Über kein anderes Thema berichteten die Medien in den letzten drei Jahren so oft wie über die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative. Die Suche nach dem gordischen Knoten – die Beschränkung der Zuwanderung ohne Verletzung des Freizügigkeitsabkommens – wurde in der Öffentlichkeit breit diskutiert. Was kann ein 90-minütiger Dokfilm hier noch leisten?

Karin Bauer hat für das SRF den parlamentarischen Umsetzungsprozess begleitet. «Inside Bundeshaus» heisst das Resultat, das gestern Abend ausgestrahlt wurde. Der «Politthriller» soll einen Einblick geben, was die dort oben machen. Die Hauptarbeit findet nämlich nicht in den öffentlichen Ratsdebatten statt, sondern in den Kommissionssitzungen. Diese sind jedoch geheim.

«Jetzt längts», wird Bauer und ihre Crew denn auch gleich zu Beginn des Films zurechtgewiesen. Sitzungszimmer Nummer 3 ist für die Filmemacher tabu. Sie verbringen viel Zeit vor der Tür, warten und passen ihren vier Protagonisten ab: Die Aargauer Nationalräte Andreas Glarner (SVP), Ruth Humbel (CVP) und Cédric Wermuth (SP) sowie Kurt Fluri (FDP) geben Auskunft über die Verhandlungen. Mal genervt, mal freimütig, mal humor-, mal geheimnisvoll.

Das Zugeständnis der SVP

Wer die Umsetzungsgeschichte kennt, erfährt kaum Neues. Doch immerhin bekommen die Zuschauer den Videobeweis dafür, dass die SVP einst bereit war, auf Höchstzahlen zu verzichten, wie es die Initiative verlangt. Dieses Versprechen machte SVP-Nationalrat Gregor Rutz in Absprache mit Christoph Blocher gegenüber Fluri. Und nach der ersten Kommissionssitzung vergewisserte sich der FDPler: «Wir sind uns immer noch einig?» «Ja», antwortet Rutz.

Der Dok-Film zeichnet nach, wie die bürgerliche Allianz zerfällt. Wie die SP, anfänglich im Abseits, zur wichtigsten Allianzpartnerin für die FDP wird. Wie die beiden Freisinnigen Kurt Fluri und Philipp Müller mit dem Arbeitslosenvorrang ein altes sozialdemokratisches Anliegen durchsetzen. Trotz aller Bürokratievorwürfe. Und wie sich die CVPler wundern: «Schon komisch, die Position der FDP.»

«Inside Bundeshaus»: Der SRF-Dok zum Nachschauen.

«Inside Bundeshaus»: Der SRF-Dok zum Nachschauen.

Der Dokfilm leuchtet zwar Hintergründe aus, vieles kann die Kamera aber auch nicht auffangen. Hinter den Kulissen wirkten eben noch andere Akteure.

Umso interessanter sind die Protagonisten: Wermuth, der sein Image korrigiert vom Provokateur zum ernsthaften Kompromisseschmieder. Neo-Parlamentarier Glarner, für den die Politik ein Spiel ist und dessen Vater genau so politisch unkorrekt spricht (und Ausländer mit Hühnern vergleicht). Sachpolitikerin Humbel, deren Sohn ihr unterm Weihnachtsbaum ihren Schwachpunkt vor Augen führt.

«Nicht um Leben und Tod»

Und dann eben Fluri, der als Architekt des Gesetzes zur Medienfigur wird. Für die einen ist der Solothurner Stadtpräsident ein Held, für die anderen ein Verfassungsbrecher. Doch selbst bei den schärfsten Angriffen bleibt er gelassen. SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Verleger Roger Köppel siezt er.

Wer wissen will, wie vergiftet das Klima im Bundeshaus zuweilen ist, sollte sich den Dialog zwischen den beiden Antipoden ansehen. Fluri kennt eigentlich nur die Arbeit. Seine Frau ist schwer krank und wird gerade operiert, als er im Nationalrat von der SVP als Totengräber der Demokratie hingestellt wird.

Doch was soll Fluri im Spital «herumtigern?» Die Debatte sei eine «Ablenkung». Und er relativiert die hitzige Diskussion um die Umsetzung der Zuwanderungsinitiative: «Es geht hier nicht um Leben und Tod.»