Medizin
Wann ist ein Medikament zu teuer?

Neue Therapien helfen kranken Menschen, kosten aber viel Geld. Und Ideen, um Kosten zu senken, habens schwer.

Anna Wanner
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Immer mehr Patienten erhalten immer teurere Medikamente. (Symbolbild)

Immer mehr Patienten erhalten immer teurere Medikamente. (Symbolbild)

Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

Kurze Zeit herrschte so etwas wie Zuversicht bei den Versicherten. Der Bundesrat hat 2012 die Schweizer Medikamentenpreise jenen im Ausland angepasst – also massiv gesenkt. Hunderte Millionen Franken konnten seither eingespart werden. Doch die Ernüchterung folgte bald: Der Effekt für die Versicherten blieb aus, die Krankenkassenprämien stiegen weiter an. Ein Grund dafür sind Medikamente, die neu auf den Markt kommen. Raffinierte Krebstherapien, Immunsuppressiva oder Medikamente zur Heilung von Hepatitis C. Diese neuartigen Arzneimittel zeichnet zwar aus, dass sie Krankheiten lindern oder gar ganz heilen können. Das Problem: Sie kosten bis zu mehreren hunderttausend Franken pro Patient und Jahr.

Absehbarer Kostenschub

Zwar werden diese Medikamente meist nur selten eingesetzt. Trotzdem seien die Kostenfolgen ernstzunehmen, findet die CSS-Versicherung. Sie hat berechnet, dass der Anteil an Hochkostenmedikamenten in den letzten acht Jahren stark zugenommen hat (siehe auch Grafik). Ein Hochkostenmedikament verursacht Ausgaben von mindestens 10 000 Franken pro Patient und Jahr. 2008 gab die CSS noch 41 Millionen Franken für solch teure Medikamente aus – 2014 waren es bereits 199 Millionen Franken. Mit diesen 199 Millionen wurden 10 572 Patienten therapiert. Alleine die Medikamentenkosten belaufen sich also im Schnitt auf 19 000 Franken pro Patient. Die höchsten Kosten verursachten in den letzten zwei Jahren die Hepatitis-C-Medikamente Sovaldi und Harvoni: Eine Behandlung damit kostet zwischen 48 000 und 63 000 Franken.

Laut CSS waren diese beiden Heilmittel Ausreisser, weil nun viele Hepatitis-C-Infizierte geheilt werden konnten. Trotzdem rechnet die CSS mit einem weiteren Kostenschub, da Hochkostenmedikamente weiterhin überdurchschnittlich wachsen. Ein Beispiel: Mit den Krebsmedikamen-ten Opdivo und Ibrance stehen zwei teure Arzneimittel vor der Zulassung in der Schweiz. Unzählige weitere werden derzeit getestet.

Politische Antworten fehlen

Mit den gestern präsentierten Auswertungen der Arzneimittelkosten will die CSS eine Diskussion anstossen, wie Hochkostenmedikamente auch in Zukunft finanziert werden können. Bei den Hepatitis-C-Medikamenten hatte das Bundesamt für Gesundheit (BAG) eine Limitatio eingesetzt. Das bedeutete, dass die Krankenversicherer nur jenen Patienten das Medikament finanzieren müssen, die sich bereits im fortgeschrittenen Krankheitsstadium befinden. Die Frage ist: Darf man das? Oder wollen wir in Kauf nehmen, dass die Prämien weiterhin ungebremst steigen?

Die CSS sowie der Branchenverband Santésuisse haben deshalb politische Forderungen gestellt: Sie wollen bei der Preisfestlegung ein Vetorecht erhalten. Heute ist es nur Pharmafirmen möglich, Rekurs einzulegen, falls sie den vom BAG festgelegten Preis nicht akzeptieren wollen. Die Versicherer haben keine Handhabe, den Preis zu drücken.

Ein weiterer Ansatz ist, Medikamente regelmässig auf ihren Nutzen und ihre Wirksamkeit zu überprüfen. Dieses Health Technology Assessment soll aber weder die produzierende Pharmafirma noch das BAG, sondern eine unabhängige Stelle beurteilen. Beide Ideen stecken allerdings noch in den Kinderschuhen. Und es ist davon auszugehen, dass sich die Pharmaindustrie gegen solche Vorschläge wehren wird.