Abzocker-Initiative
Walter Wittmann: «Kein Arbeitsplatz wird verloren gehen»

Das Ja zur Abzocker-Initiative werde der Wirtschaft nicht schaden, sagt Wirtschaftsprofessor Walter Wittmann. Die im Vorfeld der Abstimmung geschürten Ängste seien unbegründet. «Es wird deswegen kein Arbeitsplatz verloren gehe», so Wittmann.

Christoph Bopp
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Stimmte auch dafür: Professor Walter Wittmann.

Stimmte auch dafür: Professor Walter Wittmann.

Keystone

Der Entscheid für die AbzockerInitiative ist deutlich ausgefallen.Walter Wittmann: Ja, da gibts jetzt nichts mehr zu meckern. Gut zwei Drittel der Stimmbürger waren dafür, wie vorhergesagt.

Was bedeutet dieser Ausgang?
Es ist vor allem eine schwere Niederlage für den Gewerbeverband und für Economiesuisse. Sie haben viel Geld in eine Gegenkampagne gesteckt und verloren. Der Gewerbeverband hat auch an Glaubwürdigkeit verloren: Jahrelang beklagt er sich, die KMU erhielten keine Kredite von den Banken, und dann ist er gegen eine solche Initiative.

Kann man diesen Entscheid an der Urne historisch einordnen? Gab es so etwas in den letzten 50 Jahren in der Schweizer Wirtschaftspolitik?
Nein, dafür fehlen die richtigen Referenzpunkte. Es betrifft ganz eindeutig nur Dinge, die aus den USA kamen und frühestens Mitte 80er-Jahre bei uns gebräuchlich wurden. Die richtigen Boni-Exzesse gab es sogar erst in den 90er-Jahren. Das müsse so sein, sagte man uns damals, sonst liefen uns die Manager weg. Ein Grossbankenchef wie Niklaus Senn von der SGB kriegte noch keine Millionen und keine Boni.

War es nicht eher Empörung als politische Vernunft?
Und wenn schon. Ich finde es positiv, wenn die Aktionärsdemokratie und die Kontrolle von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung gestärkt werden. Die Empörung ist übrigens nicht ganz unverständlich: Erinnern Sie sich noch, dass die UBS sogar in dem Jahr Boni zahlte, in dem sie von der Eidgenossenschaft und der Nationalbank gestützt werden musste?

Aber es ist doch ein Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit?

Vielleicht, aber sicher kein grosser. Es geht nur gegen eine ganz kleine Gruppe von Leuten, die sich bedient haben oder einander dabei geholfen haben. Die Wirtschaft kann nach wie vor machen, was sie will.

Sonst argumentieren Sie eher gegen Staatseingriffe in den Markt.
Halt, da müssen Sie genau sein. Die «freie» Marktwirtschaft führt ins Verderben, das habe ich geschrieben. Sie muss durch marktwirtschaftliche Prinzipien reguliert werden, damit der Markt funktionieren kann.

Aber ist der Markt für die Spitzenmanager jetzt nicht behindert?
Wo sehen Sie da einen Markt? Markt bedeutet Konkurrenz. Das gab es aber hier kaum. Ein Selbstbedienungsladen ist doch kein Markt.

Also glauben Sie nicht, dass wir jetzt Mühe haben werden, die besten Leute für die Chefpositionen unserer Unternehmen zu bekommen?
An den Spitzen unserer Schweizer Unternehmen sind fast alles Ausländer. Das zeigt doch, wie attraktiv wir sind.

Ja, bisher. Aber wenn sie jetzt nicht mehr so viel verdienen können?
Wir werden immer noch gute Leute kriegen. Auch die USA haben nicht so viele gute Posten zu bieten.

Und sonst befürchten Sie keine Auswirkungen auf unsere Wirtschaft?
Nein, da wurden Ängste geschürt, es gingen Arbeitsplätze verloren. Ich behaupte: Nicht ein Arbeitsplatz geht verloren. Es gibt eher positive Auswirkungen: Die Arbeitsmoral wird steigen, wenn die Leute sehen, dass da nicht mehr so viel Geld für fragwürdige «Leistungen» ausgegeben wird.

Was müssen wir jetzt von der Umsetzung erwarten?
Ich befürchte, dass man die Sache wieder so lange verzögern wird, bis sich die Leute nicht mehr daran erinnern. Und dass wir ein verwässertes Gesetz kriegen werden.

Was muss Ihrer Meinung nach unbedingt drinbleiben?
Es muss eine Deckelung geben für die Boni. Die EU will das auch machen. Und der Grundsatz «Ohne Gewinn kein Bonus» muss drinbleiben. Konsequenterweise müsste es ja auch einen Malus geben, wenn die Firma Verlust macht. Das würde bedeuten, dass die Boni irgendwo auf einem Sperrkonto liegen müssten, damit man auch wieder abziehen kann. Verbessert werden muss auch die Aktionärsdemokratie. Aktien ausleihen, um das Stimmrecht auszuüben, gehört ebenso verboten wie die Depotstimmen.