Es wäre so einfach, wenn man sagen könnte: Wer Simonetta Sommaruga verstehen will, muss Köniz verstehen. Leider ist es nicht so einfach. Denn das Köniz gibt es nicht. Die ehemalige Kulturbeauftragte Martha Häberli sagt: «Köniz ist so vielfältig wie der Kanton Bern – im Kleinen.»

Es gibt das Zentrum, das so aussieht wie viele Zentren in der Schweiz – eine verkehrsberuhigte Durchgangsstrasse, ein Kreisel, ein Gemeindehaus, zwei Banken, ein Grossverteiler links, ein Grossverteiler rechts. Es gibt das Mini-China-Town, wo sich Verkäufer und Kunden im Laden auf Mandarin unterhalten. Es gibt aber auch Ortschaften wie Herzwil, Liebewil oder Gasel, die so gar nicht ans urbane Leben erinnern. Und es gibt den Spiegel, jenen stadtnahen Ortsteil, der nicht nur dank des herrlichen Ausblicks auf deren Wirkungsstätte schon mehrfach Wohnsitz von Bundesräten war. Rund 4500 Personen leben dort. Eine davon war während Jahren Simonetta Sommaruga.

Von Kanton zu Kanton

War. Ist Köniz also gar nicht ihre «richtige» Gemeinde? So einfach ist die Frage gar nicht zu beantworten. Kein Mitglied des Bundesrats ist in seinem Leben so herumgekommen wie die Justizministerin. Sie ist im aargauischen Freiamt aufgewachsen, hat das Gymnasium im schwyzerischen Immensee besucht, später in Fribourg, Rom und Kalifornien gelebt. Ihre Heimatorte sind Lugano TI und Eggiwil BE. Nach Angaben des Eidgenössischen Justizdepartements fühlt sich Sommaruga im Kanton Bern, wo sie über 20 Jahre ihres Lebens verbracht hat, «sehr zuhause» – und das gilt am meisten für Köniz. Hier hat sie ihre Wahl in den Bundesrat und ihre Ernennung zur Bundespräsidentin offiziell gefeiert. Und hier ist sie gemäss Nachbarn immer noch regelmässig anzutreffen, auch wenn sie ihre Schriften 2016 in die Stadt Bern verlegt hat.

Stefan Herrenschwand ist ein guter Freund von Simonetta Sommaruga – und macht ihr an besonderen Tagen einen Rehrücken.

  

Als Sommaruga in den 1990er-Jahren mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Lukas Hartmann, in den Spiegel zog, war ihre politische Karriere noch gar nicht erst gestartet. In der Öffentlichkeit war die ausgebildete Musikerin dank ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin der Stiftung für Konsumentenschutz aber schon bestens bekannt – was ihr 1998 bei der Wahl in den siebenköpfigen Gemeinderat von Köniz zugutekam. «Wir wussten: Wenn sie antritt, wird sie gewählt», sagt der heutige Gemeindepräsident Ueli Studer.

Es begann die Zeit, in der Sommaruga Köniz am meisten prägte – und Köniz Sommaruga. Während sieben Jahren stand die SP-Frau der Feuerwehr und dem Zivilschutz vor. Der damalige Feuerwehrkommandant Fritz Burri kann sich noch gut erinnern. «Ich, der Viehhändler, und sie, die Studierte – das ‹chlepfe› eher heute als morgen, sagten die Leute vor ihrem Amtsbeginn», so der Pensionär.

Herausgekommen ist das Gegenteil. Sommaruga habe sich schnell den Respekt der Feuerwehrleute verschafft und die Reorganisation erfolgreich zu Ende geführt. Schon damals sei ihr die Frauenförderung im Korps ein Anliegen gewesen – mit allerdings mässigem Erfolg. Auch sei sie sich nicht zu schade gewesen, bei einem grösseren Schadenfall mitten in der Nacht die Arbeiten zu begleiten. «Am Anfang beklagte sie sich jeweils, dass ich sie dann mit dem Auto abholte – sie hatte ja bewusst keines», sagt Burri.

Zahlen und Fakten zu Köniz.

Zahlen und Fakten zu Köniz.

Merz als Vorleser

Ohnehin fällt auf: Wer in Köniz mit Sommaruga zusammenarbeitete, schwärmt in höchsten Tönen von der ausgebildeten Pianistin. Sogar SVP-Gemeindepräsident Studer, der eineinhalb Jahre mit ihr in der Exekutive amtete, verliert kein schlechtes Wort über sie. «Natürlich hatten und haben wir politische Differenzen. Aber als Mensch schätze ich sie sehr», sagt er. So habe sie sich etwa – gegen seinen Willen – stark für die 30er-Zone im Zentrum eingesetzt. Mittlerweile sei er froh um die Massnahme, gibt Studer unumwunden zu. Dass Sommaruga mitunter unnahbar wirke, sei ihrem Charakter verschuldet. «Sie hört immer zuerst zu, manchmal fast zu lange. Erst dann meldet sie sich zu Wort – das hat dann aber immer Substanz», sagt Studer. Im persönlichen Umgang sei sie herzlich und keineswegs distanziert.

Martha Häberli ihrerseits schwelgt in den Erinnerungen ans Kinder- und Jugendbuchfestival, das Sommaruga 2005 ins Leben gerufen hat. Dabei habe ihr auch ihr grosses Netzwerk geholfen. «Bei der Premiere las Bundesrat Hans-Rudolf Merz eine selbst geschriebene Kindergeschichte vor – ein berührender Moment», sagt die damalige Kulturbeauftragte. Auch das Schloss Köniz sei nicht zuletzt dank Sommaruga zum heutigen Kultur- und Begegnungszentrum geworden.

Rund 42'000 Personen leben in Köniz, der grössten Agglomerationsgemeinde der Schweiz. Und fast alle sind sie ein bisschen stolz auf «ihre» Bundesrätin. Nur ganz wenige davon kennen Sommaruga jedoch so gut wie Stefan Herrenschwand. Er leitete den Kirchenchor, in dem sie jahrelang mitsang («Eine wunderbare Sopranistin!»), er wohnte vorübergehend in jenem Haus, welches das Ehepaar später bezog, und er trifft sich noch immer regelmässig mit ihr. «Ich bin immer wieder erstaunt, wie geradlinig und dennoch erfolgreich man in Bundesbern sein kann», sagt er. Wenn sie sich sehen, werde allerdings kaum über Politik gesprochen, damit beschäftige sie sich schon mehr als genug.

Ein Rehrücken als Geheimrezept

An einem jener Abende hat eines Tages eine Tradition ihren Ursprung gefunden, von deren Geheimrezept noch so mancher Politiker träumen würde. «Vor der ersten Wahl in den Gemeinderat habe ich ihr einen Rehrücken zubereitet. Am nächsten Tag gewann sie. Also haben wir das jedes Mal wiederholt – bis jetzt immer erfolgreich», sagt er.
Ewig kann das freilich nicht weitergehen, ist doch nicht davon auszugehen, dass sich Simonetta Sommaruga nach beendeter Bundesratskarriere jemals wieder einer politischen Wahl stellen wird. «Dann ist dem halt so. Ich habe auch noch andere Rezepte auf Lager», sagt Stefan Herrenschwand und schmunzelt.