Beide sind klein, reich und gut organisiert. Dann aber hören die Gemeinsamkeiten zwischen der Schweiz und den Niederlanden bereits wieder auf. Hier das flache Land mit über 16 Millionen Einwohnern. Da die Alpenrepublik mit 8 Millionen. Hier das EU-Gründungsmitglied, da der politische Aussenseiter. Hier ein Land mit zentralistischer Tradition, da die föderalistische, von unten aufgebaute Schweiz. Hier die parlamentarische Monarchie, da die direktdemokratische Eidgenossenschaft.

Dennoch: Vergleiche zwischen den zwei ungleichen Kleinstaaten werden insbesondere hierzulande immer populärer. Die Niederlande gelten in zahlreichen Bereichen als Vorbild. Vielleicht hat dies auch mit dem niederländischen Pragmatismus zu tun. Selbst die Katholiken sind in den Niederlanden calvinistisch angehaucht. Aus dem Calvinismus und dem Kampf mit dem Wasser resultiert ein ausgesprochen nüchterner Umgang mit politischen Problemen.

Erstes Land, das Homo-Ehe möglich machte

Ähnlich wie in der Schweiz steht nicht die Show, sondern die Lösung im Vordergrund. Das schlägt sich etwa in der Drogenpolitik nieder, in der Gesetzgebung zur ärztlichen Sterbehilfe, im Umgang mit der Prostitution und mit Homosexuellen. Holland war das erste Land der Welt, das die Homo-Ehe möglich gemacht hat. Es war auch eines der ersten Länder, das die ärztliche Sterbehilfe gesetzlich geregelt hat.

Die niederländische Mentalität ist stark durch den jahrhundertelangen Kampf mit dem Wasser geprägt. Grosse Teile des Landes mussten ihm abgetrotzt, Städte und Dörfer vor Überflutungen gesichert werden. Diese Arbeiten bedurften einer zentralen Koordination und Finanzierung. Die Notwendigkeit, das Land gut und straff zu organisieren, kommt aber auch daher, dass die Niederlande mit rund 400 Einwohnern pro Quadratkilometer das am dichtesten besiedelte Land Europas sind.

Harte Asylpolitik

Das hat Auswirkungen auf die Asyl- und Migrationspolitik. Die Niederlande haben zusammen mit Dänemark derzeit wohl die härteste Asylpolitik. So müssen Asylbewerber und Einwanderer beispielsweise die niederländische Sprache lernen und einen Sprachtest absolvieren, um überhaupt ins Land gelassen zu werden.

Im Vergleich zur Schweiz haben die Niederlande jedoch erhebliche demokratische Defizite. Die Niederländer dürfen nicht einmal ihre Bürgermeister selber wählen. Diese werden von der Regierung ernannt. Auch die Mitglieder des Senats, der Vertretung der Provinzen, werden nicht direkt vom Volk gewählt. Die Senatoren werden von den Provinzparlamenten bestimmt und nach Den Haag entsandt.

