Prävention
Von Kredit-Firma gesponsert: Kinder lernen Umgang mit Schulden

Das Lehrmittel «Potz Tuusig» von Pro Juventute zeigt Kindern, wie sie mit Geld umgehen sollen – um später Schulden zu vermeiden. Mitfinanziert worden ist es von einem Finanz-Unternehmen. Pro Juventute begrüsst dieses Engagement trotzdem.

Antonio Fumagalli
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Mit Lehrmitteln wie «Kinder-Cash» oder «Potz Tuusig» wird Finanzkompetenz vermittelt.Pro Juventute

Mit Lehrmitteln wie «Kinder-Cash» oder «Potz Tuusig» wird Finanzkompetenz vermittelt.Pro Juventute

Pro Juventute

Die Erstklässler aus dem Primarschulhaus Sonnhalde in Worb können noch nicht fliessend lesen. Aber was ihnen auf dem Schulweg, der an den lieblichen Hügeln des Berner Mittellandes vorbeiführt, auf den Plakatwänden in die Augen springt, übersehen auch sie nicht: «Kann ich mir eine neue Handtasche gönnen? Es gibt immer eine Lösung», hat es da zum Beispiel schon geheissen. Der Nationalrat debattiert heute darüber, ob derartige Werbung für Kleinkredite verboten werden soll.

So kommen sie denn auch mit lauter Fragen in den Unterricht, die Schüler vom Sonnhalde. Sie wissen: Heute steht etwas Spezielles auf dem Programm – «Potz Tuusig», ein Finanzkompetenz-Lehrmittel von Pro Juventute. In einer knapp einstündigen Erzählung sollen die Kinder den eigenen Umgang mit Geld und Konsum zu reflektieren lernen.

Debatte in Bern

Der Nationalrat ist im Grundsatz dafür, aggressive Werbung für Kleinkredite zu verbieten, um Jugendliche vor Verschuldung zu schützen. Er ist am Donnerstag auf eine entsprechende Gesetzesvorlage eingetreten. Was aggressive Werbung ist, legt das Gesetz allerdings nicht fest.

Im Laden mit der «Zauberkarte»

Janna, die Protagonistin der Geschichte, möchte unbedingt ein neues Plastikpferd haben. Da kommt der verführerische «Potz Tuusig» mit seiner «Zauberkarte» gerade recht. Denn damit kann sich Janna auch gleich den Rest des Spielwarenladens kaufen – bis sie dank einer Spezialbrille an der Kasse merkt, dass irgendetwas faul ist.

«Woher kommt das Geld auf der Zauberkarte?», fragt die Lehrerin in die Runde. Zahlreiche Hände gehen in die Luft. «Von der Nationalbank. Die tun immer wieder neues drauf, wenn es nichts mehr hat», weiss ein Siebenjähriger. Die Lehrerin kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen – und erklärt, wie es mit den Kreditkarten und dem Lohn nun genau funktioniert.

«Geld darf auch für Kinder kein Tabu sein. Wenn sie bereits in jungen Jahren damit konfrontiert werden, hilft dies, spätere Schulden zu vermeiden», sagt Daniel Jenal, Verantwortlicher Konsum bei Pro Juventute.

Die Schule sei dabei ein Faktor, mindestens so wichtig seien aber auch Werte und Normen, die von den Eltern mitgegeben werden. «Die Mutter soll dem Kind ruhig erklären, warum sie sich diese Schuhe nun nicht leisten kann», so Jenal.

Bezahlt von der Finanzbranche

Die Kantone Aargau und Solothurn nehmen in der Schuldenberatung eine führende Rolle ein. Sie hatten letztes Jahr eine Studie in Auftrag gegeben, welche die Wirksamkeit von Präventionsmassnahmen – insbesondere im Umgang mit Jugendlichen – untersuchte.

Schlussfolgerung: Selbstvertrauen, die Fähigkeit zu Belohnungsaufschub und Selbstkontrolle von jungen Leuten sind entscheidende Faktoren, wichtiger noch als das eigentliche Finanzwissen. Daran versucht auch das Lehrbuch «Potz Tuusig» anzuknüpfen – zum Beispiel mit einem Zusatzkapitel, das sich ausdrücklich an die Eltern der Primarschüler richtet.

In der Fachwelt scheint unbestritten, dass solche Programme einen Beitrag zu einem schuldenfreien Leben leisten können. Ganz unproblematisch sind sie dennoch nicht: So wird «Potz Tuusig» von der Aduno-Gruppe teilfinanziert – einem Unternehmen, das sich auf bargeldloses Bezahlen spezialisiert hat.

Einen Widerspruch sieht man bei Pro Juventute darin aber nicht: Es sei begrüssenswert, wenn Finanzunternehmen ihre soziale Verantwortung wahrnähmen und einen nachhaltigen Beitrag zum bewussten Umgang mit Geld leisteten – schliesslich sei der kreditfinanzierte Konsum eine Realität. Daniel Jenal: «Unsere Partner nehmen keinerlei inhaltlichen Einfluss auf unsere Lehrangebote und auch auf ein Branding der Unterlagen wurde gänzlich verzichtet.»