Impfen
Von Melkfrauen und Pocken: Wie das Impfen zur Erfolgsstory wurde

Heute kann man sich fast gegen jedes und alles impfen. Die Impfung zählt zu den ganz grossen Erfolgsstorys der Medizin. Begonnen hat es ganz simpel im Jahr 1774 mit einer zufälligen Beobachtung.

Anna Wanner
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Die Geschichte des Impfens nimmt ihren Anfang bei einer zufälligen Beobachtung: Das «Melkgesindel» blieb von den tödlichen Pocken verschont. Als in einem englischen Dorf 1774 einer nach dem anderen an den hoch ansteckenden Pocken erkrankten, blieben zwei Melkfrauen völlig gesund, obwohl sie mit erkrankten Brüdern und Neffen zusammenlebten. Der Arbeitgeber der beiden Frauen, Rinderzüchter Benjamin Jesty, führte dies auf eine frühere Erkrankung zurück: Die Frauen steckten sich beim Melken mit den Kuhpocken an. Jetsy, vom direkten Zusammenhang überzeugt, wagte ein Experiment: Er reiste mit Frau und seinen zwei Söhnen zu einem benachbarten Bauer, dessen Kühe an Kuhpocken litten. Mit einer Stricknadel und dem Eiter aus den Pusteln der Kühe infizierte Jetsy seine Familie – er selbst hatte die Kuhpocken bereits gehabt.

Obwohl seine Söhne mehrmals den viel gefährlicheren Pocken ausgesetzt waren, erkrankten sie nie daran. Jetsy gilt daher als Erster, der einen Menschen mit Kuhpocken erfolgreich gegen die Pocken immunisiert hat.

Zwar sind andere Versuche, gegen Pocken zu impfen, schon aus früherer Zeit bekannt – aus China, Indien über die Türkei gelangte die Methode des Einpfropfens nach Europa. Menschen wurden über Einstiche in die Haut mit der Krankheit angesteckt. Auch bei der sogenannten Variolation infizierte man die Menschen mit dem Pockenvirus selbst, in der Hoffnung, eine mildere Form zu verabreichen und eine schwere Pockenerkrankung zu vermeiden. Die Wirksamkeit der Methode ist bis heute umstritten. Überliefert ist, dass dadurch viele Menschen an der Krankheit starben.

Erst der Landarzt Edward Jenner, der die Impfung mit Kuhpocken auf wissenschaftlicher Basis untersuchte, verhalf dieser zum Durchbruch. So impfte Jenner mehrere Kinder erst mit Kuhpocken, dann mit Pocken, um deren Wirkung zu testen – auch seinen elf Monate alten Sohn. Im Jahr 1798 veröffentlichte er die viel beachtete Studie, die in andere Sprachen übersetzt wurde und erste Impfkampagnen auslöste. Bald anerkannten auch die Ärzte auf dem europäischen Festland, dass das milde «Kuhpocken-Gift» wirksam gegen das bösartige «Pocken-Gift» schützt, indem es den Menschen dagegen immunisiert. Der Erfolg der Kuhpocken-Impfung hängt nicht zuletzt mit der hohen Letalität der Pocken zusammen. Neben der Pest zählt sie zu den tödlichsten Krankheiten überhaupt: 10 bis 30 Prozent der Erkrankten starben daran, Heilmethoden gab es keine. Im 18. Jahrhundert rafften die Pocken jährlich etwa eine halbe Million Menschen dahin.

Auch in der Schweiz setzte sich das Verfahren durch. Als Folge sank die Sterberate rasant. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz waren 1806 rund 26 Prozent aller Todesfälle auf Pocken zurückzuführen; 1813 waren es noch 5 Prozent. Bis Ende des
19. Jahrhunderts nahm die Zahl kontinuierlich ab. Die Pocken forderten in der Schweiz das letzte Mal während einer Epidemie zwischen 1921 und 1925 total 14 Tote. Seit 1933 wurde in der Schweiz keine Pockenerkrankung mehr gemeldet. Die Krankheit gilt seit 1980 weltweit als ausgerottet.

Anders als die Pocken, die ohne Wissen über das Virus bekämpft werden konnten, entwickelten sich Impfstoffe gegen andere Krankheiten erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem Forscher Krankheitserreger nachweisen konnten. Deren Erfolgsgeschichte ist nicht weniger spektakulär: So konnten viele Infektionskrankheiten verhindert oder stark eingeschränkt werden – nicht zuletzt durch die Aufnahme neuer Impfstoffe ins nationale Impfprogramm.

Beispielsweise konnte so die Kinderlähmung in der Schweiz ausgemerzt werden. Die Infektion verläuft bei den meisten Personen zwar ohne Symptome. Bei etwa einem Prozent der Erkrankten entwickeln sich aber binnen Stunden Lähmungen, die zu Behinderungen führen oder sogar tödlich enden können. Behandeln kann man sie nicht. Der jüngeren Generation ist die Krankheit kaum mehr bekannt, weil sie mit dem Impfen seit Jahren verhindert werden kann. Bei anderen Krankheiten wie Masern, Mumps, Röteln, Diphterie, Keuchhusten oder Starrkrampf ist die Zahl der Erkrankungen seit Einführung der Impfstoffe ebenfalls rückläufig – nahezu bei null.

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