Wallis
Wallis schont den Wolf nur widerwillig

Trotz 43 gerissenen Schafen gibt der Kanton Wallis den Wolf im Chablais-Gebiet nicht zum Abschuss frei. Er folgt damit der Empfehlung einer interkantonalen Kommission – allerdings mit Nebengeräuschen.

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Wallis schont den Wolf nur widerwillig

Wallis schont den Wolf nur widerwillig

Reuters

Nicole Emmenegger

Der Wolf im Walliser Chablais-Gebiet darf weiterleben - und hat dies ausgerechnet den Schafhaltern zu verdanken. Die zuständige interkantonale Kommission ist zum Schluss gekommen, dass einige Halter ihre Tiere nicht genügend geschützt hatten, als der Wolf ab Mitte Mai mehrfach zuschlug und insgesamt 43 Schafe tötete. Gemäss dem Schweizer Wolfskonzept, das den Umgang mit dem Wolf verbindlich regelt, hätte der Chablais-Wolf in diesem Jahr eigentlich nur 15 Schafe reissen dürfen, um einem Abschuss zu entgehen. Aber seit Frühjahr 2008 gilt: Neu werden nur noch tote Schafe angerechnet, die gemäss Experten genügend gegen den Wolf geschützt wurden. Aus diesem Grund erteilt der Kanton Wallis zurzeit keine Abschussbewilligung, wie der Staatsrat gestern in einem Communiqué mitteilte.

Der Wolf wird bald tot sein Philipp Mäder Wer war zuerst: Der Wolf oder das Schaf? Die Antwort ist klar: Der Wolf. Zwar verschwand er zwischendurch aus der Schweiz, ausgerottet von den Menschen. Doch nun kommt er zurück. Bald wird er wieder im Rudel auf die Jagd gehen. Das sorgt für Unruhe. Nicht nur bei den Schafen. Sondern auch bei den Schafzüchtern. Sie wollen dem Wolf erneut den Garaus machen, ganz nach dem Motto: «Nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf». Dabei geht es ihnen nicht wie früher den armen Bauern ums Überleben in einer kargen Bergwelt. Denn viele von ihnen sind Hobbyzüchter. Und der Bund zahlt für jedes erlegte Schaf einen guten Preis. Die Jagd auf den Wolf ist für die Schafzüchter vielmehr eine Frage der Ehre geworden. Sie wollen die Zivilisation gegen die Bestie verteidigen. Doch damit liegen sie falsch. Der Wolf gehört zur Schweiz wie der Bär und der Luchs - und wie die Schafe auch. Letztere lassen sich mit klug eingesetzten Hirten und Hunden vor dem Wolf schützen. Das zeigen Kantone wie Bern, wo Schafzüchter, Tierschützer und Regierung an einem Strick ziehen. Das ist auch im Sinne des Bundes, der zusammen mit allen Betroffenen ein Konzept zum Schutz des Wolfs und der Schafe eingeführt hat. Nun stellt das Wallis diesen Kompromiss infrage. Es kuscht damit vor den Schafzüchtern. Wenn aber nicht einmal die Kantonsregierung hinter dem Wolf steht, ist dieser bald tot. Und keiner wird wissen, wer ihn erschossen hat.

Der Wolf wird bald tot sein Philipp Mäder Wer war zuerst: Der Wolf oder das Schaf? Die Antwort ist klar: Der Wolf. Zwar verschwand er zwischendurch aus der Schweiz, ausgerottet von den Menschen. Doch nun kommt er zurück. Bald wird er wieder im Rudel auf die Jagd gehen. Das sorgt für Unruhe. Nicht nur bei den Schafen. Sondern auch bei den Schafzüchtern. Sie wollen dem Wolf erneut den Garaus machen, ganz nach dem Motto: «Nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf». Dabei geht es ihnen nicht wie früher den armen Bauern ums Überleben in einer kargen Bergwelt. Denn viele von ihnen sind Hobbyzüchter. Und der Bund zahlt für jedes erlegte Schaf einen guten Preis. Die Jagd auf den Wolf ist für die Schafzüchter vielmehr eine Frage der Ehre geworden. Sie wollen die Zivilisation gegen die Bestie verteidigen. Doch damit liegen sie falsch. Der Wolf gehört zur Schweiz wie der Bär und der Luchs - und wie die Schafe auch. Letztere lassen sich mit klug eingesetzten Hirten und Hunden vor dem Wolf schützen. Das zeigen Kantone wie Bern, wo Schafzüchter, Tierschützer und Regierung an einem Strick ziehen. Das ist auch im Sinne des Bundes, der zusammen mit allen Betroffenen ein Konzept zum Schutz des Wolfs und der Schafe eingeführt hat. Nun stellt das Wallis diesen Kompromiss infrage. Es kuscht damit vor den Schafzüchtern. Wenn aber nicht einmal die Kantonsregierung hinter dem Wolf steht, ist dieser bald tot. Und keiner wird wissen, wer ihn erschossen hat.