Von Helmut Hetzel und Stefan Schmid Wer durch Holland reist, stellt erstaunt fest, wie grün das Land ist. Ausserhalb der Ballungszentren im Dreieck zwischen Amsterdam, Rotterdam und Den Haag dominieren oft weite, unbebaute Ackerflächen das Bild. Die Landschaft ist - im Gegensatz zum schweizerischen Mittelland - nicht zersiedelt. Landwirtschaftszonen und Siedlungsflächen sind klar getrennt. Dabei ist Holland mit über 400 Einwohnern pro Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte Flächenstaat Europas. Das Land ist flächenmässig fast gleich gross wie die Schweiz, zählt aber mit über 16 Millionen Menschen doppelt so viele Einwohner. Klar, es gibt keine Alpen, die weitgehend unbewohnbar sind. Doch ein Fünftel Hollands ist Wasser - und somit ebenfalls nicht nutzbar. Dem Wasser Land abtrotzen Wie hat es Holland geschafft, mit seinen Bodenreserven haushälterisch umzugehen? «Wir mussten weite Teile des Landes dem Meer abtrotzen. Damit dies gelang, mussten wir seit je gemeinsame Sache machen», sagt der aus Holland stammende ETH-Professor für Architektur und Städtebau Kees Christiaanse in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Dadurch sei eine stark konsensorientierte Gesellschaft entstanden, die die Raumplanung zentralistisch organisierte. Das eigens dafür geschaffene Ministerium heisst bezeichnenderweise «Rijkswaterstaat» (Reichswasserstaat). Bis in die 1970er-Jahre habe die Regierung in Den Haag die Planung von Eisenbahn, Strassen, Kanälen und Stadterweiterungsbauten zentral gesteuert. Nur innerhalb dieses relativ engen Rahmens konnten die Gemeinden ihre eigene Raumordnung definieren. Ende der 1980er-Jahre sei der Markt im Zuge der neoliberalen Politik aber geöffnet worden, sagt Christiaanse. Jeder konnte fortan bauen, wie es ihm gefiel, und die harmonische Raumordnung war zumindest teilweise dahin. Die jahrzehntelange zentralistische Planung hat aber nicht nur ein relativ einheitliches städtebauliches Bild erzeugt. Auch auf dem Land ist jeder Zentimeter verplant. Wer mit dem Flugzeug über das niederländische Flachland fliegt, erkennt ein ausgeklügeltes System der Polder, Deiche, Grachten und Kanäle, mit welchen das fast zur Hälfte unter dem Meeresspiegel liegende Land entwässert wird. Geschähe dies nicht, würde die Nordsee grosse Teile der Niederlande überschwemmen. Klagen über volle Züge Selbstverständlich klagen auch in Holland viele Menschen über volle Züge und Staus auf den Strassen. Insbesondere in den grossen Agglomerationen bricht der Verkehr täglich zusammen. Auch das Schienennetz ist überlastet. Das kommt uns wieder bekannter vor.

Raumplanung: Platz für mehr als 16 Millionen Menschen

Von Helmut Hetzel und Stefan Schmid Wer durch Holland reist, stellt erstaunt fest, wie grün das Land ist. Ausserhalb der Ballungszentren im Dreieck zwischen Amsterdam, Rotterdam und Den Haag dominieren oft weite, unbebaute Ackerflächen das Bild. Die Landschaft ist - im Gegensatz zum schweizerischen Mittelland - nicht zersiedelt. Landwirtschaftszonen und Siedlungsflächen sind klar getrennt. Dabei ist Holland mit über 400 Einwohnern pro Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte Flächenstaat Europas. Das Land ist flächenmässig fast gleich gross wie die Schweiz, zählt aber mit über 16 Millionen Menschen doppelt so viele Einwohner. Klar, es gibt keine Alpen, die weitgehend unbewohnbar sind. Doch ein Fünftel Hollands ist Wasser - und somit ebenfalls nicht nutzbar. Dem Wasser Land abtrotzen Wie hat es Holland geschafft, mit seinen Bodenreserven haushälterisch umzugehen? «Wir mussten weite Teile des Landes dem Meer abtrotzen. Damit dies gelang, mussten wir seit je gemeinsame Sache machen», sagt der aus Holland stammende ETH-Professor für Architektur und Städtebau Kees Christiaanse in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Dadurch sei eine stark konsensorientierte Gesellschaft entstanden, die die Raumplanung zentralistisch organisierte. Das eigens dafür geschaffene Ministerium heisst bezeichnenderweise «Rijkswaterstaat» (Reichswasserstaat). Bis in die 1970er-Jahre habe die Regierung in Den Haag die Planung von Eisenbahn, Strassen, Kanälen und Stadterweiterungsbauten zentral gesteuert. Nur innerhalb dieses relativ engen Rahmens konnten die Gemeinden ihre eigene Raumordnung definieren. Ende der 1980er-Jahre sei der Markt im Zuge der neoliberalen Politik aber geöffnet worden, sagt Christiaanse. Jeder konnte fortan bauen, wie es ihm gefiel, und die harmonische Raumordnung war zumindest teilweise dahin. Die jahrzehntelange zentralistische Planung hat aber nicht nur ein relativ einheitliches städtebauliches Bild erzeugt. Auch auf dem Land ist jeder Zentimeter verplant. Wer mit dem Flugzeug über das niederländische Flachland fliegt, erkennt ein ausgeklügeltes System der Polder, Deiche, Grachten und Kanäle, mit welchen das fast zur Hälfte unter dem Meeresspiegel liegende Land entwässert wird. Geschähe dies nicht, würde die Nordsee grosse Teile der Niederlande überschwemmen. Klagen über volle Züge Selbstverständlich klagen auch in Holland viele Menschen über volle Züge und Staus auf den Strassen. Insbesondere in den grossen Agglomerationen bricht der Verkehr täglich zusammen. Auch das Schienennetz ist überlastet. Das kommt uns wieder bekannter vor.

