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Vom Kanti-Jesus zum Fraktions-Chef?

Gestenreich verteidigt Balthasar Glättli seine Positionen – so hat er es bereits in jungen Jahren getan. Keystone

Gestenreich verteidigt Balthasar Glättli seine Positionen – so hat er es bereits in jungen Jahren getan. Keystone

Im Rennen ums Fraktionspräsidium der Grünen hat der Zürcher Balthasar Glättli gute Karten. Glättli sitzt zwar erst seit zwei Jahren im Nationalrat, dennoch bewirbt er sich ums Amt. Wer ist der 41-jährige Nationalrat?

Wer Balthasar Glättli erreichen möchte, muss nicht allzu viel Geschick an den Tag legen. Über Twitter, Facebook, Mail oder Handy ist der 41-jährige Nationalrat der Grünen immer irgendwie verfügbar – und wenn nicht, meldet er sich umgehend.

In diesen Tagen dürfte er noch etwas häufiger auf Sendung sein als ohnehin schon. Denn Glättli bewirbt sich offiziell ums Fraktionspräsidium der Grünen Partei, das nach der Wahl von Antonio Hodgers in den Genfer Regierungsrat neu zu besetzen ist. Ein mutiger Schritt für einen Mann, dessen Bundeshauserfahrung gerade mal zwei Jahre zurückreicht. «Ob dies zu kurz ist, müssen meine Kollegen entscheiden. Aber wenn ich mir das Amt nicht zutraute, würde ich nicht kandidieren», sagt er.

Das selbstbewusste Auftreten passt ins Bild, Glättli war noch nie einer, der sich im Hintergrund versteckte. Kaum im Gymnasium, war der hagere Jüngling mit den langen Haaren schon schulhausbekannt. Glättli – oder «Jesus», wie er damals genannt wurde – setzte sich geigenspielend für alles ein, wovon er sich eine Verbesserung der Welt versprach. In den Augen seiner politischen Gegner ist ihm der missionarische Eifer bis heute nicht abhanden-gekommen: «Er ist ein unverbesserlicher Gutmensch. Aber sein Engagement ist wenigstens ehrlich», sagt SVP-Nationalrat Hans Fehr.

Nacktdemo gegen Autoverkehr

Bald schon suchte Glättli die grössere Bühne. Zusammen mit Freunden gründete der damals 18-Jährige eine Umweltgruppe und schaffte es, seine konservative Heimatgemeinde Bubikon ZH für den Kauf eines Jugendhauses zu überzeugen – ein prägendes Erlebnis. «Ich lernte, dass sich persönliches Engagement auszahlt», sagt er. Es folgte die Wahl in den Bezirksvorstand der Grünen Partei, die Gründung einer Jugendsektion, eine viel beachtete Nacktdemo gegen mehr Autoverkehr und 1998 schliesslich die Wahl in den Zürcher Gemeinderat als jüngster Parlamentarier. Daneben studierte er Philosophie an der Universität Zürich. Bis heute. «Wie viele Semester ich schon eingeschrieben bin? Ich möchte es lieber gar nicht wissen», sagt er und lacht.

Glättlis geistreiche und teilweise verschnörkelte Voten im Lokalparlament fielen auf, sorgten aber auch für Stirnrunzeln. Den Ruf eines selbstverliebten «Schnurris» wird er seither nicht mehr los. Er selbst wehrt sich nicht mal gross dagegen. «Ein Politiker, der nicht ein gewisses Vergnügen am öffentlichen Auftritt hat, versteht seinen Job falsch», sagt er.

Die Wahlen am Horizont

Der Sprung aufs nationale Parkett war 2011 – nach jahrelanger Funktion als städtischer Fraktionspräsident und kantonaler Co-Präsident der Grünen – nichts als der logische Schritt. Zwar scheiterte er mit seiner Kandidatur für den Ständerat, in den Nationalrat schaffte es der kantonsweit bekannte Politiker aber problemlos.

Und nun winkt also der nächste Karriereschritt. Wahlschlappen wie kürzlich in Genf entmutigen Glättli nicht. Im Gegenteil: «Wir sind sozusagen auch Opfer unseres Erfolgs. Fast alle Parteien haben in den vergangenen Jahren typisch grüne Themen aufgenommen», sagt er. Zudem zeige sich in der aktuellen Geheimdienst-Debatte, dass «wir die entschiedensten Verfechter der Bürgerrechte sind».

Am Horizont stehen die Wahlen 2015. Bis dann will Glättli der Bevölkerung seinen «grünen Dreiklang» – ökologische Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Gesellschaftsliberalismus – schmackhaft machen. Am liebsten von der Fraktionsspitze aus. Ob dies auch seine Parlamentskollegen so sehen, wird sich frühestens diesen Freitag, spätestens aber in der ersten Sessionswoche Ende November zeigen.

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