Pandemie

Viele haben Angst ihre Freunde zu verlieren: Während der Coronakrise leiden mehr Jugendliche unter Einsamkeit

Einsamkeit als grösstes Problem für Jugendliche während der Coronakrise.

Einsamkeit als grösstes Problem für Jugendliche während der Coronakrise.

Pro Juventute berät markant mehr Jugendliche. Viele befürchten, wegen der Coronakrise Freunde zu verlieren. «Die Einschränkungen des Soziallebens treffen Jugendliche besonders hart», sagt Sozialpädagoge Thomas Brunner.

Discos? Geschlossen. Bars? Ebenso. Mannschaftssport? Nicht mehr möglich. Die neuen Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus reduzieren auch den sozialen Aktionsradius der Jugendlichen. Während des Lockdowns im Frühling kam die Schulschliessung dazu. Wie wirkt sich das auf die Psyche der Jugendlichen aus? Täglich Einblick in deren Seelenleben hat Pro Juventute. Die Stiftung hat ihre Beratertätigkeit von März bis August 2020 mit der Vorjahresperiode verglichen. Das Fazit: Die Coronakrise hat den Beraterinnen und Beratern massiv Mehrarbeit beschert. Vor allem via Chat (plus 172 Prozent) nahmen die Anfragen zu. Pro Tag gelangen derzeit rund 600 Jugendliche an das Beratungsangebot «147», und zwar mittels Telefon, Chat, Email, SMS und die Ratgeberplattform147.ch. Die meisten Ratsuchenden sind zwischen 15- bis 19-jährig.

Das weitgehend weggeblasene Sozialleben während des Lockdowns beschäftigte die Jugendlichen besonders heftig. So schnellten die Anfragen zum Thema «Freunde verlieren» (plus 153 Prozent), «Freunde finden» (plus 81 Prozent oder «Selbstwert» (plus 70 Prozent» in die Höhe. «Die Jugendlichen schöpfen ihr Selbstvertrauen sehr stark aus dem Austausch mit Freunden», erklärt Thomas Brunner. Es sei ein Trugschluss zu glauben, das digitale Beziehungsnetz vermöge den physischen[BT1] Kontakt zu kompensieren, ergänzt der Sozialpädagoge von Pro Juventute. «Bricht der gemeinsame Alltag weg, passiert auch in den sozialen Medien weniger.» Also etwa weniger «Gefällt mir»-Klicks nach geposteten Fotos, weniger Bestätigung.

Der Vater will immer mit seiner Tochter joggen

Auch die Beratungen wegen Unverstandenheit (plus 41 Prozent) oder Konflikten mit den Eltern (plus 47 Prozent) nahmen zu. Oft bekamen die Beratenden von Pro Juventute zu hören: «Niemand versteht mich.» Eine Erklärung dafür liegt auf der Hand: Wenn die Jugendlichen mehr Zeit mit ihren Eltern verbringen, steigt auch das Konfliktpotenzial. Ein Mädchen ärgerte sich, dass ihr Vater nun täglich mit ihr joggen wollte. Manche Teenager klagten, die Eltern würden ihnen aus epidemiologischen Gründen Treffen mit Freunden verbieten. «Die Einschränkungen des Soziallebens treffen Jugendliche besonders hart», sagt Brunner. «Wenn man sich nicht umarmen, nicht zusammen Sport treiben, sich nicht spontan im Freien treffen und nicht in die Disco darf, ist dies für einen Jugendlichen eine ganz andere Einschränkung als für den 40-jährige Familienvater mit gefestigter Identität.» Solche Unterschiede dürfe man nicht bagatellisieren.

Jugendliche zog es während der Lockerungsphase an Discos und an Partys. Brunner findet es unfair, ihnen mangelndes Verantwortungsgefühl vorzuwerfen.

Den Mobbern fehlt die Bühne

An einer Front entspannte sich die Lage wegen der Virenbekämpfung: Pro Juventute verzeichnete 46 Prozent weniger Anfragen wegen Mobbing. «Für einige Kinder und Jugendliche bedeutete der Lockdown auch eine Erleichterung», sagt Brunner. Die Gefahr, zum Gespött seiner Mitschüler zu werden, hat markant abgenommen. Sonst ist sie bei uns vergleichsweise hoch, wie die aktuelle Pisa-Studie zutage fördert. In keinem anderen europäischen Land werden Schüler so oft beleidigt, gehänselt, bedroht oder sogar körperlich attackiert. In der Coronazeit fehlte den Mobbern aber die Bühne. «Mobbing passiert nicht im luftleeren Raum. Wenn man sich nicht mehr in der Gruppe trifft, fehlt die Resonanz», sagt Brunner. Mobbing kann bei den Opfern langfristig psychische Probleme verursachen. Studien zeigen, dass Personen, die in der Schule gemobbt wurden, als Erwachsene stärker suizidgefährdet sind.

Die Forschung über die Folgen des Lockdowns auf die Befindlichkeit von Kindern und Jugendlichen schreitet derweil voran. In den nächsten Wochen werden Psychologen der Universität Bern und Zürich Resultate publizieren. Die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften präsentierte schon im Juni Resultate zu Jugendlichen im Alter von 12 bis 20 Jahren im Kanton Zürich. 90 Prozent der Befragten besuchten das Gymnasium. Auch die Autoren dieser Studie konstatieren einen Rückgang beim Mobbing. Zudem konsumierten die Jugendlichen weniger Drogen und Alkohol; und die Eltern kümmerten sich mehr um ihre Kinder. Das allgemeine Wohlbefinden und die Zufriedenheit mit den Freundschaften hingegen sanken. Die Pandemie trübt auch die Zuversicht. Jeder fünfte Jugendliche wähnt sich wegen der Coronakrise privat und finanziell in einer schlechteren Situation, wie der aktuelle Jugendbarometer der Credit Suisse zeigt.

Und was rät Thomas Brunner den Jugendlichen gegen den Coronablues? Zum Beispiel, dass sie sich nicht so sehr auf die Quantität, sondern die Qualität ihrer Beziehungen konzentrieren. Also lieber weniger Freunde treffen, dafür die guten.

Autor

Kari Kälin

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