Täglich schalten 2,6 Millionen Menschen einen der sechs SRF-Radiosender ein. Wer einem dieser Programme zuhört, tut dies im Schnitt fast zwei Stunden lang. Diese Zahlen sind derart beeindruckend, dass sogar das rechtskonservative Politmagazin «Weltwoche», das die No-Billag-Initiative befürwortet, konstatieren musste: «Hier ist tatsächlich ein bemerkenswerter Kohäsionsfaktor vorhanden, weil eine Mehrheit der Schweizer dem gleichen Informationskanal vertraut.»

Nicht nur die Quoten, auch die Glaubwürdigkeit spricht für die SRG-Radios: In der aktuellen Mediabrands-Studie von Ende 2017 belegt SRF 1 knapp hinter der «NZZ» den zweiten Rang in der Deutschschweiz, während die beiden SRG-Kanäle La Première und Rete Uno in der Romandie respektive im italienischsprachigen Landesteil die Nase vorn haben.

Radio begleitet durch den Alltag

Eine Annahme der No-Billag-Initiative entzöge allen SRG-Stationen die Gebühren, weshalb nicht nur die Fernseh-, sondern auch die Radiosender ihren Betrieb aufgeben würden. «Die gesamte SRG würde liquidiert – dies ist nach wie vor unser einziger Plan B», betont SRF-Direktor Ruedi Matter (64). Obwohl seine Radio- die TV-Sender punkto Beliebtheit übertreffen, sind letztere im Abstimmungskampf das dominierende Thema. Warum eigentlich?

«Fernsehen ist farbig und prominent und fordert Aufmerksamkeit, was entsprechend Angriffsfläche bietet», sagt Lis Borner (58), Chefredaktorin von Radio SRF und damit Vorgesetzte von knapp 300 Journalisten. Radio hingegen begleite durch den Alltag, informiere, unterhalte und schaffe Stimmungen. «Wer eine emotionale und medienwirksame Kampagne führen will, fokussiert deshalb aufs Fernsehen.»

Das tun sowohl das Initiativkomitee als auch die Gegner des Volksbegehrens: Während Olivier Kessler und Co. TV-Sendungen wie der «Arena» unausgewogene Berichterstattung vorwerfen, hört man von ihnen nahezu nie ein schlechtes Wort über Radio SRF; und auch die Vertreter des Nein-Lagers setzen in ihrer Argumentation primär auf den Fernsehbereich, in dem nach ihrer Lesart eine «Berlusconisierung» droht, wo Private die in der direkten Demokratie so wichtigen Informationen nicht bereitstellen könnten.

Der «Kumpel im Hintergrund»

Einer, der beide Welten aus dem Effeff kennt, ist Nik Hartmann. Die SRF- Allzweckwaffe wird Mitte März – wenige Tage nach der No-Billag-Abstimmung – letztmals als Moderator im Vorabendprogramm von SRF 3 zu hören sein. Nach fast zwei Jahrzehnten beim Radio will er sich künftig auf seine TV-Projekte wie «SRF bi de Lüt» und «Landfrauenküche» konzentrieren. Wenn man im Fernsehen etwas verzapfe, habe dies eine viel grössere Wirkung als im Radio, sagt der 45-Jährige. «Radio ist und bleibt der gute, verlässliche Kumpel im Hintergrund. Da gibts viel weniger Angriffsfläche als bei der bunten Diva Fernsehen.»

Auch wenn sich die beiden Medien schwer vergleichen liessen: Beim öffentlichen Auftritt von Radio und Fern- sehen hat Hartmann Unterschiede ausgemacht: «Wir Schweizer mögen Bescheidenheit», sagt er. «Und da mag die Wirkung des Radios eine leisere sein als die des Fernsehens.»

50 Franken pro Gebührenzahler

Auch wenn sich einige Radio-Mitarbeiter aus Angst vor einem Fehltritt so kurz vor der Abstimmung dann doch nicht zitieren lassen wollen: Viele von ihnen reagieren erfreut auf die Anfrage der «Nordwestschweiz». Als seien sie erleichtert, dass man auch mal von ihnen und nicht immer nur von ihren TV-Kollegen spricht. Entgegen anders lautenden Medienberichten dürfen sie sich gemäss internem Reglement frei zu «No Billag» äussern, solange sie keine explizite Abstimmungsempfehlung geben. Ein angeblicher Maulkorb der Direktion bestand nie und besteht auch heute nicht.

«Wir Radiostimmen sind im Leben vieler Menschen eine dermassen feste Gewohnheit, eine fixe Begleitung und ein sicherer Wert, dass viele sich gar nicht bewusst sind oder sich nicht vorstellen können, dass die Initiative auch ihr Lieblingsradio tangiert», sagt Mario Torriani, Morgenmoderator und Chef aller Moderatoren bei SRF 3. Im Abstimmungskampf stehe sein Medium aber auch deshalb nicht im Fokus, weil Radio in der Produktion relativ günstig sei, glaubt der 42-Jährige. «Wer beim Radio spart, hat nicht viel gewonnen.»

Während die SRG für Zuschauer 2016 1,1 Milliarden Franken ausgab, waren es für Hörer 436 Millionen Franken. Oder auf den einzelnen Gebührenzahler heruntergebrochen: Von den 178 Franken, die ein jeder ans SRF abliefert, fliessen 128 Franken ins TV und 50 Franken ins Radio – der Rest der Gebühren in Höhe von 451 Franken geht an RTS (134), RSI (89), RTR (8) sowie an konzessionierte private Stationen und an die Billag für das Inkasso (42).

Radio läuft TV den Rang ab

Bei der glaubwürdigsten aller Sendungen – dem «Echo der Zeit» – arbeitet Nicoletta Cimmino. Beim ersten Schweizer Medienqualitätsranking liess das «Echo» 2016 sämtliche Zeitungen hinter sich. Inhaltlich dürfe an der DNA der Sendung denn auch nicht herumgepfuscht werden, findet Cimmino. Mit 420 000 Hörern ist das politische Hintergrundmagazin zwar nicht die meistgehörte, aber eine der beliebtesten Sendungen. Das zeigt sich auch im Abstimmungskampf: Der «Verein für die Rettung meiner Lieblingssendung» bietet Fahnen aller SRG-Formate an – von der «Arena» über «Dok», «10 vor 10» bis zum «Sportpanorama». Kein Transparent wurde so häufig bestellt wie jenes des «Echo». Das Radio lässt das Fernsehen eben doch hinter sich. Auch wenn kaum jemand von ihm spricht.