabe immer gern ausgeübt. Letztlich kann man sagen, dass ich mit der Gemeinde verheiratet war. Mit ein Grund ist sicher, dass ich während der 20 Jahre praktisch mit den gleichen Leuten zusammenarbeiten durfte. Dazu zählen auch der Gemeindeschreiber Jules Bättig, Finanzverwalter Kurt Wyss und der Werkhofleiter Heinz Fischer.

Mit dem Gemeinderat hatte ich immer ein gutes Einvernehmen. Im Vordergrund stand die Erarbeitung von Lösungen, die von allen mitgetragen werden konnten. Ich agierte im Rat als Gesprächsleiter, der Lösungsvorschläge als Diskussionsgrundlage einbrachte. Was dabei herauskam, entsprach mehrheitlich meinen Vorstellungen.

Wie schätzen Sie die Resonanz ein, die Sie und Ihr Wirken in der Bevölkerung hatten?

Rütti: Ich habe immer Wert darauf gelegt, ein Gemeindepräsident zum Anfassen zu sein. Wer etwas wollte, konnte jederzeit zu mir kommen. Die Bevölkerung hat das offenbar zu schätzen gewusst und sich mit guten Wahlresultaten bedankt.

Welches war die schwerste Zeit?

Rütti: Die hatte ich gleich beim Amtsantritt. Die Gemeinde drohte im Verkehr zu versinken, es musste etwas geschehen. Es dauerte aber über 10 Jahre, bis wir eine Lösung auf den Tisch legen konnten. Ich rede von der Lastwagenumfahrung Egerkingen. Sie konnte nur dank dem Engagement von Neuendorf, Härkingen und Oberbuchsiten und den Grundeigentümern realisiert werden.

Wobei der Kanton anfänglich den Standpunkt vertrat, die damals noch nicht ausgebaute Verbindungsstrasse zwischen der Neuendörfer und Egerkinger Industriezone sei als Gemeindestrasse zu klassifizieren. Die Eröffnung 2001 und die damit verbundene Entlastung im Dorfkern war das grösste Highlight.

Gibts noch weitere Highlights?

Rütti: Der Bau der neuen Gemeindeverwaltung. Auch dieses Projekt hatte eine lange Leidensgeschichte. Die Verwaltung war von 1973 bis 2004 in einem Provisorium untergebracht. Aus den anfänglich zwei gemieteten Wohnungen wurden fünf. Die Einweihung des im Minergiestandard realisierten Bauwerks 2004 war ein bewegender Moment.

Weitere wichtige Stationen waren die Sanierung der Sportanlagen beim Mühlemattschulhaus und des Schwimmbades sowie der Umbau und die Sanierung des Kleinfeldschulhauses. Wichtig für die Gemeinde war der Landkauf im Industriegebiet. Dank Abtausch stehen nun 6000 Quadratmeter neben dem Schulhaus als Reservezone zur Verfügung.

Ein bedeutender Schritt war 1995 das neue Gemeindeleitbild. Insbesondere wollte man auf die Ansiedlung von weiteren Lager- und Logistikbetrieben verzichten. Ein prägendes Ereignis war natürlich die Eröffnung des Gäuparks.

Die Freude über den Gäupark ist wegen des hohen Verkehrsaufkommens aber nicht ungetrübt.

Rütti: Das stimmt. Bei der Projektierung sprach niemand vom Verkehr, sondern vorab von den 400 neuen Arbeitsplätzen. Unter diesem Aspekt wurde das Projekt denn auch bewilligt. Die Arbeitsplätze sind da, der Mehrverkehr aber auch.

Wiegen die Arbeitsplätze die zusätzliche Verkehrsbelastung auf?

Rütti: In Bezug auf Arbeitsplätze stimmt die Rechnung. Finanziell hat die Gemeinde bis jetzt profitiert. 10 000 Kunden besuchen den Gäupark an einem durchschnittlichen Einkaufstag. Allerdings will ich nicht in Abrede stellen, dass der Individualverkehr an Wochenenden im Dorf als Belastung empfunden wird.

Was tut die Gemeinde dagegen?

Rütti: Im Dorf versuchen wir schon lange, den Verkehr mit verschiedenen Massnahmen zu beruhigen, weitere sind in Planung. Keinen oder nur geringen Einfluss haben wir beim Fremdverkehr. Wenn östlich von Egerkingen ein Betrieb angesiedelt wird, führt der Weg via Autobahn über Egerkingen. Dasselbe gilt für die Industriegebiete von Neuendorf, Härkingen und Oberbuchsiten. Hier können wir nur als Bittsteller beim Kanton und Bund vorstellig werden.

Wie hat sich Egerkingen gesellschaftlich verändert?

Rütti: Das Dorf ist markant gewachsen. Wir haben heute 3200 Einwohner, 2400 waren es, als ich als Ammann antrat. 1989 zählte man 1500 Arbeitsplätze, heute 2600. Gesellschaftlich hat sich wenig verändert. Viele Neuzuzüger wohnen wegen der günstigen Verkehrslage hier, nehmen aber nicht aktiv am Dorfleben teil.

Welche Aufgaben haben Sie besonders ungern ausgeübt?

Rütti: Jene, die eigentlich nichts mit dem Gemeindepräsidium zu tun hatten. Etwa als Vermittler bei Streitigkeiten in Familien. Das ging mir sehr nahe.

Und die glücklichsten Momente?

Rütti: Die Eröffnung der Lastwagenumfahrung sowie die Einweihung des neuen Gemeindehauses. Besondere Momente waren es für mich, wenn ich die Gemeinde an kantonalen und Bezirksveranstaltungen repräsentieren durfte.

Was wünschen Sie dem Dorf?

Rütti: Dass Egerkingen in Zukunft wirklich besser vom Lärm geschützt werden kann.

Und was folgt für Sie nach der Amtszeit?

Rütti: Ich werde die eine oder andere Aufgabe übernehmen. Konkrete Pläne habe ich nicht. Die Politik wird mich weiterhin interessieren, aber das Politisieren überlasse ich den anderen.