Von Rinaldo Tibolla In der Schweiz dauert es durchschnittlich rund 230 Tage, bis ein Asylentscheid gefällt wird. In den Niederlanden genügen im besten Fall sechs Tage Vorbereitungszeit und acht Tage fürs ordentliche Verfahren. Ausschlaggebend ist aber nicht nur das Tempo, sondern auch die Organisation. Deshalb hat sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga für ihre Reform des Asylwesens daran orientiert. Zürich kopiert Ein Grossteil der niederländischen Rezepte wird im Asyltestzentrum in Zürich ausprobiert. Ein Element wird bereits am 1. Februar eingeführt - die Vorbereitungsphase. Wer sich in den Niederlanden am Flughafen oder an der Landesgrenze als asylsuchende Person meldet, wird direkt zum Empfangszentrum in Ter Apel im Nordwesten des Landes gebracht. Dort wir umgehend geprüft, ob es sich um ein Asylgesuch handelt. Ist dies der Fall, beginnt die «Vorbereitungszeit», die mindestens sechs Tage, durchschnittlich zwei und höchstens drei Wochen dauert. Es werden Identität und Dokumente der Person überprüft, Personendaten registriert und Fingerabdrücke abgenommen, die mit der Eurodac-Datenbank abgeglichen werden. Eine medizinische Untersuchung wird angeboten. Die Asylsuchenden werden über ihre Rechte und Pflichten informiert. Die Niederlande haben ein striktes ordentliches Verfahren. Handelt es sich nicht um einen Dublin-Fall - Personen, die bereits in einem anderen EU-Land Asyl beantragt haben - wird ein Asylentscheid in acht Tagen gefällt. (In der Schweiz soll es zehn Tage dauern.) In den Niederlanden werden 47 Prozent der Fälle so gehandhabt. Wenn nicht in acht Tagen entschieden werden kann, wird das Gesuch im erweiterten Verfahren behandelt. Dieses darf maximal sechs Monate beanspruchen. Ein Vorteil des niederländischen Systems ist schliesslich die räumliche Nähe der an den Verfahren beteiligten Akteure. Dies begünstigt eine enge Zusammenarbeit und eine rasche Durchführung. Neben Ter Apel gibt es noch zwei Typen von Zentren: Das Verfahrens- und das Heimreiseunterkunftszentrum. Alle können bis zu 1500 Flüchtlingen Platz bieten und werden zentralistisch organisiert. Mehr Zentren wegen Föderalismus Die Schweiz greift diese Idee mit den Bundeszentren auf, doch ist sie aus föderalistischen Gründen gehalten, mehrere kleinere Zentren mit mindestens 400 Plätzen - verteilt auf alle Regionen - zu schaffen. Kantonsvertreter haben sich kürzlich auf sechs Asylregionen geeinigt, in denen ein bis zwei Bundeszentren zu stehen kommen sollen. Ziel der Schweiz ist eine Gesamtdauer des Asylprozesses von rund 140 Tagen.

