Killwangen

Vor sieben Jahren stand das Hotel vor dem Aus: Aargauer Ehepaar lässt den Mythos Gilberte de Courgenay weiterleben

Vor fünf Jahren haben Evelyn und Bruno Bernasconi das geschichtsträchtige Hotel La Petite Gilberte in Courgenay übernommen. Mit ihrem Kauf wollen die beiden sicherstellen, dass der Mythos der Soldatenikone weitergetragen wird. Ein Besuch vor Ort.

Ganze auf zwei Stunden verteilte 120 Kilometer trennen Courgenay von Baden. Während der Zug emsig durch die Ajoie schlängelt, vermischt sich vor dem Fenster das satte Grün des Waldes mit dem Gelb der Felder zu einem bunten Brei. Unendliche Weiten, schroffe Felsen und Bauernhöfe lösen sich in einem gleichmässigen Wechselspiel ab. Bis es irgendwann heisst: «Prochain arrèt: Courgenay.»

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Die Hektik der Grossstadt hinter sich lassend, fühlt es sich so an, als würde man eine neue Welt betreten. «Hier stellen sich einem auf einmal ganz andere Fragen als eigentlich gewohnt», sagt Evelyne Bernasconi. Vor fünf Jahren hat die gebürtige Jurassierin mit ihrem aus dem Tessin stammenden Ehemann Bruno das Hotel de la Gare ersteigert, dank dem die Wirtstochter Gilberte Montavon im Ersten Weltkrieg schweizweite Bekanntheit erlangte. Praktisch die ganze Schweizer Medienwelt stürzte sich damals auf das in Killwangen wohnhafte Ehepaar Bernasconi-Mamie, welches dort eine Anwaltskanzlei und einen Immobilienbetrieb führte.

 «Der Kauf war für einmal eine Geschichte, die für alle Landesteile aufgegangen ist», sagt Bernasconi. Noch heute ist Gilberte kaum aus den Zeitungen wegzubringen. Nicht selten besuchen Deutschschweizer der regelmässigen Berichterstattungen wegen das 2000-Seelen-Dörfchen. Auch an diesem Tag, an dem die Hitze des fast schon vergangenen Sommers nur so auf den bestuhlten Hinterhof des Hotels knallt, ist Bernasconi schwer beschäftigt. Unaufgeregt spricht sie mit den geschichtsinteressierten Besuchern, macht Fotos mit ihnen, wandert von einem Tisch zum nächsten.

Wie sie beim Rundgang durch das Hotel erzählt, schätzt Evelyne Bernasconi den Kontakt zu den Gästen sehr:

Rundgang Hotel "La Petite Gilberte" in Courgenay

  

Eine Heldin ohne Pathos

Dass die Rolle der Gastgeberin keine ist, die sie schon seit Jahren innehat, und sie das jurassische Wirtepatent erst vor drei Jahren erworben hat, fällt kaum auf. Ursprünglich wie ihr Mann Vollzeit als Anwältin tätig, pendelt Bernasconi heute bis vier bis fünf Mal pro Woche vom Aargau aus in Richtung Courgenay. An den Ort, in dessen Nachbargemeinde Alle einst ihre vaterseitige Familie gelebt hatte. 120 Kilometer. Zeit genug, sich auf die Reise in die Vergangenheit vorzubereiten. Oder ist es doch viel mehr eine in die Zukunft? Von einer Zerrissenheit will Bernasconi nichts wissen.

 «Die zwei Welten trägt man immer in sich. Dass man sich damit stets beschäftigt, war für uns immer klar», so Bernasconi. So war der Erwerb des Hotels primär eine Herzensangelegenheit. Eine, die sich voll und ganz um die eigenen Wurzeln dreht. Aber auch um die von Gilberte und der Schweiz an sich. Das Wirken der Wirtstochter ist in jedem Winkel des Hauses spürbar:

Hunderte von Bildern und Büchern sind in den Räumlichkeiten verteilt. Ein schwerer Hauch von Geschichte hängt in der Luft und raubt doch nicht den Atem. War Gilberte letztendlich doch viel eher Mensch denn Ikone. Dank ihrer als Au-pair erworbenen Deutschkenntnisse und ihres Charmes zum Liebling der Soldaten geworden, die fernab ihrer Heimat nahe der Grenze ausharren mussten. Eine Heldin ohne Pathos.

Im Schnelldurchlauf durch das letzte Jahrhundert

Fein säuberlich hat Bernasconi sämtliche Dokumente zur Geschichte des Hauses in einem Ordner abgelegt. Da ein Soldaten-Liederbuch, dort ein Stammbaum. Alte Porträtaufnahmen von Gilberte, das Drehbuch des 1941 erschienenen Films und Karten. Mit jeder umgeblätterten Seite reisen wir ein bisschen schneller durch das letzte Jahrhundert.

