Analyse
Von der grauen Maus zum Superstar: Wie der Bundesrat in der Coronakrise glänzt

In der Corona-Krise macht der Bundesrat bisher sehr vieles sehr richtig - und kann, wenn er so weitermacht, das Vertrauen der Bevölkerung in die Demokratie und in die Institutionen nachhaltig stärken.

Henry Habegger
Henry Habegger
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Der aktuelle Bundesrat, hier im Dezember 2018 nach der Wahl von Viola Amherd und Karin Keller-Sutter.

Der aktuelle Bundesrat, hier im Dezember 2018 nach der Wahl von Viola Amherd und Karin Keller-Sutter.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

Kürzlich in der Stadt. Vier mittelalterliche Spaziergänger, die in zwei Meter Abstand nebeneinander durch die Fussgängerzone gehen. Der Auftritt an eine Szene aus einem Italo-Western: Der Aufmarsch zum Showdown.

Was sich hier abspielt, ist Ausdruck des gegenwärtigen Vertrauens der Bürgerinnen und Bürger in die Demokratie, in die Behörden. Am Freitag hat der Bundesrat den Schweizerinnen und Schweizern dringend nahegelegt, sie müssten zwei Meter Abstand halten. Jetzt halten sich die meisten respektvoll daran.

Demokraten wie die freiheitsliebenden Schweizerinnen und Schweizer sind naturgemäss kein sehr folgsames Volk. Sie dulden keinen König, Befehle und Anweisungen von «oben» lösen einen Abwehrreflex aus.

Doch jetzt gehorcht die Schweizer Bevölkerung dem Bundesrat und seinen Experten. Und sie tut es meist sogar aus freien Stücken und ohne zu Murren.

Plötzlich interessant

Der Bundesrat, sonst für viele eine unbekannte Grösse, ist plötzlich wichtig geworden für die Bewohnerinnen und Bewohner dieses Landes, ob Schweizer oder Ausländer. Auf einen Schlag interessiert, was Gesundheitsminister Alain Berset und die anderen sechs zu sagen haben. Leute, die nie im Leben daran dachten, sich für Politik zu interessieren, warten auf Medienkonferenzen wie vorher auf Fussballspiele und kennen das Regierungspersonal und Experten wie Daniel Koch plötzlich mit Namen. Auf einen Schlag ist der Bundesrat und seine sichtbare Entourage zu einer Art «Superstar» geworden. Die Parteizugehörigkeit spielt plötzlich keine Rolle mehr.

Natürlich: In der Krise rücken Land und Leute immer zusammen. Das ist auch in den anderen Ländern zu beobachten, die unter Corona leiden. Tatsache ist auch, dass das Vertrauen der Bevölkerung in den Bundesrat zuletzt schon vergleichsweise hoch war. Auf einer Skala von 1 «kein Vertrauen» bis 10 «volles Vertrauen» bekommt der Bundesrat in Studien der ETH Zürich seit fünf Jahren eine 7 oder mehr. Das war nicht immer so, 2010 und 2011 etwa sank dieser Wert unter 6.

Bisher eher eine graue Maus

Aber ein Selbstläufer ist die derzeitige Glaubwürdigkeit des Bundesrats nicht – und sie kann durch einen Fehlentscheid oder mangelnde Sensibilität auch schnell verspielt werden und ins Gegenteil verkehren. Und der jetzige Bundesrat arbeitet zwar unauffälliger und langweiliger als viele frühere Zusammensetzungen. Er war in mancher Hinsicht eher eine graue Maus. Aber er wirkt jetzt in der Krise vielleicht gerade deshalb besonnen und ruhig. Die Bevölkerung erwartet jetzt in erster Linie, dass das Kollegium arbeitet, ihre Sorgen begreift, verständlich und offen kommuniziert und schnell wirksame Lösungen bringt. Der aktuelle Bundesrat, mit unspektakulären Leuten wie Viola Amherd, Ueli Maurer, Guy Parmelin besetzt, wirkt nicht intellektuell abgehoben – auch das schafft bisher Vertrauen und Glaubwürdigkeit.

In der ersten Phase der Krise zählt das, was der Bundesrat tut. Und nicht das, was das Parlament macht, ob es tagt oder nicht. «Regierung und Parlament haben verschiedene Rollen», sagt der Mitarbeiter eines Regierungsmitglieds, «in dringenden Notsituationen erwartet das Volk, dass der Bundesrat Führung übernimmt und handelt.» Darum werde der Bundesrat schliesslich auch Exekutive genannt – die ausführende Gewalt im Staat. Im Unterschied zum Parlament, der Legislative. Sie ist dazu da, Gesetze zu machen. Tatsächlich nehmen sich die meisten Parlamentarier denn auch zurück in dieser Phase. Sie stellen die sonst übliche Parteipolitik ein.