Asyl: Beeindruckend schnelle Verfahren

Von Rinaldo Tibolla In der Schweiz dauert es durchschnittlich rund 230 Tage, bis ein Asylentscheid gefällt wird. In den Niederlanden genügen im besten Fall sechs Tage Vorbereitungszeit und acht Tage fürs ordentliche Verfahren. Ausschlaggebend ist aber nicht nur das Tempo, sondern auch die Organisation. Deshalb hat sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga für ihre Reform des Asylwesens daran orientiert. Zürich kopiert Ein Grossteil der niederländischen Rezepte wird im Asyltestzentrum in Zürich ausprobiert. Ein Element wird bereits am 1. Februar eingeführt - die Vorbereitungsphase. Wer sich in den Niederlanden am Flughafen oder an der Landesgrenze als asylsuchende Person meldet, wird direkt zum Empfangszentrum in Ter Apel im Nordwesten des Landes gebracht. Dort wir umgehend geprüft, ob es sich um ein Asylgesuch handelt. Ist dies der Fall, beginnt die «Vorbereitungszeit», die mindestens sechs Tage, durchschnittlich zwei und höchstens drei Wochen dauert. Es werden Identität und Dokumente der Person überprüft, Personendaten registriert und Fingerabdrücke abgenommen, die mit der Eurodac-Datenbank abgeglichen werden. Eine medizinische Untersuchung wird angeboten. Die Asylsuchenden werden über ihre Rechte und Pflichten informiert. Die Niederlande haben ein striktes ordentliches Verfahren. Handelt es sich nicht um einen Dublin-Fall - Personen, die bereits in einem anderen EU-Land Asyl beantragt haben - wird ein Asylentscheid in acht Tagen gefällt. (In der Schweiz soll es zehn Tage dauern.) In den Niederlanden werden 47 Prozent der Fälle so gehandhabt. Wenn nicht in acht Tagen entschieden werden kann, wird das Gesuch im erweiterten Verfahren behandelt. Dieses darf maximal sechs Monate beanspruchen. Ein Vorteil des niederländischen Systems ist schliesslich die räumliche Nähe der an den Verfahren beteiligten Akteure. Dies begünstigt eine enge Zusammenarbeit und eine rasche Durchführung. Neben Ter Apel gibt es noch zwei Typen von Zentren: Das Verfahrens- und das Heimreiseunterkunftszentrum. Alle können bis zu 1500 Flüchtlingen Platz bieten und werden zentralistisch organisiert. Mehr Zentren wegen Föderalismus Die Schweiz greift diese Idee mit den Bundeszentren auf, doch ist sie aus föderalistischen Gründen gehalten, mehrere kleinere Zentren mit mindestens 400 Plätzen - verteilt auf alle Regionen - zu schaffen. Kantonsvertreter haben sich kürzlich auf sechs Asylregionen geeinigt, in denen ein bis zwei Bundeszentren zu stehen kommen sollen. Ziel der Schweiz ist eine Gesamtdauer des Asylprozesses von rund 140 Tagen.

