Die Bombe platzte doch nicht: Markus Somm wird nicht Chefredaktor der «Neuen Zürcher Zeitung». Das gab Somm gestern Nachmittag in einer Medienmitteilung bekannt. Der Mitinhaber und Chefredaktor der «Basler Zeitung» bestätigte zwar, dass er mit dem «NZZ»-Verwaltungsrat über die Neubesetzung der Chefredaktion gesprochen habe. «Nach reiflicher Überlegung» sei er aber zum Schluss gekommen, dass er seine Tätigkeit bei der «Basler Zeitung» unverändert weiterführen wolle.

Die Gemüter auf der «NZZ»-Redaktion dürften damit vorerst beruhigt sein. Kaum vorstellbar, dass der Verwaltungsrat für die Nachfolge von Markus Spillmann erneut einen Blocher-nahen Kandidaten à la Somm präsentiert. Ausgestanden ist die Affäre für den Verwaltungsrat aber noch nicht. Das Vertrauen der Mitarbeiter in die eigene Führungsetage ist angekratzt. Vor allem Verwaltungsratspräsident Etienne Jornod gehört zu den grossen Verlierern.

«Monsieur Galenica»

Die Verliererrolle ist sich Jornod nicht gewohnt. Der 61-jährige Westschweizer rennt seit Jahren von Erfolg zu Erfolg. Auch wenn der Beginn seiner Karriere harzig verlief: Jornod wuchs als ältestes von sechs Kindern in einer Arztfamilie in Neuenburg auf. Seine Leistungen in der Schule waren schwach. Jornod war Legastheniker – zu einer Zeit, wo Legasthenie noch nicht diagnostiziert, geschweige denn behandelt wurde.

Mit Ach und Krach schaffte er die obligatorische Schule und begann eine vierjährige Lehre als Drogist in Biel. Während dieser Zeit ging bei ihm der «Knopf auf», wie er einst in einem Interview sagte. Mit 22 Jahren erhielt er bei Galenica eine Stelle als Junior Product Manager für Medikamente. Sein Ehrgeiz wuchs, er begann ein Ökonomiestudium an der Uni Lausanne.

Nach Abschluss des Studiums kehrte er zu Galenica zurück. Er arbeitete sich bis an die Unternehmensspitze hoch und machte aus den paar hundert Angestellten von damals einen Pharmakonzern mit heute über 7600 Mitarbeitern. Das brachte ihm den Namen «Monsieur Galenica» ein – und einen hervorragenden Ruf in der Berner Wirtschaftsszene.

Die Ernennung zum Verwaltungsratspräsidenten der altehrwürdigen «NZZ» im Frühling 2013 sollte der Karriere von Jornod die Krone aufsetzen. Nach seiner Nomination sagte er in einem längeren Interview auf Radio SRF: «Diese Wahl ist der Beweis, dass in der Schweiz alles möglich ist.» Es sei eine riesige Ehre, dass er als Welscher aus Bern so eine Position bekommen könne.

Vor seiner Wahl war Jornod in Zürich wenig vernetzt. Gemäss Insidern brachten ihn erst Headhunter auf den Radar des damaligen «NZZ»-Verwaltungsrats. Auch die Deutschschweizer Medienlandschaft kannte er kaum. Viele glauben deshalb, dass Jornod gar nicht bewusst war, welche Brisanz der Name Somm mit sich bringt. Weggefährten beschreiben Jornod jedoch als Teamplayer. Sie sind sich sicher, dass er sein Vorgehen eng mit den anderen Verwaltungsratsmitgliedern abgesprochen hat. Bleibt die Frage, wieso dort niemand den Warnfinger hob.

Gleiches Spiel bei Galenica

Jornod tut alles dafür, gegen aussen nicht wie ein eiskalter Manager zu wirken. Das zeigt die Absetzung von Markus Spillmann: Jornod publizierte in der «NZZ» am Tag danach eine ellenlange Dankesrede, in der er Spillmann über alles lobte. Das sollte offenbar die offizielle Version eines «Rücktritts» glaubhafter machen.

Ganz ähnlich agierte Jornod vor einigen Monaten bei Galenica. Dort ist er zwar nur noch Verwaltungsratspräsident, er hält aber die Fäden nach wie vor fest in der Hand. Im August kündete er an, die sehr profitable Pharma-Produktion unter dem Namen «Vifor Pharma» aus dem Konzern lösen zu wollen. «Galenica Santé» dagegen soll sich mit dem Pharma-Grosshandel, den Apotheken sowie der Medikamenten-Information auf die Schweiz konzentrieren. Auf der Strecke blieb bei dieser Aufspaltung der bisherige Konzernchef David Ebsworth. Der Brite war nur zweieinhalb Jahre im Amt. Offiziell ist er wie Spillmann freiwillig zurückgetreten. In Wirklichkeit dürfte ihm Jornod kaum eine echte Wahl gelassen haben.

2008 überlegte Jornod sehr lange, als er von TV-Talker Kurt Aeschbacher gefragt wurde, ob man als Manager über Leichen gehen müsse. «Das ist wirklich eine interessante Frage. Ich denke nicht», sagte er schliesslich. Er habe viel Geduld, versuche immer, die Leute zu überzeugen und ihnen eine Chance zu geben. «Doch manchmal reicht die Geduld nicht, und man muss sich trennen.»

Wie man sich trennt, weiss Jornod. Wie man in einer solchen Situation richtig kommuniziert, offenbar nicht: Momentan befindet er sich geschäftlich im Ausland und beantwortet keine Fragen von Journalisten. Derweil sagte sein CEO Veit Dengler an einem NZZ.at-Clubabend in Wien, dass die Suche nach einem neuen Chefredaktor durchaus noch einige Monate dauern könne.