Baden
War es die späte Reue eines Lebemannes?

Zehn Jahre lang hatte er eine Geliebte. Kurz vor seinem Tod hatte er sie beschuldigt, ihn um über 60 000 Franken erleichtert zu haben. Kürzlich stand sie deshalb in Baden vor Gericht.

Drucken
Teilen

Rosmarie Mehlin

Olga (alle Namen geändert), eine attraktive 35-Jährige, war vor 14 Jahren aus ihrer Heimat Serbien hierhergekommen, hatte einen Landsmann geheiratet, war Mutter und 1998 geschieden worden. Wenig später war sie in einem Restaurant mit dem 42 Jahre älteren, verheirateten Slobodan ins Gespräch gekommen - und recht bald war mehr daraus geworden. Zehn Jahre war Olga die Geliebte von Slobodan. Im April letzten Jahres, als er todkrank daniederlag, hatte die Tochter in seinem Auftrag Strafanzeige gegen Olga erstattet.

Vor Gericht wurde schnell klar, dass der Akademiker Slobodan ein Mann mit zwei Gesichtern war. Seine Tochter, von Gerichtspräsident Bruno Meyer befragt, hatte über all die Jahre hinweg keine Ahnung von der Existenz der Geliebten gehabt. Auch der Mann, der 20 Jahre lang engster Vertrauter von Slobodan in Sachen Finanzen und Buchhaltung war, hatte diesbezüglich nie das Geringste bemerkt. Als sich Slobodans Frau 2003 scheiden liess, habe sie das aus rein finanziellen Erwägungen getan.

Grosses Loch in der Kasse

Als klar gewesen sei, dass Slobodan nie mehr würde arbeiten können - was dieser bis fast 76-jährig getan hatte -, habe er, so der Finanzfachmann vor Gericht, Slobodans Geschäft so schnell wie möglich verkaufen müssen, da kein Geld für die laufenden Kosten vorhanden gewesen sei.

Ein Landsmann und Freund des Verstorbenen und ein weiterer Zeuge, dem Olga von Amtes wegen bekannt war, konnten indirekt erklären, warum dem so war. Ersterer meinte, sein Freund sei nicht nur immer teuer und gut gekleidet gewesen und habe gern und nicht wenig getrunken, er habe mit Olga auch nur im allerbesten Hotel übernachtet. Der Zweitere schilderte, dass er Olga und Slobodan nicht selten in nicht billigen Lokalen gesehen habe.

Entwendet oder bekommen?

Olga ihrerseits gab unumwunden zu, von ihrem Liebhaber sehr verwöhnt worden zu sein: Coiffeur, Manicure, Pedicure, Kosmetik, Kleider, Schmuck, luxuriöse Ferien.

Warum aber hatte denn Slobodan nur wenige Wochen vor seinem Tod behauptet, ebendiese Frau habe ihn um Geld betrogen. Sie habe seine Kreditkarte entwendet, den Code heimlich ausfindig gemacht und laut Anklageschrift zwischen Dezember 2006 und März 2008 insgesamt 250-mal Geld abgehoben, mitunter am selben Tag mehrfach und insgesamt 61 300 Franken. Olga stritt nicht ab, das Geld abgehoben zu haben. Doch ihr Geliebter habe das gewusst, ja, er habe ihr selbst Karte und Code gegeben; manchmal habe sie für ihn abheben müssen, häufiger für sich dürfen.

Zu wenig Licht im Dunkel

Gerichtspräsident Bruno Meyer bohrte lange und intensiv auf der Suche nach der Wahrheit. Die Tochter aber konnte beim besten Willen nicht sagen, ob der Vater vielleicht aus Scham oder Reue gegen das Ende hin seine Geliebte angeschwärzt hatte. Olga ihrerseits fand keine Erklärung dafür, warum Slobodan sie von einer Stunde auf die andere nicht mehr sehen wollte und schliesslich angezeigt hatte. Die ganze Angelegenheit blieb also äusserst schummrig und die Anklage damit letztlich auf der Strecke. Statt, wie vom Staatsanwalt gefordert, zu einer Freiheitsstrafe von 18 Monaten verurteilt, wurde Olga folgerichtig nach dem Grundsatz «in dubio pro reo» freigesprochen.

Aktuelle Nachrichten