Bundesrat
Von Kopp bis Leuthard: So gut waren die bisher sieben Bundesrätinnen der Schweiz

Die Frauenfrage in der Landesregierung beschäftigt die Schweiz bereits seit Jahrzehnten: Seit der Gründung des Bundesstaats 1848 schafften es nur sieben Frauen in die Regierung. Wie gut waren sie? Und was ist ihr Vermächtnis? Ein Blick zurück aus aktuellem Anlass.

Henry Habegger
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Die siebe Bundesrätinnen
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Ruth Dreifuss (SP/GE) Wurde zu einer dominanten Persönlichkeit im Bundesrat. Beharrlichkeit, Berechenbarkeit und Kompetenz trugen ihr auch beim politischen Gegner Respekt ein.
Ruth Metzler (CVP/AI) Hatte es von Anfang an schwer, weil sie als Regierungsrätin von aussen kam, weil sie in Bundesbern kaum vernetzt war und wenig politische Erfahrung hatte.
Micheline Calmy-Rey (SP/GE) Sehr starke Persönlichkeit. Sie hatte den Mut, eine offensive, selbstbewusste Aussenpolitik zu betreiben.
Bundesrätin Doris Leuthard. Keystone Gegen Doris Leuthard zog mancher Mann den Kürzeren. Sie ist ein Polittalent, wie die Schweiz nicht viele hatte. Handwerklich stark, taktisch geschickt, nah beim Volk.
Eveline Widmer-Schlumpf (BDP/GR) Sie war eines der am meisten angefeindeten Bundesratsmitglieder überhaupt. Trotzdem arbeitete sie unbeirrt an zukunftsgerichteten Lösungen für die Schweiz.
Simonetta Sommaruga (SP/BE) Sie arbeitet unermüdlich, still und zielstrebig an allen Fronten in ihrem Departement. Lohngleichheit, Frauenvertretung in Unternehmen, Asylwesen sind einige Stichworte

Die siebe Bundesrätinnen

KEYSTONE

Lilian Uchtenhagen (SP) konnten die Männer noch verhindern. 1983 sollte die Zürcherin die erste Schweizer Bundesrätin werden. Und damit die Nachfolgerin von Willy Ritschard – gut zehn Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts. Aber die bürgerliche Mehrheit wählte Otto Stich, der von der SP nicht nominiert worden war. Ein Bubenstück.

Doch die Geschichte war dadurch nicht mehr aufzuhalten. Am 2. Oktober 1984 wurde Elisabeth Kopp (FDP) als erste Frau in den Bundesrat gewählt. Umgekehrt: Ihr Gegner, der Aargauer Bruno Hunziker, freisinniger Parteipräsident, war der erste Bundesratskandidat, der von einer Frau geschlagen wurde.

Elisabeth Kopp ist damit die erste von bisher nur sieben Bundesrätinnen. Sie wurde vor 34 Jahren gewählt. Die Juristin aus betuchtem Haus hatte sich die Wahl mit Mut erarbeitet. Sie war eine bürgerliche Vorkämpferin für die Sache der Frau. In ihrer Amtszeit setzte sie das neue partnerschaftliche Eherecht durch. Gegen heftigen Widerstand: Christoph Blocher tingelte als aufstrebender Nationalrat durchs Land, um es zu verhindern.

Erfolglos, aber die Männer sollten sich den Kopp-Sitz bald wieder zurückholen. Kopp wurde, wie die meisten Bundesrätinnen nach ihr, Justiz- und Polizeiministerin. Das berühmte Telefonat 1989 an ihren Gatten, der als Anwalt für umstrittene Geschäftsleute arbeitete, kostete sie den Job.

Die erste Frau im Bundesrat, Kämpferin für die Sache der Frauen, gescheitert an einem Mann. An ihrem Mann. Klar wurde spätestens jetzt: Einer Frau wurden selbst kleine Fehler nicht verziehen.

Nur mühsam kamen die Frauen wieder in die Gänge. Christiane Brunner sollte, so wollte es die SP, 1993 Bundesrätin werden. Die Bundesversammlung wählte einen Mann – Francis Matthey. Es brauchte einen Kraftakt der SP-Spitze, um ihn zum Amtsverzicht zu bewegen.

Der Weg war frei für Ruth Dreifuss, Genfer Gewerkschafterin. Ihre Amtszeit als Innenministerin sollte sich durch Beharrlichkeit, Furchtlosigkeit und eiserne Prinzipientreue auszeichnen. Sie behauptete sich beharrlich gegen Schwergewichte wie Adolf Ogi, Pascal Couchepin und Kaspar Villiger.