Bereits im vergangenen Herbst hatte die Walliser Regierung einen Abschuss abgelehnt. Eine bemerkenswerte Entwicklung, denn vier der fünf Wölfe, die man seit 1995 in der Schweiz zum Abschuss freigegeben hat, wurden im Wallis zur Strecke gebracht. Einer der getöteten Wölfe wurde gar ausgestopft und im Büro des ehemaligen Staatsrats Jean-René Fournier ausgestellt. Haben sich die Walliser inzwischen mit dem Raubtier arrangiert? Im Lager der Wolffreunde zeigt man sich optimistisch. «In Regionen wie dem Wallis oder dem Tessin hat man sich langsam ans Zusammenleben mit dem Wolf gewöhnt», sagt Joanna Schoenenberger von WWF Schweiz.

Wallis kritisiert Wolfskonzept

Doch der WWF könnte sich täuschen. Denn auch wenn die Walliser Regierung den Chablais-Wolf vorerst schont, stellte sie gestern das Schweizer Wolfskonzept infrage. Versteckt, am Ende des Communiqués, fordert sie «eine dringende Änderung des Wolfskonzepts». Die Stossrichtung ist klar: Den Interessen der Nutztierhalter, «welche für die Anwesenheit des Wolfs nicht verantwortlich» seien, sei besser Rechnung zu tragen. Die Regierung kritisiert insbesondere den Einsatz von Herdenschutzhunden. Dieser ist zwar für die Schafhalter freiwillig, wird vom Bund gemäss Wolfskonzept aber finanziell unterstützt und kann je nach Fall eine Voraussetzung sein, damit eine Herde als genügend geschützt gilt.

Im Kanton Wallis bemängeln Schafhalter, die Hunde würden Wanderer bedrohen und den Haltern viel Aufwand bescheren. Laut Peter Scheibler, Chef der kantonalen Dienststelle für Jagd, Fischerei und Wildtiere, haben Schutzhunde im Chablais-Gebiet zudem systematisch Murmeltiere gejagt. Im Wallis befürchtet man, dass diese Konflikte weiter zunehmen. Denn die Schafhüter haben laut Scheibler Angst, dass die vom Bund mit der Umsetzung der Herdenschutzmassnahmen beauftragte Organisation Agridea im Wallis künftig noch mehr Hunde einsetzen will, um damit den Schutz vor Wölfen weiter zu verbessern.

Bei Agridea selbst sieht man das ganz anders. «Diese Ängste sind in der aktuellen Wolfssituation unbegründet», sagt Daniel Mettler von Agridea. Nur falls mehr Wölfe ins Wallis einwandern würden, müsse man sich eine Erhöhung der Schutzmassnahmen überlegen. Auch beim Bundesamt für Umwelt (Bafu) lehnt man eine Revision des Wolfskonzepts ab. Reinhard Schnidrig, Sektionschef Jagd, Wildtiere und Waldbiodiversität beim Bafu, nimmt auch die Schutzhunde in Schutz: Derzeit seien in der Schweiz rund 160 Herdenschutzhunde im Einsatz. Er wisse nur von vier Hunden, die in den letzten zehn Jahren abgegeben werden mussten. Zu schweren Übergriffen sei es nie gekommen.

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