Von Rinaldo Tibolla Die Niederlande sind Pionierstaat bezüglich Sexboxen. In Utrecht wurden bereits 1986 die ersten Verrichtungsboxen, wie sie offiziell heissen, aufgestellt. Ziele war, Strassenprostituierte besser vor Gewalt zu schützen und den Strassenstrich auf ein kontrolliertes Gelände zu verlagern, zu welchem Zuhälter und Drogendealer keinen Zutritt haben. Das Prinzip ist einfach: Die Freier fahren mit ihren Autos zu den abgeschirmten Parkplätzen. In der Garagenbox können sie - vor fremden Blicken geschützt - Sex haben. In Utrecht ging es gut, in anderen Städten des Landes nicht. In Rotterdam wurden die Sexboxen wieder abgeschafft, weil die lokale Ausprägung nicht funktioniert hatte. Vorbild Utrecht und Rotterdam Für das Strichplatzprojekt hat Zürich sowohl den Erfolg in Utrecht als auch den Misserfolg in Rotterdam analysieren lassen. Wie Thomas Meier vom Sozialdepartement der Stadt Zürich erklärt, reiste dafür eine Delegation in beide Städte, besichtigte die Anlagen und führte Gespräche mit den zuständigen Behörden. «Die Stadt Zürich hat aus den Erfahrungen in den Niederlanden ihre Schlüsse gezogen», so Meier. Die Stadt verfolgt einen ähnlichen Weg. «Wichtigstes Ziel des Strichplatzes ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen hinsichtlich ihrer Gesundheit, ihrer körperlichen und psychischen Unversehrtheit und ihrer sozialen Situation», heisst es. Wichtig sei auch «der Schutz der Bevölkerung vor den negativen Auswirkungen des Strassenstrichs, insbesondere vor Bedrohungen und Belästigungen». Sex gegen Geld ist legaler Handel 2000 hat die Niederlande das seit 1912 bestehende allgemeine Verbot von Bordellen aufgehoben und Prostitution offiziell als Beruf anerkannt. Sex gegen Geld gilt seither als legaler Handel. Zudem müssen Prostituierte Steuern zahlen. Es wird aber dennoch zwischen freiwilliger Prostitution, die akzeptiert ist, und erzwungener Prostitution, deren Opfer gesellschaftlichen Schutz und Unterstützung erhalten sollen, unterschieden. Minderjährige dürfen sich nicht prostituieren. Zwangsprostitution wird als organisierte Kriminalität verstanden. Ziel dieser Reform war es, einerseits Prostitution durch Legalisierung zu regulieren und andererseits unerwünschte Begleiterscheinungen der Prostitution stärker zu kriminalisieren. Für FDP-Nationalrat Andrea Caroni hat diese Praxis Zukunft. Er wehrt sich gegen ein Prostitutionsverbot. Er hält dies für einen Eingriff in die persönliche Entfaltungsfreiheit. Caroni hat ein entsprechendes Postulat eingereicht. Darin fordert er mehr Rechte für Sexarbeitende - nach dem Beispiel der Niederlande.

