Finsteraarhorn

Vor 200 Jahren wurde das Finsteraarhorn erstbestiegen - ziemlich sicher

Wir waren nicht oben. Wir sitzen viel zu früh wieder auf der Terrasse vor der Finsteraarhornhütte. Ein ganzer Nachmittag liegt vor uns. Das Bier will nicht schmecken. Hinter unserem Rücken erhebt sich der Berg. Der Wind treibt noch immer Schnee über die Grate.

Es ist wie vor 200 Jahren. Von einer «anhaltenden regnerischen Witterung des Jahres 1812» schreibt der Aarauer Heinrich Zschokke in seinem Bericht über die Erstbesteigung des Finsteraarhorns. Der Schriftsteller verfasste den Bericht nach den Angaben des Sohnes von Johann Rudolf Meyer. Jenem Meyer und Aarauer Seidenbandfabrikanten, der mit seinem Bruder Hieronymus sowie den Gämsjägern Alois Volker und Joseph Bortis nur ein Jahr zuvor die Jungfrau erstbestiegen hatten – als ersten 4000er in der Schweiz.

Familienehre steht auf dem Spiel

Jetzt also das Finsteraarhorn, 4274m, höchster Berg der Berner Alpen.

Die Meyers wollen hinauf und das Gebirge weiter vermessen. Aber auch wegen der Jungfrau sind sie wieder hier. Es gilt zu beweisen, so heisst es im Bericht, «wie grundlos der Zweifel einiger Zweifellustigen gewesen», dass man sich auf der ersten Reise ein Jahr davor im Jungfraugipfel geirrt habe.

Am 3. September konnte die Familienehre wieder hergestellt werden: Gottlieb Meyer und die beiden Walliser Führer pflanzten auf der Jungfrau eine grosse Fahne aus rotem Wachstuch in den Gipfel, die noch 29 Jahre später von Grindelwald her sichtbar gewesen sein soll. Alle Welt sah, dass sie oben waren. Aber die Meyers haben in den Wochen davor bereits einen neuen Streitfall geschaffen: Waren ihre Führer am 16. August wirklich auf dem höchsten Punkt des Finsteraarhorns?

Aarauer auf dem Finsteraarhorn

Sabine Kuster auf dem Finsteraarhorn

Am 25. Juli 1812 waren sie vom Hospiz auf dem Grimselpass aufgebrochen. Eine grosse Truppe, die Industriellenfamilie kann sich das leisten: Die Brüder Meyer hatten Rudolfs Söhne, Rudolf jun. und Gottlieb, mitgenommen, auch ein Aarauer Kantonsschullehrer war dabei, mehrere Träger und Gämsjäger, die beiden Walliser Führer vom vorherigen Jahr und zwei Oberhasler – einer war Knecht im Grimsel-Hospiz. Er war es, der später am Horn mutig vorging.

Sie überschritten das Oberaarjoch und übernachteten in einer selbst gebauten Steinhütte an der Gemschlicke, bis sie das Wetter am 28. Juli zurück ins Hospiz trieb. Ihr Thermometer zeigte –11°C.

Schlechtes Wetter – wie schon 1812

Zweihundert Jahre später steigen drei gebürtige Aarauerinnen und zwei Aarauer aus dem Postauto auf dem Grimselpass. Nur von hier aus ist das Finsteraarhorn bequem zu sehen. Denn es steht mitten in einem Meer aus Eis. Die 1:25000-Karte «Finsteraarhorn» ist die einzige der Schweiz, auf der keine befestigte Strasse eingezeichnet ist. Anders als die Jungfrau, zeigt sich dieser Berg nicht jedem und schon gar nicht den Städtern vom Mittelland aus.

«Zweimal hatten wir die Tour aufs Finsteraarhorn verschoben, weil das Wetter schlecht war. Wir sind ungeduldig. Dabei ist die Ungeduld in den Bergen so gefährlich wie Steinschlag. Oder eben Sturmwind.»

Rudolf Meyer, die Walliser Joseph Bortis und Alois Volker sowie Arnold Abbühl vom Hospiz warteten bis Mitte August für ihren zweiten Versuch. Am 16. August seien sie oben gewesen, schreibt Zschokke, der kein Bergsteiger war. Sein Bericht ist ungenau und macht es den Zweiflern leicht: Sie behaupten, Abbühl, Volker und Bortis hätten bloss den Vorgipfel erreicht. Denn Rudolf Meyer, der erschöpft auf dem Südostgrat zurück blieb, habe von da aus den Gipfel gar nicht einsehen können, wie er behauptete. Andere wiederum vertraten die Meinung, dies sei sehr wohl möglich gewesen. Heute lässt sich das nicht mehr überprüfen, es liegt viel weniger Eis.

Damals war von «mehreren Klaftern» die Rede. Der «Felsenberg, von nacktem Eis gepanzert», liess die Besteiger zögern. Schliesslich ging Arnold Abbühl voran. Nach einer dreistündigen Kletterei erreichten sie um 4 Uhr nachmittags den Gipfel «der schwarzen Pyramide, (...) deren Gipfel noch der Fuss keines Sterblichen berührt hat».

«Leichnam einer vergessenen Welt»

Es bleibt nichts anderes übrig, als es ihnen zu glauben. Dennoch wollen wir den Gipfel mit eigenen Augen sehen. Wir übernachten im Berghaus Oberaar. Als wir am Morgen aufbrechen, setzt Regen ein, dann schneit es. Der Gletscher zieht sich. Er sieht aus wie ein riesiges, sterbendes Tier. Die Meyers nannten ihn «Leichnam einer Welt, deren der Schöpfer vergessen will». Seither ist der «Leichnam» so stark geschmolzen, dass es 50 Meter Aufstieg vom Gletscher zur Finster-
aarhornhütte sind. Im Tal daneben sind es gar 150 Meter hinauf zur Konkordiahütte.