Schub dank der CVP

Ausgerechnet die belächelte CVP löste 1999 einen Quantensprung aus. Sie reservierte einen ihrer zwei Bundesratssitze für eine Frau. Auf dem Frauen- Doppelticket machte Ruth Metzler (35) das Rennen, Regierungsrätin aus Appenzell Innerrhoden. Seit 1875 war nie mehr ein jüngeres Bundesratsmitglied gewählt worden. Eine Revolution.

Doch das Imperium schlug zurück. Die immer mächtigere SVP drängte kompromisslos auf einen zweiten Bundesratssitz zulasten der CVP. 2003 folgte das Erdbeben: Ruth Metzler, Vizepräsidentin des Bundesrats, musste SVP-Mann Christoph Blocher weichen. Ihr bestens vernetzter Parteikollege, Aussenminister Joseph Deiss, duckte sich und schaffte die Wiederwahl.

Erstmals seit 1872 wurde ein wiederkandidierendes Bundesratsmitglied abgewählt. Eine Frau. Und dem rechtsbürgerlichen Durchmarsch fiel gleich noch FDP-Ständerätin Christine Beerli zum Opfer. Als Nachfolgerin von Kaspar Villiger vorgesehen, unterlag sie gegen Hans-Rudolf Merz. Statt drei Frauen sass jetzt mit Calmy-Rey nur noch eine im Bundesrat. Ein schwarzer Tag.

Doch 2006 war es erneut die CVP, die Mut zeigte. Sie präsentierte ihre talentierte Präsidentin Doris Leuthard selbstbewusst als Einervorschlag. Die Wahl der politischen Ausnahmeerscheinung aus dem Aargau ging ohne wesentliche Störmanöver über die Bühne. Erstmals sassen zwei Frauen im Bundesrat.

Es kam noch besser. Die Ladykiller von 2003 konnten sich nur vier Jahre freuen. Im Dezember 2007 musste Christoph Blocher seinen Sitz wieder räumen: Geschlagen von einer Frau, von der Bündner SVP-Regierungsrätin Eveline Widmer-Schlumpf. Ironie des Schicksals: Auch Blocher war – wie zuvor Metzler – als Vizepräsident abgewählt worden.

Während Metzler vier Jahre zuvor klaglos abgetreten war, schwor der Zürcher Rache. Weil Widmer-Schlumpf die Wahl angenommen hatte, obwohl die SVP ihr das verbieten wollte, wurde die ganze Bündner SVP aus der Partei ausgeschlossen. Die BDP entstand. Der Zorn der SVP verfolgte Widmer-Schlumpf fortan auf Schritt und Tritt. Aber jetzt sassen drei Frauen im Bundesrat.

2010, Höhepunkt und Abstieg

Der absolute Höhepunkt kam drei Jahre später. Am 22. September 2010 wurde Simonetta Sommaruga (SP) als siebte Bundesrätin gewählt. Erstmals stellten die Frauen die Mehrheit in der Regierung. Sie waren jetzt zu viert.

Allein, seither geht es bergab: Die Männer erobern das Terrain langsam, aber sicher zurück. Acht Jahre ist es jetzt her, seit die letzte Bundesrätin gewählt wurde. Nach Sommaruga schafften es nur Männer in die Regierung: Johann Schneider-Ammann, Alain Berset, Guy Parmelin, Ignazio Cassis.

Und nun, bei den nächsten Wahlen im Dezember? Doris Leuthard tritt ab, vielleicht ist Simonetta Sommaruga dann die letzte Frau im Bundesrat. Oder es geht wieder aufwärts. Erholt sich die FDP mit Karin Keller-Sutter endlich vom Kopp-Trauma? Sorgt die CVP erneut für eine Überraschung, indem auf Doris Leuthard erneut eine Frau folgt? Alles scheint möglich.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848:

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
119 Bilder
Amherd, Viola CVP - Wallis - ab 2019
Cassis, Ignazio FDP - Tessin - 2017 bis heute
Parmelin, Guy SVP - Waadt - 2015 bis heute
Berset, Alain SP - Fribourg - 2011 bis heute
Schneider-Ammann, Johann FDP - Bern - 2010 bis 2018
Sommaruga, Simonetta SP - Bern - 2010 bis heute
Burkhalter, Didier FDP - Neuenburg - 2009 bis 2017
Maurer, Ueli SVP - Zürich - 2008 bis heute
Widmer-Schlumpf, Eveline BDP - Graubünden - 2007 bis 2015
Leuthard, Doris CVP - Aargau - 2006 bis 2018
Blocher, Christoph SVP - Zürich - 2003 bis 2007
Merz, Hans-Rudolf FDP - Appenzell Ausserrhoden. - 2003 bis 2010
Calmy-Rey, Micheline SP - Genf - 2002 bis 2011
Schmid, Samuel SVP/BDP - Bern - 2000 bis 2008
Deiss, Joseph CVP - Freiburg - 1999 bis 2006
Metzler, Ruth CVP - Appenzell Innerrhoden - 1999 bis 2003
Couchepin, Pascal FDP - Wallis - 1998 bis 2009
Leuenberger, Moritz SP - Zürich - 1995 bis 2010
Dreifuss, Ruth SP - Genf - 1993 bis 2002
Villiger, Kaspar FDP - Luzern - 1989 bis 2003
Felber, René SP - Neuenburg - 1987 bis 1993
Ogi, Adolf SVP - Bern - 1987 bis 2000
Cotti, Flavio CVP - Tessin - 1986 bis 1999
Koller, Arnold CVP - Appenzell Innerrhoden - 1986 bis 1999
Kopp, Elisabeth FDP - Zürich - 1984 bis 1989
Delamuraz, Jean-Pascal FDP - Waadt - 1983 bis 1998
Stich, Otto SP - Solothurn - 1983 bis 1995
Egli, Alphons CVP - Luzern - 1982 bis 1986
Friedrich, Rudolf FDP - Zürich - 1982 bis 1984
Schlumpf, Leon SVP - Graubünden - 1979 bis 1987
Aubert, Pierre SP - Neuenburg - 1977 bis 1987
Honegger, Fritz FDP - Zürich - 1977 bis 1982
Chevallaz, Georges-André FDP - Waadt - 1973 bis 1983
Hürlimann, Hans CVP - Zug - 1973 bis 1982
Ritschard, Willi SP - Solothurn - 1973 bis 1983
Furgler, Kurt CVP - St.Gallen - 1971 bis 1986
Brugger, Ernst FDP - Zürich - 1969 bis 1978
Graber, Pierre SP - Neuenburg - 1969 bis 1978
Celio, Nello FDP - Tessin - 1966 bis 1973
Gnaegi, Rudolf SVP - Bern - 1965 bis 1979
Bonvin, Roger CVP - Wallis - 1962 bis 1973
Schaffner, Hans FDP - Aargau - 1961 bis 1969
Bourgknecht, Jean CVP - Freiburg - 1959 bis 1962
Spühler, Willy SP - Zürich - 1959 bis 1970
Tschudi, Hans Peter SP - Basel-Stadt - 1959 bis 1973
von Moos, Ludwig CVP - Obwalden - 1959 bis 1971
Wahlen, Friedrich Traugott SVP - Bern - 1958 bis 1965
Chaudet, Paul FDP - Waadt - 1954 bis 1966
Holenstein, Thomas CVP - St.Gallen - 1954 bis 1959
Lepori, Giuseppe CVP - Tessin - 1954 bis 1959
Streuli, Hans FDP - Zürich - 1953 bis 1959
Feldmann, Markus SVP - Bern - 1951 bis 1958
Weber, Max SP - Zürich - 1951 bis 1953
Escher, Josef CVP - Wallis - 1950 bis 1954
Rubattel, Rudolphe FDP - Waadt - 1947 bis 1954
Petitpierre, Max FDP - Neuenburg - 1944 bis 1961
Nobs, Ernst SP - Zürich - 1943 bis 1951
Kobelt, Karl FDP - St.Gallen - 1940 bis 1954
von Steiger, Eduard SVP - Bern - 1940 bis 1951
Stampfli, Walter FDP - Solothurn - 1940 bis 1947
Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
Wetter, Ernst FDP - Zürich - 1938 bis 1943
Obrecht, Hermann FDP - Solothurn - 1935 bis 1940
Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
Haab, Robert FDP - Zürich - 1917 bis 1929
Ador, Gustave Liberale Partei - Genf - 1917 bis 1919
Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
Schenk, Karl FDP - Bern - 1863 bis 1895
Dubs, Jakob FDP - Zürich - 1861 bis 1872
Pioda Battista, Giovanni FDP - Tessin - 1857 bis 1864
Knüsel, Josef Martin FDP - Luzern - 1855 bis 1875
Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
Stämpfli, Jakob FDP - Bern 1854 bis 1863
Druey, Daniel-Henri FDP - Waadt - 1848 bis 1855
Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
Munzinger, Martin J. FDP - Solothurn - 1848 bis 1855
Naeff, Wilhelm Matthias FDP - St. Gallen - 1848 bis 1875
Ochsenbein, Ulrich FDP - Bern - 1848 bis 1854

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019

Keystone

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