Die Einladung verspricht ein wenig Zerstreuung in einer anstrengenden Zeit: «Wir alle befinden uns mitten im Wahlkampf, die Gelegenheiten für Entspannung sind rar», schreiben die GLP-Nationalrätin Isabelle Chevalley und der SP-Ständerat Daniel Jositsch an ihre Parlamentskollegen.

Die beiden tun das als Präsidentin und als Vizepräsident der parlamentarischen Gruppe «Schweiz–Afrika». Über 150 solche – meist lose organisierte – Gremien gibt es unterdessen. In ihnen schliessen sich Parlamentarier zusammen, die sich für einen Sachbereich interessieren. Die Gruppe «Schweiz–Afrika» versteht sich laut eigenen Angaben «als Plattform für den generellen Austausch unter Parlamentariern sowie mit in Afrika tätigen Unternehmen und Organisationen».

Am kommenden Montag lädt die Gruppe im Bundeshaus-Restaurant zu einer Degustation afrikanischer Biere. Den Politikern wird obendrein ein «ungezwungener Austausch mit einigen Botschaftern Afrikas» versprochen. Die Schweiz und viele afrikanische Länder hätten etwas gemeinsam, sind Chevalley und Jositsch überzeugt: «die Liebe zu qualitativ hochwertigem Bier».

So weit, so reizvoll. Bloss: Momentan ist alles ein wenig komplizierter. Eine Einladung zur Degustation afrikanischer Biere kann nicht einfach so stehen gelassen werden. Entspannung und lockerer Austausch hin oder her.

Schliesslich dominiert der Klimaschutz den Wahlkampf. Er wird zur alles überragenden Pflicht überhöht und gibt Anlass zu Moralpredigten – auch wenn es dabei nur darum geht, bei Politikern anderer Couleur individuellen Verzicht einzufordern. Je grün gefärbter ein Politiker, desto weniger wird offenbar das, was er sich leisten und erlauben darf.

Schliesslich hat er sein Tun gefälligst dem Klimaschutz unterzuordnen. Jede Handlung wird darauf abgetastet, wie viele CO2-Emissionen sie verursachen könnte. Jede vermeintliche Abweichung wird genüsslich als Beleg dafür angeführt, dass Politiker X halt doch nicht der grosse Klimaschützer ist, für den er sich gerne hält.

In Wahlkampfzeiten ist es besonders verlockend, das Handeln eines politischen Gegners mit seinen politischen Forderungen abzugleichen – und ihm Doppelmoral vorzuwerfen. Zu verübeln ist das per se nicht: Denn ist es nicht der besagte Gegner, der sich gerne als Richter über sinnvollen oder schädlichen Konsum aufspielt? Der ein asketisches Leben propagiert?

Was erlaubt ist und was nicht

Das afrikanische Bier also. «Endlich gibt es afrikanische Biere im Bundeshaus!», spottet der CVP-Nationalrat Martin Candinas auf Twitter, veröffentlicht dazu die Einladung zur Degustation und erinnert vorsorglich daran, dass Mitglieder von GLP und SP federführend sind. «Ist das ökologisch?», fragt Candinas, um seine Antwort gleich nachzuliefern: «Wasser predigen, ‹Bier› trinken!» Seine eigene Partei jedoch inszeniere keine Aktionen, sondern setze sich für eine «nachhaltige Klimapolitik mit Köpfchen und sozialen Gewissen ein».

Nein, mit Klimapolitik beschäftigt sich die parlamentarische Gruppe «Schweiz-Afrika» aller höchstens am Rande. Und ja, unbedingt: Man kann sich fragen, wie sinnvoll es ist, afrikanisches Bier in die Schweiz einzufliegen.

Aber sind die entwicklungspolitischen und ökonomischen Fragen, mit denen sich die Gruppierung befasst, wirklich derart zweitrangig, dass sie sich dem Primat des Klimaschutzes beugen müssen? Ist es grundsätzlich nicht mehr opportun, Speisen und Getränke aus Übersee aufzutischen? Oder haben sich da bloss Politiker gewisser Lager an spezielle Regeln zu halten? Sollten sie demnach auch gar nie mehr Fliegen, gar kein Fleisch mehr essen und gar nicht mehr Auto fahren?

Mass und Mitte fehlen

Auch wenn gerade links-grüne Politiker mit der Verkleinerung ihres eigenen ökologischen Fussabdrucks zweifelsohne eine Vorbildfunktion übernehmen können oder sogar sollten: Die Debatte driftet zuweilen zu sehr ins Moralische ab. Mass und Mitte gehen verloren. Vorwürfe, die darauf abzielen, das Handeln eines anderen anzuprangern, wirken abschreckend.

Das müssen sich ökologische Vorkämpfer, die argwöhnisch auf die Konsumentscheide mancher Mitmenschen blicken, ebenso vorwerfen lassen wie bürgerliche Vertreter, die jeden einzelnen Schritt genau dieser Vorkämpfer auf den moralischen Prüfstand heben.

Das Problem des Klimawandels ist bekanntlich gross. Gefragt sind grosse Lösungsansätze. Kein Stellvertreterkampf der Gesinnungen.