Trotz Online-Fahrplan

Von SBB beerdigt: Die Bibel der ÖV-Benutzer wird wieder gedruckt – Tausende kaufen sie

Trotz Online-Fahrplan: Als Liebhaberobjekt lebt das Kursbuch weiter.

Trotz Online-Fahrplan: Als Liebhaberobjekt lebt das Kursbuch weiter.

Das Kursbuch der SBB feiert ein unerwartetes Revival.

Dies ist die Geschichte eines Schweizer Kulturguts, das gestorben und wieder auferstanden ist; eine Geschichte, die erst dank eines Gesetzes des Marketings verständlich wird. «Kein Trend ohne Gegentrend», lautet es. Denn immer, wenn etwas verschwindet, dauert es nicht lange, bis es erst so richtig interessant wird. Die Geschichte handelt vom Kursbuch des öffentlichen Verkehrs. Die offizielle Version – von den SBB im Auftrag des Bundes herausgegeben – enthielt alle Fahrpläne für Bahne, Busse und Schiffe, die in der Schweiz verkehren. Zu seinen besten Zeiten besass fast jeder Haushalt ein Kursbuch.

Drei Bände umfasste es zuletzt, sie brachten 2,7 Kilogramm auf die Waage. «Blaue Bibel» wurde das Kursbuch liebevoll genannt – bis es im Jahr 2016 letztmals in gedruckter Form erschien. Die Nachfrage sei «kontinuierlich zurückgegangen», erklärten die SBB das Ende einer über 110 Jahre währenden Ära. Innert zwölf Jahren war die Auflage von 120'000 auf 25'000 Exemplare gesunken. Halb so tragisch, fanden die SBB: Online sei ja weiterhin alles verfügbar. Erst noch schneller, erst noch aktualisiert, erst noch kostenlos.

Als Liebhaberobjekt jedoch lebt das Kursbuch weiter. Seit Dezember 2017 wird es von privaten Initianten herausgegeben. Es kommt nun in einem Band und ohne Buslinien daher, ist kompakter und wiegt nur noch 900 Gramm. Die Fahrplanfelder erscheinen in vertrauter Aufmachung. Weil am Zugersee entlang der Gotthardachse ab Juni gebaut wird, umfasst die aktuelle Ausgabe sogar einen kleinen Zusatzband. Federführend beim Projekt ist der Verkehrs-Club Schweiz (VCS), beteiligt sind zudem die Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr und die Kundenorganisation Pro Bahn. Die SBB immerhin liefern die Fahrplandaten und vertreiben das Kursbuch an 30 grösseren Bahnhöfen.

Erfrischend anachronistisch

Eine Angelegenheit nur für Bahnnostalgiker? Das Projekt «Neuauflage» hat alle Erwartungen übertroffen, wie der VCS auf Anfrage erklärt: Von den beiden ersten Ausgaben wurden jeweils rund 12'000 Exemplare verkauft, zum Stückpreis von Fr. 19.80. Eine Defizitgarantie mussten die Initianten nicht beanspruchen. So weit die Fakten.

Viel interessanter ist die Frage: Warum kaufen sich 12'000 Menschen weiterhin ein Druckwerk, wo doch im Internet alles gratis zur Verfügung steht? Wo eine App die beste Verbindung für jeden Pendler herausfiltert? Wo Änderungen beispielsweise wegen Baustellen laufend berücksichtigt werden? Das Kursbuch ist gnadenlos analog. Kein junger Mensch könnte sich im Smartphone-Zeitalter mühelos darin zurechtfinden. Genau dieser Umstand macht es so attraktiv für ein Revival. Es strahlt eine ungeheure Solidität aus. Was zwischen zwei Buchdeckeln steht, ist fassbar – so entsteht zumindest der Eindruck, der Fahrplan mit seinen Tausenden Linien lasse sich schon irgendwie bändigen.

Inspirationsquelle für Reisen

Für Hans Meiner ist das keineswegs nur eine Sache der Nostalgie. «Das gedruckte Kursbuch bietet praktische Vorteile», sagt der Initiator der Neuauflage, der einer der Väter des Taktfahrplans war und jahrelang der Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees vorstand. Meiner betont, auch er nutze eine App, wenn er schnell von einem Ort an einen anderen kommen wolle. «Alles andere wäre unsinnig.» Das Kursbuch jedoch biete laufend die Chance, Neues zu entdecken. Dank ihm bekomme man ein Verständnis für die Schweizer Geografie, ebenso für die Feinheiten des Verkehrsnetzes.

Was er damit meint, erklärt Meiner anhand eines Beispiels, einer Reise von Luzern aufs Rütli. «Im Kursbuch entdecke ich, dass ich auch direkt mit dem Schiff hinfahren kann. Das dauert zwar länger, hat aber seinen ganz eigenen Reiz.»

Es gibt oft mehr als einen Weg. Und manchmal stösst man sogar auf einen neuen. So beschreibt auch Viera Malach vom VCS die Vorzüge des gedruckten Werks. «Beim Blättern des Kursbuches werden Ideen für spätere Ausflüge gesammelt und die Möglichkeiten dazu gecheckt», sagt sie. Wer sich in Fahrplanfelder vertieft, gibt sich nicht mit schnöden Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zufrieden.

Die SBB selbst sehen das wiederbelebte Kursbuch offenbar als Zahlenwerk, auf das Pendler blind vertrauen können. In der aktuellen Ausgabe wirbt das Unternehmen: «Du bist meine Pünktlichkeit. Du bist meine SBB.»

Autor

Sven Altermatt

Sven Altermatt

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