Irena Jurinak

Lange hat Clarissa Ravasio aus Staufen mit sich gerungen, ob sie ihre Geschichte erzählen soll. Sie entschied sich dafür: «So etwas darf nicht mehr passieren.»

Die Sonne scheint, es ist einer der ersten Frühlingstage des Jahres. Im Treppenhaus begrüsst Clarissa Ravasios Blindenführhund Zoran die Journalistin schwanzwedelnd. In der Wohnung ist es hell, gelbe Wände, kurze Vitragen machen die Wohnung freundlich, leise Meditationsmusik ist zu hören.

Medienberichte bringen alles wieder hoch

Clarissa Ravasio empfängt den Besuch offen und herzlich. Sie ist seit ihrer Kindheit sehbehindert. Und doch eine starke, selbstbewusste Frau, so ist der erste Eindruck. Nie würde man vermuten, dass ihre Kindheit für sie lange ein dunkles Loch war. Eine Zeit, von der sie nichts wusste, weil sie sie verdrängt hatte.

Die Medienberichte über ans Licht gekommene Missbrauchsfälle in Institutionen, geführt von Mitgliedern der katholischen Kirche, wühlten sie auf. «Für ‹normale› Menschen ist das ein Bericht. Doch für mich beginnt das Leiden von neuem. Mit jeder Enthüllung werde ich zurückkatapultiert. Die Schmerzen kehren zurück. Meine Stimme erlischt für einige Stunden oder Tage.» Sie spricht leise, wirkt zerbrechlich in diesem Moment.

Sie verlor die Sprache

Lange hat die 50-Jährige mit sich gerungen, ob sie ihre Geschichte öffentlich machen soll. «Es ist kein gutes Gefühl, sich zu outen, aber wir Opfer haben ein Gesicht.»

Sie war zwei Jahre alt, als sie in ein von Nonnen geführtes Kinderheim im Aargau kam. Mit vier Jahren wechselte sie in die Kindergartenabteilung. «Am Freitag war Badetag, das hiess: sexueller Missbrauch und körperliche Misshandlungen.» Clarissa Ravasio verlor die Sprache, kratzte sich wund, um die Schmerzen und die Scham zu ertragen.

Weil ich ein Mädchen bin

Zwei Jahre lang, dann wurde die Schwester ausgewechselt und Clarissa ein Jahr in eine Sprachheilschule geschickt. Dann musste sie zurück ins Heim. Die körperlichen Misshandlungen gingen weiter. Später kam der Missbrauch durch ihren Vater dazu. Niemand machte sich die Mühe, ihr zu helfen. Der Pfarrer und der Vormund, denen sie sich mit 13 Jahren anvertraute, pochten auf das Recht des Vaters und meinten: «Du bist halt nur ein Mädchen!»

Viel später hiess es dann: «Es kann ja nicht so schlimm gewesen sein, du hast ja überlebt.»

Das Schweigen brechen

«Ich will, dass wir nicht vergessen werden. Dass die Menschen hinschauen.» Ihre Stimme wird energischer. Solche Taten sollen nicht weiter unter den Teppich gekehrt werden, die Täter sollen sich nicht verstecken oder versteckt werden. «Wenn wir nichts tun und schweigen, schlafen die Aufgeschreckten wieder ein.»

Lange hatte Clarissa Ravasio keine Erinnerung an ihre Kindheit. Bis die Bilder zurückkehrten. Mit 45 Jahren begann sie, das Erlebte aufzuarbeiten. Sie ging das erste Mal in eine Frauengruppe und erlebte, dass sie nicht die Einzige war. Diese Gruppenarbeit öffnete eine Kammer des Schreckens und Clarissa Ravasio musste sich professionelle Hilfe holen. Seit mehreren Jahren wird sie nun therapeutisch begleitet und lernt, mit ihrem Trauma zu leben.

Immer wieder falle sie in alte Muster zurück, verletze sich, um mit den Erinnerungen und Bildern fertig zu werden. «Das ist wie ein Fluch, der auf einem lastet. Es glaubt einem niemand.» Denn was nicht sein darf, kann nicht sein. Ihre Grossmutter habe immer gesagt: «Du hattest es so gut dort.» In solchen Momenten habe sie das geglaubt. «Am schwierigsten war, mir selber zu glauben, dass das, was mir passiert ist, die Wahrheit ist.»

«Ich habe lebenslänglich»

Heute weiss sie, warum sie eine Aversion gegen Holzkleiderbügel hat und warum dunkle Vorhänge und auf einer Sitzbank hinter einem Tisch eingeklemmt zu sein schlechte Gefühle in ihr auslösen. Wenn sie hört, dass Täter mit zwei Jahren Gefängnis bedingt davonkommen, wird sie wütend. «Ich habe lebenslänglich.»

An der Wand hängen Bilder: ein Strand mit Palmen. Eine Landschaft im Mondlicht. Ihr älterer Bruder hat sie gemalt, auch er wurde von Nonnen und dem Vater misshandelt. Heute wohnt der Bruder im Nachbarhaus, die Geschwister haben eine enge Beziehung zueinander. «Mein Umfeld gibt mir Kraft.» Ihren Kindern hat sie von ihrer Vergangenheit erzählt. Mit ihrem zweiten Mann erlebt sie, dass Respekt Liebe bedeutet und wie es ist, wenn eine Beziehung frei von Macht ist.

Vor sechs Jahren besuchte Clarissa Ravasio das Heim, in dem sie so Schlimmes erlebte. Es wird schon seit langem nicht mehr von den Nonnen geleitet. Dem Kloster, welches die Institution früher betrieb, schrieb sie einen Brief. Auf eine Reaktion musste sie lange warten. Nun scheint ein Gespräch mit der Klosterleitung möglich.

Gegen das Vergessen kämpfen

Ihr geht es nicht darum, eine Entschuldigung zu erhalten. «So etwas darf nicht mehr geschehen.» Täter gäbe es in allen Glaubensrichtungen, aber auch querbeet in jede Richtung, in Familien, Sportvereinen, der Pfadi usw. «Ich will die Öffentlichkeit sensibilisieren, genauer hinzuschauen. Man sieht es, wenn es einem Kind nicht gut geht.» Sie kennt es aus eigener Erfahrung: Wenn ein Kind immer wieder an Leib und Leben bedroht wird, kann es sich nie wehren und kennt das Wort Vertrauen auch nicht.

Nach dem Gespräch begleitet sie die Journalistin zusammen mit Labrador Zoran nach draussen. Sie erzählt von seinen Eskapaden. «Zoran hat manchmal einen eigenen Kopf.»

Sie lacht. Die Sonne scheint, es ist einer der ersten Frühlingstage des Jahres.