Wallis
«Walliser haben genug»: Ständerat will Wolf zum Abschuss freigeben

Der Oberwalliser CVP-Ständerat René Imoberdorf will den Wolf zum Abschuss freigeben. Das Raubtier schade der Landwirtschaft und des Tourismus. Das radikale Anliegen empört Tier- und Naturschutzorganisationen.

Stefan Schmid
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René Imoberdorf ist es nicht ganz wohl bei der Sache: «Der Wolf gehört eigentlich nicht zu meinen politischen Schwerpunkten», sagt der Oberwalliser CVP-Ständerat und lächelt verschmitzt. «Ich musste einfach etwas unternehmen: Die Walliser haben die Schnauze voll.»

In seiner Heimat verstehe niemand, warum die «Beamten in Bern» mit dem gefrässigen Raubtier so lange fackeln. «Viele Walliser hätten den Wolf schon längst abgeschossen, wenn sie denn dürften.»

«Tierquäler» Imoberdorf

Heute nimmt sich der Ständerat des radikalen Anliegens an. Imoberdorf, der laut eigenen Angaben als Bub im heimischen Obergoms oft Schafe gehütet hat, fordert eine Änderung des eidgenössischen Jagdgesetzes. Diese läuft faktisch auf die Kündigung der Berner Konvention zum Schutz der Raubtiere hinaus.

Künftig soll der Wolf ganzjährig gejagt werden können – sogar in der Schonzeit.

«Hauptleidtragende sind die Landwirte und immer mehr auch die Jagd und der Tourismus», sagt Imoberdorf. Herdenschutzhunde seien aggressiv und oft eine Bedrohung für unbedachte Wanderer, die sich einer Schafherde zu stark annähern. Das Wolfskonzept des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) sei deshalb unbrauchbar. Es sei unmöglich, die Herde vollständig zu schützen. Zudem beschränke sich das Konzept darauf, die Rudelbildung zu verhindern. Dass auch Einzeltiere erheblichen Schaden anrichten könnten, sei im Wallis aber längst gut sichtbar.

Imoberdorfs radikaler Vorschlag hat längst ebenso kompromisslose Tierschützer auf den Plan gerufen. Im Internet kursieren giftige Beiträge gegen den smarten Oberwalliser, der abwechselnd als «Tierquäler» und «notorischer Gewaltfetischist» bezeichnet wird. Andere stellen in Aussicht, ihre Ferien nie mehr im Wallis zu verbringen, sollten es die eigensinnigen Bergler wagen, dem Wolf auf die Pelle zu rücken.

Diese Aussagen locken Imoberdorf aus der Reserve: «Haben Sie schon einmal eine Schafherde gesehen, die vom Wolf angegriffen wurde? Ein Massaker.» Das Raubtier begnüge sich nicht mit einem Opfer, sondern malträtiere jeweils die halbe Herde.

«Hier geht es um die wirtschaftliche Existenz vieler Landwirte.» Im Wallis sei die Schafzucht ein Nebenerwerb. Wenn sich diese ökonomisch nicht mehr lohne, geben die Leute auf. Die Folgen sei die Verwilderung der meisten Alpen. «Das ist doch auch nicht im Sinne der Naturschützer.»

Diese haben freilich kein Verständnis für das Anliegen. Pro Natura und WWF geht bereits das aktuelle Wolfskonzept des Bundes zu weit. Abschüsse seien nur dann zu erlauben, wenn es überlebensfähige Bestände gebe. Und das sei heute nicht der Fall. Einzelabschüsse bei grossen Nutztierschäden seien akzeptabel. Ein grosser Teil der Angriffe liesse sich aber durch einen guten Herdenschutz verhindern. «Ein Nebeneinander von Menschen und Grossraubtieren ist möglich.»

Härter urteilt der Schweizerische Tierschutz (STS): Die Stossrichtung der Konzepte sei «ein Bückling vor mehreren wolfs- und luchsfeindlichen Vorstössen im Parlament». Die Organisation erachtet es als grundsätzlich falsch, wenn Menschen über das Existenzrecht von Tierarten urteilen.

Herdenschutz lohnt sich

Auch der Bundesrat lehnt Imoberdorfs Motion ab. «Die Erfahrungen haben gezeigt, dass Herdenschutzmassnahmen zwar keinen hundertprozentigen Schutz gegen Raubtierübergriffe bieten, sie können jedoch die Schadenfälle um ein Vielfaches reduzieren», schreibt der Bundesrat in seiner Stellungnahme. Die Landesregierung ist sogar bereit, das Wolfskonzept weiter zu verschärfen. So soll ein Abschuss künftig möglich sein, wenn der Wolf die öffentliche Sicherheit oder den Tourismus bedrohe. Bisher war dies nur bei erheblichen Schäden für die Landwirtschaft möglich.

Eine generelle Erlaubnis zum Abschuss komme aber ebenso wenig infrage wie die Kündigung der Berner Konvention. Dies sei staatspolitisch wie juristisch unerwünscht: «Wegen Problemen im Umgang mit einer einzelnen Art das gesamte Abkommen zu kündigen, hätte negative Folgen für den Schutz vieler Arten und Lebensräume und widerspricht der Verhältnismässigkeit», schreibt der Bundesrat.

Imoberdorf hält den Journalisten am Schluss des Gesprächs am Ärmel fest: «Aber gell, es gibt grössere Probleme im Land als den Wolf. Das dürfen auch die Walliser nicht vergessen.»