Enorme Entlastung für Betroffene

Am Freitag, noch vor dem Wochenende, hat der Bundesrat nach diesem Muster geliefert: Indem er ein schnelles und unkonventionelles, über 40 Milliarden schweres Nothilfepaket für alle Notleidenden ankündigte. Für Unternehmen, aber auch für jeden einzelnen Menschen, dem Erwerbsausfall droht. Für viele Betroffene war diese Ankündigung eine enorme Entlastung, sie waren einen Teil ihrer belastenden Sorgen auf einen Schlag los. Aussagen wie jene von von Ueli Maurer waren enorm beruhigend: Was auch komme, sagte der Finanzminister, «wir lösen die Probleme, das ist doch klar».

Erstmals seit langen wissen viele Leute, gerade Jugendliche, warum der Bundesrat da ist, warum es Regierungen braucht. Und warum es wichtig ist, welche Persönlichkeiten in den Exekutiven sitzt. Nicht Blender und Spaltpilze gehören in diese Kollegien, sondern gewissenhafte Leute, die zusammenarbeiten können, das Volk ernst nehmen und die das Beste geben wollen, wenn es darauf ankommt.

Jetzt zählt, wie es weitergeht

Die Folge der Krise und der Handlungsweise des Bundesrats, seiner Experten kann sein, dass sich das zuletzt unsichere Verhältnis vieler Leute zu Staat und Politik nachhaltig positiv verändert und dass die Demokratie gestärkt wird. Wenn die Regierung die Krise weiterhin mit Augenmass, gerechten und verständlichen Massnahmen und mit ständiger Kommunikation meistern kann. Und wenn sie Versprechen, wie Ueli Maurer sie gab, auch wirklich halten können.

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848:

