Debatte
Vorsätze fürs neue Jahr: sind sie sinnvoll oder komplett überflüssig?

Mehr Sport, weniger und gesünder essen, Zeit mit der Familie statt im Büro - Jahr für Jahr kehren sie wieder, die guten Vorsätze. Aber bringen sie auch etwas? Pro: Fabian Hock, Redaktor Wirtschaft, Kontra: Alexandra Fitz, Redaktorin Leben und Wissen.

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Und Sie? Haben Sie Vorsätze für das neue Jahr?

Und Sie? Haben Sie Vorsätze für das neue Jahr?

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

PRO von Fabian Hock, Redaktor Wirtschaft

«Neujahrsvorsätze sind super — wenn wir den Zauber nutzen!»

Fabian Hock, Redaktor Wirtschaft

Fabian Hock, Redaktor Wirtschaft

Nordwestschweiz

Mit schöner Regelmässigkeit geloben wir Besserung im neuen Jahr. Wir scheitern, weil wir uns vom rundlichen Spiegelbild hetzen lassen.

«Jetzt gute Vorsätze umsetzen und sparen», sagt die Migros und lockt von Weihnachtsvöllerei geplagte Menschen mit 75 Franken Jahreskarten-Rabatt in die hauseigenen Fitnessklubs. Gegessen und getrunken haben wir wohl alle viel zu viel über die Feiertage, die Werbung zielt damit punktgenau auf unsere schwächste Stelle: unser Gewissen.

Nach wenigen Wochen landet die Abokarte jedoch meist irgendwo in der Schublade. Spätestens im Frühling tauschen wir dann auch den Salatteller wieder mit dem Cordon bleu und die Teetasse mit dem Feierabendbier. Hat uns der Blick in den Spiegel um die Weihnachtstage noch erschreckt, denken wir nun: «Passt schon». Das normale Leben hat uns wieder. Netter Versuch, Neujahr!

Sollten wir auf dieses sinnlose Ritual nicht besser verzichten? Die Frage scheint berechtigt. Trotzdem heisst die Antwort: Nein. Unsere Vorsätze sind selten das Problem, vielmehr scheitern wir an der Herangehensweise. Wir lassen uns vom falschen Anreiz treiben. Vom ungläubigen Blick in den Spiegel oder auch durch inner-familiäres Mobbing («war die Kugel unter dem Pulli schon immer da oder ist die neu?»).

Es ist das schlechte Gewissen, das uns an die Salatbar treibt. Das Problem mit dem schlechten Gewissen ist, dass es für kurze Zeit sehr viel bewegen kann, Ausdauer hat es jedoch keine. Konstruktive Kraft aus negativen Emotionen — das geht nicht zusammen.

Wenn wir die Feiertage aber nutzen, um darüber nachzudenken, wie unser Leben besser werden kann und daraus ableiten, was wir tun müssen, um dort hin zu kommen, dann ist der Jahresbeginn genau die richtige Zeit, um unser Verhalten zu korrigieren. Wir alle brauchen Fixpunkte, an denen wir uns orientieren können. Da das neue Jahr nicht beliebig, sondern eben fix ist, bieten sich die Tage nach der besinnlichen Weihnachtszeit geradezu an, um Dinge zu verändern. Nicht, weil wir zu viel gegessen und getrunken haben, sondern weil wir im besten Fall zur Überzeugung gelangt sind, dass wir das eine oder andere in unserem Leben verbessern könnten.

«Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne», sagt Hermann Hesse. Das gilt auch – oder gerade – für den Jahresbeginn. Den Zauber sollten wir nutzen, um unser Leben zum Guten zu verändern.

Alexandra Fitz, Redaktorin Leben und Wissen

Alexandra Fitz, Redaktorin Leben und Wissen

Nordwestschweiz

CONTRA von Alexandra Fitz, Redaktorin Leben und Wissen

«Ab Januar wird alles anders» – ist scheinheilig und sinnlos

Neujahrsvorsätze sind heuchlerisch und werden sowieso nicht durchgezogen. Man soll seine Gewohnheiten unterm Jahr ändern.

Als ich mir am 2. Januar auf der Heimreise von den Skiferien genüsslich eine Lindor Kugel in den Mund schob, sah mich mein Gegenüber fragend an: «Ich dachte, du isst im Januar nichts Süsses?» Ich hätte ihm – so wie es Frauen gerne tun – ein «Findest du mich etwa zu dick?» entgegenschleudern können. Stattdessen sagte ich: «Gilt erst ab Montag» und dachte: «Mist, ich habe wohl im Affekt einen Vorsatz laut ausgesprochen.»

In dem Moment, in dem man einen Vorsatz hinausposaunt, hat man sich Zeugen inklusive Kontrollgremium aufgehalst. Klar, durch den Druck wird das Durchhaltevermögen stärker, gleichzeitig aber muss man sich rechtfertigen.

Lindor Kugel hin oder her, Neujahrsvorsätze sind heuchlerisch und werden sowieso nicht durchgezogen. Weil wir uns immer viel zu viel vornehmen. Einmal dünn, fit und hilfsbereit bitte, aber dalli! Wie wirkungsvoll Neujahrsvorsätze sind, sieht man im Fitnessstudio. Januar und Februar rennen alle hin und trainieren in der überfüllten Muckibude. Im März flacht die Motivation ab.

Warum merkt man eigentlich nur einmal im Jahr, dass etwas falsch läuft? Isst täglich ungesund, bewegt sich zu wenig und trinkt jedes Wochenende so viel, dass man das schlechte Gewissen wiederum nur mit Alkohol betäuben kann und will dann prompt im neuen Jahr alles ändern? Besser machen? Sich in der Weihnachtszeit mit Guetzli, Glühwein und fettigen Gänsen vollzustopfen und sein schlechtes Gewissen mit Sätzen wie «Ab Januar ist alles anders» zu beruhigen, ist scheinheilig und gehört in die gleiche Kategorie wie die Ungläubigen, die nach der Fasnacht bis Ostern fasten.

Vorsätze sind per se nicht schlecht. Aber für das neue Jahr formulieren sie alle Leute so strikt, als ob Verzicht per 1. 1. ein Volksgesetz sei. Wer besser im Job sein will, abnehmen oder mehr Sport treiben möchte, soll das tun, wann er will und es von keinem Datum abhängig machen.

Den Entschluss soll er sofort fassen – bevor er in den Burger beisst oder an der Zigarette zieht. Denn das oben erwähnte und allbekannte «Ab Montag»-Phänomen ist nicht viel mehr als Aufschieberei.
Da ess ich lieber so viele Lindor Kugeln wie möglich – vielleicht verleiden sie mir dann von selbst. Ist das jetzt auch ein Vorsatz?

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