Freiwillige: Prostitution ist akzeptiert. Jeroen Jumelet/Keystone

Von Rinaldo Tibolla Die Niederlande sind Pionierstaat bezüglich Sexboxen. In Utrecht wurden bereits 1986 die ersten Verrichtungsboxen, wie sie offiziell heissen, aufgestellt. Ziele war, Strassenprostituierte besser vor Gewalt zu schützen und den Strassenstrich auf ein kontrolliertes Gelände zu verlagern, zu welchem Zuhälter und Drogendealer keinen Zutritt haben. Das Prinzip ist einfach: Die Freier fahren mit ihren Autos zu den abgeschirmten Parkplätzen. In der Garagenbox können sie - vor fremden Blicken geschützt - Sex haben. In Utrecht ging es gut, in anderen Städten des Landes nicht. In Rotterdam wurden die Sexboxen wieder abgeschafft, weil die lokale Ausprägung nicht funktioniert hatte. Vorbild Utrecht und Rotterdam Für das Strichplatzprojekt hat Zürich sowohl den Erfolg in Utrecht als auch den Misserfolg in Rotterdam analysieren lassen. Wie Thomas Meier vom Sozialdepartement der Stadt Zürich erklärt, reiste dafür eine Delegation in beide Städte, besichtigte die Anlagen und führte Gespräche mit den zuständigen Behörden. «Die Stadt Zürich hat aus den Erfahrungen in den Niederlanden ihre Schlüsse gezogen», so Meier. Die Stadt verfolgt einen ähnlichen Weg. «Wichtigstes Ziel des Strichplatzes ist die Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Sexarbeiterinnen hinsichtlich ihrer Gesundheit, ihrer körperlichen und psychischen Unversehrtheit und ihrer sozialen Situation», heisst es. Wichtig sei auch «der Schutz der Bevölkerung vor den negativen Auswirkungen des Strassenstrichs, insbesondere vor Bedrohungen und Belästigungen». Sex gegen Geld ist legaler Handel 2000 hat die Niederlande das seit 1912 bestehende allgemeine Verbot von Bordellen aufgehoben und Prostitution offiziell als Beruf anerkannt. Sex gegen Geld gilt seither als legaler Handel. Zudem müssen Prostituierte Steuern zahlen. Es wird aber dennoch zwischen freiwilliger Prostitution, die akzeptiert ist, und erzwungener Prostitution, deren Opfer gesellschaftlichen Schutz und Unterstützung erhalten sollen, unterschieden. Minderjährige dürfen sich nicht prostituieren. Zwangsprostitution wird als organisierte Kriminalität verstanden. Ziel dieser Reform war es, einerseits Prostitution durch Legalisierung zu regulieren und andererseits unerwünschte Begleiterscheinungen der Prostitution stärker zu kriminalisieren. Für FDP-Nationalrat Andrea Caroni hat diese Praxis Zukunft. Er wehrt sich gegen ein Prostitutionsverbot. Er hält dies für einen Eingriff in die persönliche Entfaltungsfreiheit. Caroni hat ein entsprechendes Postulat eingereicht. Darin fordert er mehr Rechte für Sexarbeitende - nach dem Beispiel der Niederlande.

Von Anna Wanner In der Schweiz kann der Patient wählen, in welchem Spital er sich behandeln lassen will. Seit zwei Jahren gilt die freie Spitalwahl für alle Versicherten. Der Qualitäts-Wettbewerb sollte dadurch befeuert werden: Wer die besseren Leistungen anbietet, der gewinnt das Vertrauen der Patienten und kann die Spitalbetten füllen.Doch die Bedingungen für den angestrebten «regulierten Wettbewerb» sind längst nicht alle verwirklicht. Ganz im Gegenteil zu den Niederlanden, wo das Gesundheitswesen ähnlich aufgebaut ist. Falls die Schweiz am Wettbewerb festhalten will, muss sie aufholen und dem Vorbild Niederlande näherkommen, wie der Gesundheitsökonom Robert E. Leu 2009 in einer Studie herausgearbeitet hat.Der faire WettbewerbGrundlage bildet die obligatorische Krankenversicherung, die in beiden Staaten von privaten Gesellschaften angeboten wird. Allerdings besteht beiderorts eine Aufnahmepflicht, damit die Kassen teure Versicherte (beispielsweise chronisch Kranke) nicht abweisen können. Und es gibt einen festgelegten Leistungskatalog: Jeder Versicherte hat Anspruch auf dieselben Leistungen. Der Wettbewerb unter den Kassen sollte darin bestehen, den Versicherten effiziente Versorgungsmodelle anzubieten. Das funktioniert aber nur, wenn alle Kassen ähnliche Voraussetzungen haben. Dazu trägt im Wesentlichen ein fairer Risikoausgleich bei, wie ihn die Holländer eingeführt haben: Krankenkassen, die viele chronisch Kranke versichern, erhalten Ausgleichszahlungen von jenen, die viele Gesunde versichern. Das führt dazu, dass sich die Prämien in den Niederlanden angleichen. Auch die Schweiz kennt einen Risikoausgleich, der die Kriterien Alter, Geschlecht und Spitalaufenthalt umfasst. Weil Krankheit darin nicht enthalten ist, wirkt der Ausgleich unbefriedigend. Robert E. Leu sagt: «Weil mit Risikoselektion mehr Geld zu verdienen ist als mit kostensparenden Versorgungsmodellen», werde Innovation verhindert.Die unnötigen SpitälerAnders als in den Niederlanden wird das Schweizer System nicht zentral gesteuert. Zwar können so Leistungen den Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden. Allerdings kommt es zu interkantonalen Unterschieden in Kosten, Angebot und Höhe der Krankenkassenprämien. Und es führt dazu, dass Spitäler betrieben werden, die es nicht braucht. Dem Basler Gesundheitsdirektor Carlo Conti schwebt ein System mit fünf bis sieben Versorgungsregionen vor - wie in den Niederlanden. Wobei er anfügt, dass die Holländer zwar voraus seien. «Gleichzeitig ist deren Gesundheitssystem aber auch teurer geworden.»

