Volksinitiative
Vorbild Österreich? Dort gibts aber drei Mal mehr Abtreibungen als hierzulande

Die Initianten des Volksbegehrens „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache“ bezeichnen Österreich als „vorbildlich“. Doch im Nachbarland ist die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche drei Mal höher als in der Schweiz.

Karen Schärer
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Abtreibungsgegner haben Österreich als Vorbild genommen (Archivbild).

Abtreibungsgegner haben Österreich als Vorbild genommen (Archivbild).

Keystone

Österreich ist für die Initianten der Volksinitiative „Abtreibungsfinanzierung ist Privatsache" vorbildlich. Im Nachbarland bezahlen die allgemeinen Krankenkassen nichts an Schwangerschaftsabbrüche. Wie es in einem Artikel der heute Montag verteilten Abstimmungszeitung heisst, sei auch das Thema Kurpfuscherabtreibungen „nicht aktuell".

Nur: Erst im Sommer waren die österreichischen Medien voll von Meldungen über einen Abtreibungsskandal: Eine Ärztin hatte mitten in Wien Billigabtreibungen angeboten. 16 Mal innerhalb von vier Jahren musste die Ambulanz Patientinnen von der Praxis der Ärztin mit teils schweren Komplikationen ins Spital überführen. So mag die private Finanzierung ungewollt schwangere Frauen vielleicht nicht in die Illegalität treiben (schliesslich gilt auch in Österreich die Fristenlösung), doch manche sehen sich gezwungen, das billigste Angebot für den Schwangerschaftsabbruch zu suchen. 300 Euro kostete die Abtreibung bei jener Wiener Ärztin. Bei der Abtreibungsklinik Gynmed in Wien kostet der Eingriff 490 Euro. Gynmed-Leiter Christian Fiala ist der Meinung, dass ein Schwangerschaftsabbruch zu einem günstigeren Preis kaum auf hohem Qualitätsniveau durchgeführt werden kann, wie er gegenüber der "NZZ" sagte.

Hohe Anzahl Abtreibungen in Österreich

Anlässlich der Medienkonferenz zum Abstimmungsauftakt hatten die Initianten vergangene Woche ins Feld geführt, mit der Finanzierung der Abtreibung durch die obligatorische Krankenversicherung würden finanzielle Anreize für einen Schwangerschaftsabbruch gesetzt. Manche Frauen nutzten den Abbruch gar als Gratis-Verhütungsmethode, sagte Elvira Bader, Solothurner alt CVP-Nationalrätin und Co-Präsidentin des Initiativkomitees.

Diese Behauptung wirkt reichlich gewagt, führt man sich Schätzungen zu den Schwangerschaftsabbrüchen in Österreich vor Augen: Zwar besteht in Österreich keine ärztliche Meldepflicht. Doch Schätzungen gehen von rund 30'000 Abtreibungen im Jahr aus. Die Schweiz und Österreich haben eine ähnliche Einwohnerstruktur. Somit werden in Österreich drei Mal mehr Schwangerschaften abgebrochen als in der Schweiz, die mit rund 10'000 Abtreibungen pro Jahre eine der niedrigsten Raten weltweit aufweist.

„Titel nicht ganz glücklich"

„Vorbildliches Österreich" also, wie es im Titel des Artikels in der Abstimmungszeitung heisst? Der Schwyzer SVP-Ständerat Peter Föhn, Co-Präsident des Initiativkomitees, sagt, der Titel beziehe sich einzig auf die Regelung der Finanzierung im Nachbarland. „Der Titel ist vielleicht nicht ganz glücklich gesetzt", sagt Föhn. Elvira Bader sagt dazu: „Jede Abtreibung ist eine zu viel. Vorbildlich ist aber, dass die Frauen nicht in die Armut getrieben werden durch die Abtreibung, wie dies die Gegner der Volksinitiative behaupten." Genau dies beobachtet jedoch der Wiener Gynäkologe Fiala. „Frauen müssen sich hierzulande verschulden, um eine Abtreibung zu bezahlen", sagte er im Frühling gegenüber „20 Minuten online".

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