Schon vor dem Kauf des Hauses interessierte sich Evelyne Bernasconi für Geschichte. Als Kind einer deutschen Mutter und eines welschen Vaters wurde ihr dies in die Wiege gelegt. Oft besucht sie mit ihren Gästen den nahegelegenen Largin. Den Ort, an dem drei Fronten aufeinandertrafen. An welchem die Deutschen und Franzosen unweit der Grenze kämpften, während die Geflohenen in der nur wenige Meter entfernten Schweiz friedlich zusammen Karten spielten. «Es ist ein Dokument für die Sinnlosigkeit des Krieges», sagt Bernasconi. Vor Ort laufe es ihr jedes Mal wieder kalt den Rücken herab.

Dass die jüngere Generation dies im geschichtsträchtigen Restaurant-Hotel nahe der Grenze nicht vergisst, bezeichnet sie als ihre Mission. «Das Ganze darf nicht vergessen gehen. Es ist ein wichtiger Punkt in der Geschichte der Schweiz und der Schweizwerdung», sagt sie. «Mit Freude habe ich zur Kenntnis genommen, dass die Jungen sich sehr dafür interessieren, wenn man sie darauf aufmerksam macht.»

«Im ersten Moment war ich komplett sprachlos»

So erzählt Evelyne Bernasconi beim gemeinsamen Mittagessen davon, wie sie auf der Suche nach dem in Zürich lokalisierten Grab von Gilberte Montavon auf einen jungen Friedhofsgärtner stiess, der sofort sein Handy aus der Tasche zog, um das im Militär gelernte Lied «Gilberte de Courgenay» der Entlebucher Militärmusiker Robert Lustenberger und Oskar Portmann anzustimmen.

Das Lied und weitere Hintergrundinformationen lassen sich auf dem untenstehenden interaktiven Bild entdecken:

Ein ganz persönliches Highlight überragt allerdings alles zuvor Dagewesene. So erzählt die Gastgeberin von der Begegnung mit einem alten Mann, bei dessen Hochzeit ihr früh verstorbener Vater Trauzeuge war. «Ich habe überhaupt nicht erwartet, dass hier noch Menschen leben, die ihn kennen könnten. Im ersten Moment war ich komplett sprachlos», sagt sie.

Nebst den lokalen Gästen empfängt Bernasconi im «La Petite Gilberte» auch Personen aus dem Ausland. Wer aus der Deutschschweiz anreist, tut dies wiederum, wenn ein persönlicher Bezug zur Geschichte vorhanden ist. «Es kommen mittlerweile aber auch viele Gäste vorbei, die realisieren, was das Haus für die Schweiz bedeutet hat», so Bernasconi.

Sie kannte 300’000 Soldaten und alle Offiziere

So waren zur Zeit des Ersten Weltkrieges Tausende Soldaten rund um Courgenay stationiert. Schnell wurde der Saal des Hotel de la Gare zur Anlaufstelle für die Männer. Zu einem Ort, an dem man die prekäre Lage und die Angst vor dem drohenden Unheil für ein paar Stunden vergessen konnte. «300000 Soldaten und alle Offiziere» kannte die damals erst 21-jährige Gilberte laut dem Text des ihr gewidmeten Liedes. Während ihrer Zeit im Elternhaus griff sie den vom Heimweh geplagten Soldaten unter die Arme, nähte Knöpfe an und schrieb auf der Schreibmaschine Briefe.

Sich in die Zeit ihres Wirkens zurückzuversetzen, fällt an diesem Ort kaum schwer. Die sorgsam ausgewählten Möbelstücke in den Hotelzimmern sind Zeugen einer längst vergangenen Ära. Der schlichte Schreibtisch im ersten Stock. Der blumenberankte Waschkrug. Die massive weisse Badewanne.

Als die Bernasconis den Zuschlag erhielten, wurde das alte Gemäuer erst einmal von Plastik befreit. Im Dorf bekannt, trug man Evelyne Bernasconi mehrere Stücke zu, darunter gar das Ehebett von Gilberte Montavon. Seit das Ehepaar das Hotel übernommen hat, hat sich einiges getan. Die bisherigen Begegnungen und Erlebnisse lassen so manche Mühe in Vergessenheit geraten. «Man muss einiges dafür tun, aber das Erfolgsgefühl ist genial», sagt Evelyne Bernasconi, bevor sie sich nach einem langen Arbeitstag wieder in Richtung Killwangen begibt.

Das Hotel wieder verlassend, reissen einem die warmen Sonnenstrahlen am späten Nachmittag beinahe unsanft wieder zurück in das Hier und Jetzt. Sich von der Vergangenheit zu lösen, fällt dennoch schwer.  Am Bahnhof warten drei heimgekehrte Rekruten auf ihre Freundinnen. Auf einmal entstehen vertraute Bilder. 120 Kilometer trennen Baden und Courgenay. Und doch zieht das Leben letztendlich überall ähnlich gleichmässige Bahnen.

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