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019
119 Bilder
Amherd, Viola CVP - Wallis - ab 2019
Cassis, Ignazio FDP - Tessin - 2017 bis heute
Parmelin, Guy SVP - Waadt - 2015 bis heute
Berset, Alain SP - Fribourg - 2011 bis heute
Schneider-Ammann, Johann FDP - Bern - 2010 bis 2018
Sommaruga, Simonetta SP - Bern - 2010 bis heute
Burkhalter, Didier FDP - Neuenburg - 2009 bis 2017
Maurer, Ueli SVP - Zürich - 2008 bis heute
Widmer-Schlumpf, Eveline BDP - Graubünden - 2007 bis 2015
Leuthard, Doris CVP - Aargau - 2006 bis 2018
Blocher, Christoph SVP - Zürich - 2003 bis 2007
Merz, Hans-Rudolf FDP - Appenzell Ausserrhoden. - 2003 bis 2010
Calmy-Rey, Micheline SP - Genf - 2002 bis 2011
Schmid, Samuel SVP/BDP - Bern - 2000 bis 2008
Deiss, Joseph CVP - Freiburg - 1999 bis 2006
Metzler, Ruth CVP - Appenzell Innerrhoden - 1999 bis 2003
Couchepin, Pascal FDP - Wallis - 1998 bis 2009
Leuenberger, Moritz SP - Zürich - 1995 bis 2010
Dreifuss, Ruth SP - Genf - 1993 bis 2002
Villiger, Kaspar FDP - Luzern - 1989 bis 2003
Felber, René SP - Neuenburg - 1987 bis 1993
Ogi, Adolf SVP - Bern - 1987 bis 2000
Cotti, Flavio CVP - Tessin - 1986 bis 1999
Koller, Arnold CVP - Appenzell Innerrhoden - 1986 bis 1999
Kopp, Elisabeth FDP - Zürich - 1984 bis 1989
Delamuraz, Jean-Pascal FDP - Waadt - 1983 bis 1998
Stich, Otto SP - Solothurn - 1983 bis 1995
Egli, Alphons CVP - Luzern - 1982 bis 1986
Friedrich, Rudolf FDP - Zürich - 1982 bis 1984
Schlumpf, Leon SVP - Graubünden - 1979 bis 1987
Aubert, Pierre SP - Neuenburg - 1977 bis 1987
Honegger, Fritz FDP - Zürich - 1977 bis 1982
Chevallaz, Georges-André FDP - Waadt - 1973 bis 1983
Hürlimann, Hans CVP - Zug - 1973 bis 1982
Ritschard, Willi SP - Solothurn - 1973 bis 1983
Furgler, Kurt CVP - St.Gallen - 1971 bis 1986
Brugger, Ernst FDP - Zürich - 1969 bis 1978
Graber, Pierre SP - Neuenburg - 1969 bis 1978
Celio, Nello FDP - Tessin - 1966 bis 1973
Gnaegi, Rudolf SVP - Bern - 1965 bis 1979
Bonvin, Roger CVP - Wallis - 1962 bis 1973
Schaffner, Hans FDP - Aargau - 1961 bis 1969
Bourgknecht, Jean CVP - Freiburg - 1959 bis 1962
Spühler, Willy SP - Zürich - 1959 bis 1970
Tschudi, Hans Peter SP - Basel-Stadt - 1959 bis 1973
von Moos, Ludwig CVP - Obwalden - 1959 bis 1971
Wahlen, Friedrich Traugott SVP - Bern - 1958 bis 1965
Chaudet, Paul FDP - Waadt - 1954 bis 1966
Holenstein, Thomas CVP - St.Gallen - 1954 bis 1959
Lepori, Giuseppe CVP - Tessin - 1954 bis 1959
Streuli, Hans FDP - Zürich - 1953 bis 1959
Feldmann, Markus SVP - Bern - 1951 bis 1958
Weber, Max SP - Zürich - 1951 bis 1953
Escher, Josef CVP - Wallis - 1950 bis 1954
Rubattel, Rudolphe FDP - Waadt - 1947 bis 1954
Petitpierre, Max FDP - Neuenburg - 1944 bis 1961
Nobs, Ernst SP - Zürich - 1943 bis 1951
Kobelt, Karl FDP - St.Gallen - 1940 bis 1954
von Steiger, Eduard SVP - Bern - 1940 bis 1951
Stampfli, Walter FDP - Solothurn - 1940 bis 1947
Celio, Enrico CVP - Tessin - 1940 bis 1950
Wetter, Ernst FDP - Zürich - 1938 bis 1943
Obrecht, Hermann FDP - Solothurn - 1935 bis 1940
Etter, Philipp CVP - Zug - 1934 bis 1959
Baumann, Johannes FDP - Appenzell Ausserrhoden - 1934 bis 1940
Meyer, Albert FDP - Zürich - 1929 bis 1938
Minger, Rudolf BGB (Vorgängerin der SVP) - Bern - 1929 bis 1940
Pilet-Golaz, Marcel FDP - Waadt - 1928 bis 1944
Häberlin, Heinrich FDP - Thurgau - 1920 bis 1934
Chuard, Ernest FDP - Waadt - 1919 bis 1928
Musy, Jean-Marie CVP - Freiburg - 1919 bis 1934
Scheurer, Karl FDP - Bern - 1919 bis 1929
Haab, Robert FDP - Zürich - 1917 bis 1929
Ador, Gustave Liberale Partei - Genf - 1917 bis 1919
Calonder, Felix-Louis FDP - Graubünden - 1913 bis 1920
Decoppet, Camille FDP - Waadt - 1912 bis 1919
Schulthess, Edmund FDP - Aargau - 1912 bis 1935
Perrier, Louis FDP - Neuenburg - 1912 bis 1913
Motta, Giuseppe CVP - Tessin - 1911 bis 1940
Hoffmann, Arthur FDP - St.Gallen - 1911 bis 1917
Schobinger, Josef Anton CVP - Luzern - 1908 bis 1911
Forrer, Ludwig FDP - Zürich - 1902 bis 1917
Comtesse, Robert FDP - Neuenburg 1899 bis 1912
Ruchet, Marc-Emile FDP - Waadt - 1899 bis 1912
Brenner, Ernst FDP - Basel-Stadt - 1897 bis 1911
Müller, Eduard FDP - Bern - 1895 bis 1919
Ruffy, Eugène FDP - Waadt - 1893 bis 1899
Lachenal, Adrien FDP - Genf - 1892 bis 1899
Zemp, Joseph CVP - Luzern - 1891 bis 1908
Frey, Emil FDP - Basel-Land - 1890 bis 1897
Hauser, Walter FDP - Zürich - 1888 bis 1902
Deucher, Adolf FDP - Thurgau - 1883 bis 1912
Ruchonnet, Antoine Louis John FDP - Waadt - 1881 bis 1893
Hertenstein, Wilhelm FDP - Zürich - 1879 bis 1888
Bavier, Simeon FDP - Graubünden - 1878 bis 1883
Droz, Numa FDP - Neuenburg - 1875 bis 1892
Anderwert, Fridolin FDP - Thurgau - 1875 bis 1880
Hammer, Bernhard FDP - Solothurn - 1875 bis 1890
Heer, Joachim FDP - Glarus - 1875 bis 1878
Borel, Eugène FDP - Neuenburg - 1872 bis 1875
Scherer, Johann Jakob FDP - Zürich - 1872 bis 1878
Ceresole, Paul FDP - Waadt - 1870 bis 1875
Ruffy, Victor FDP - Waadt - 1867 bis 1869
Welti, Emil FDP - Aargau 1866 bis 1891
Challet-Venel, Jean-Jacques FDP - Genf - 1864 bis 1872
Schenk, Karl FDP - Bern - 1863 bis 1895
Dubs, Jakob FDP - Zürich - 1861 bis 1872
Pioda Battista, Giovanni FDP - Tessin - 1857 bis 1864
Knüsel, Josef Martin FDP - Luzern - 1855 bis 1875
Fornerod, Constant FDP - Waadt - 1855 bis 1867
Stämpfli, Jakob FDP - Bern 1854 bis 1863
Druey, Daniel-Henri FDP - Waadt - 1848 bis 1855
Franscini, Stefano FDP - Tessin - 1848 bis 1857
Frey-Herosé, Friedrich FDP - Aargau - 1848 bis 1866
Furrer, Jonas FDP - Zürich - 1848 bis 1861
Munzinger, Martin J. FDP - Solothurn - 1848 bis 1855
Naeff, Wilhelm Matthias FDP - St. Gallen - 1848 bis 1875
Ochsenbein, Ulrich FDP - Bern - 1848 bis 1854

Alle Schweizer Bundesräte seit 1848 Karin Keller-Sutter - St. Gallen - ab 2019

Keystone