Wir sind die einzigen Gäste von Hüttenwart Hans Winterberger. «Das Finsteraarhorn ist etwas Spezielles», verspricht er. Und auch das Wetter verspricht gut zu werden. Aber kalt. Deshalb starten wir eher spät, um Viertel vor 6 Uhr morgens. Wir kommen gut voran, ziehen ob der Kletterei bald die Jacken aus.

Zwei Stunden später haben wir die Hälfte der Höhe geschafft und machen bei der Überschreitung des Südwestgrates Pause. «Frühstücksplatz» wird der Ort genannt. Wir zerren augenblicklich die Jacken wieder aus den Rucksäcken. Hier pfeift der Nordwind. Wir steigen den Gletscher hinauf Richtung Hugisattel, benannt nach dem Solothurner Franz Josef Hugi, der 1829 wegen eines schmerzenden Fusses an dieser Stelle zurück blieb, während seine Führer den Gipfel erreichten. Noch zwei weitere Male versuchte er die Besteigung des Finsteraarhorns vergeblich.

Die Seilschaft der Meyers war nicht hier aufgestiegen, sondern über den viel schwierigeren und heute kaum noch gewählten Südostgrat. Hugi klassierte die Meyer-Route als «für menschliche Wesen durchaus unmöglich». Darauf wehrte sich Rudolf Meyer 1831 gegen die Anschuldigung in der Aarauer Zeitung «Der aufrichtige und wohlerfahrene Schweizer-Bote» und schrieb, er wolle wegen Zschokkes Irrtümer im Bericht bald einen eigenen Originalbericht verfassen. Dieser erschien aber erst 1852, 19 Jahre nach seinem Tod in der Zeitschrift «Alpenrosen».

Dort beschreibt Meyer nebenbei seine Leidenschaft für die Berge: «…man fühlt sich unermüdet, freier, mutiger! Je rauer, je wilder die Natur, dem jungen Manne, desto anlockender.» Und: «Das Gefahrenvolle hat eigenen Reiz, den es einmal angezogen, reisst es unaufhaltbar fort.»

–20°C mitten im Sommer

«Eis raschelt über den Firn hinunter, der Wind treibt die Schollen, die wir mit unseren Füssen lostreten, ins Tal. Wir treten in den Schatten des Gipfels, augenblicklich wird die Luft noch eisiger. –8°C werden an diesem Morgen auf dem tiefer liegenden Jungfraujoch gemessen und Windgeschwindigkeiten von 40 bis 50 Kilometern pro Stunde. Die Temperatur muss gefühlte –20° betragen. Die Finger schmerzen in den Handschuhen. Vor einem steileren Stück verkürzen wir das Seil. Da fällt mir der Pickel aus der klammen Hand. Entgeistert schaue ich zu, wie der Wind ihn den Hang hinunter treibt. Nach rund 40 Metern bleibt er wie von Zauberhand gehalten liegen. Meine Seilschaft holt ihn, die andere wartet. Und friert.»

«Gehen wir noch ein Stück», sagt Tobi, der uns führt. Wir nicken. Aber kommen kaum vorwärts. Die Böen werden so heftig, dass wir immer wieder stehen bleiben und uns am Pickel halten. Zwei Schritte vor, einen zurück. Eisnadeln im Gesicht. Keiner spricht, es hat jeder mit sich selbst genug zu tun. Dann schreit Irene, die Fotografin, gegen den Wind an: «Es bringt nichts!» Irgendwie haben alle darauf gewartet. Obwohl der Hugisattel kaum 50 Höhenmeter über uns liegt, kehren wir um. Niemand protestiert. Die Kälte sitzt uns so in den Knochen, dass wir nur runter wollen.

Knallharte Erstbesteiger

Wieder waren Aarauer nicht oben. Die beiden Walliser und der Knecht des Grimsel-Hospizes schafften es 1812 trotz Wind. Eine ganze Weile hielten sie es offenbar auf dem Gipfel aus, obwohl der Sturm so gewaltig gewesen sei, «dass sie sich kaum auf den Füssen erhalten mochten». Erst im Abstieg auf der Westflanke, nahe der heutigen Normalroute, erkannten die drei «leider zu spät, dass der Berg von dieser Seite ohne Schwierigkeit zu erklimmen gewesen wäre.»

Und wir, hätten wir doch noch gewartet. Auf der Hüttenterrasse verhöhnt uns die Sonne. Neun Stunden sind wir zum Berg gewandert, acht liegen am nächsten Tag via Aletschgletscher noch vor uns. Alles für nichts. Unter Bergsteigern zählt: oben gewesen sein. Nicht fast oben. «Wir sind keine Leistungsgesellschaft», zitiert Tobi einen Satz, den er irgendwo gelesen hat, «wir sind eine Erfolgsgesellschaft.»

Beim Überqueren der Grünhornlücke tags darauf schauen wir zurück zum finsteren Horn. Drei Seilschaften steigen ab, viel zu früh. Auch sie hat der Wind wieder hinunter gejagt. Es ist ein kleingeistiger Trost.

Am Nachmittag erreichen wir die Märjelenalp, eine gute Stunde später die Gondelbahn nach Fiesch. Und dann – als hätten wir unser Ziel erreicht – stellen sich doch noch Glücksgefühle. Ich zweifle: Sind wir nicht doch ganz oben im Wind gestanden und haben staunend das Eismeer überblickt?

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