Spitäler: Bessere Versorgungsmodelle

Von Anna Wanner In der Schweiz kann der Patient wählen, in welchem Spital er sich behandeln lassen will. Seit zwei Jahren gilt die freie Spitalwahl für alle Versicherten. Der Qualitäts-Wettbewerb sollte dadurch befeuert werden: Wer die besseren Leistungen anbietet, der gewinnt das Vertrauen der Patienten und kann die Spitalbetten füllen.Doch die Bedingungen für den angestrebten «regulierten Wettbewerb» sind längst nicht alle verwirklicht. Ganz im Gegenteil zu den Niederlanden, wo das Gesundheitswesen ähnlich aufgebaut ist. Falls die Schweiz am Wettbewerb festhalten will, muss sie aufholen und dem Vorbild Niederlande näherkommen, wie der Gesundheitsökonom Robert E. Leu 2009 in einer Studie herausgearbeitet hat.Der faire WettbewerbGrundlage bildet die obligatorische Krankenversicherung, die in beiden Staaten von privaten Gesellschaften angeboten wird. Allerdings besteht beiderorts eine Aufnahmepflicht, damit die Kassen teure Versicherte (beispielsweise chronisch Kranke) nicht abweisen können. Und es gibt einen festgelegten Leistungskatalog: Jeder Versicherte hat Anspruch auf dieselben Leistungen. Der Wettbewerb unter den Kassen sollte darin bestehen, den Versicherten effiziente Versorgungsmodelle anzubieten. Das funktioniert aber nur, wenn alle Kassen ähnliche Voraussetzungen haben. Dazu trägt im Wesentlichen ein fairer Risikoausgleich bei, wie ihn die Holländer eingeführt haben: Krankenkassen, die viele chronisch Kranke versichern, erhalten Ausgleichszahlungen von jenen, die viele Gesunde versichern. Das führt dazu, dass sich die Prämien in den Niederlanden angleichen. Auch die Schweiz kennt einen Risikoausgleich, der die Kriterien Alter, Geschlecht und Spitalaufenthalt umfasst. Weil Krankheit darin nicht enthalten ist, wirkt der Ausgleich unbefriedigend. Robert E. Leu sagt: «Weil mit Risikoselektion mehr Geld zu verdienen ist als mit kostensparenden Versorgungsmodellen», werde Innovation verhindert.Die unnötigen SpitälerAnders als in den Niederlanden wird das Schweizer System nicht zentral gesteuert. Zwar können so Leistungen den Bedürfnissen der Bewohner angepasst werden. Allerdings kommt es zu interkantonalen Unterschieden in Kosten, Angebot und Höhe der Krankenkassenprämien. Und es führt dazu, dass Spitäler betrieben werden, die es nicht braucht. Dem Basler Gesundheitsdirektor Carlo Conti schwebt ein System mit fünf bis sieben Versorgungsregionen vor - wie in den Niederlanden. Wobei er anfügt, dass die Holländer zwar voraus seien. «Gleichzeitig ist deren Gesundheitssystem aber auch teurer geworden.»