Kindergerechte Schule
Volksschulamt steht in der Kritik

Die Klassenlehrerfunktion gehört aufgewertet und Schulreformen müssen besser mit der Basis abgesprochen werden. Das sind die Kernforderungen des Schulforums «kindgerechte Schule».

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bz Basellandschaftliche Zeitung

Philippe Klein

«Bildungsdirektorin Regine Aeppli will der Sache nachgehen» Martin Wendelspiess*, am Mittwoch hat die Aktion «kindgerechte Schule» Bilanz gezogen. Warum waren Sie als Chef des Volksschulamtes nicht vor Ort? Martin Wendelspiess: Ich finde den Austausch in Bildungsfragen zwar wichtig, bin aber nicht Mitglied in diesem Diskussionsforum. «Kindgerechte Schule» ist im Gegensatz zu den offiziellen Lehrerverbänden nicht breit legitimiert. Ihrem Volksschulamt werden keine guten Noten ausgestellt. Aus der Volksschule hätten Ihre Leute eine «Staatsschule» gemacht.  Wendelspiess: Schulreformen werden in komplexen Prozessen entworfen, mit Betroffenen erarbeitet und diskutiert. Dann folgt ein politischer Entscheid. Das Volksschulamt muss diesen umsetzen. Es sind also nicht die Staatsangestellten, die Reformen beschliessen können. Das neue Volksschulgesetz wurde mit 70 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Es wird bemängelt, dass Lehrer von der Verwaltung nur noch als Fachkräfte angesehen werden. Das Klassenlehrerprinzip werde Schritt für Schritt aufgehoben. Wendelspiess: Aus qualitativ-fachlichen Überlegungen ist es wichtig, dass unsere Lehrpersonen gut ausgebildet sind. Dies wäre bei zehn bis zwölf Fächern schwierig. Zudem wollen heute viele Lehrerinnen und Lehrer nur noch Teilzeit arbeiten. So stehen sich ganz unterschiedliche Interessen gegenüber. Mit dem neuen Berufsauftrag wird die Klassenlehrerfunktion aber aufgewertet. Fassen wir zusammen: Die Kritik von «kindgerechte Schule» perlt an Ihnen ab. Wendelspiess: Nein, das stimmt nicht, im Gegenteil. Bildungsdirektorin Regine Aeppli will der Sache nachgehen. Unter unabhängiger Leitung soll mit den Betroffenen geprüft werden, wie man Lehrpersonen, Schulpflegen und andere Praktiker entlasten kann. Dabei werden übrigens auch die Vorgaben der Bildungsverwaltung unter die Lupe genommen. Dieses Projekt soll Ende Juni starten. (pik)  

«Bildungsdirektorin Regine Aeppli will der Sache nachgehen» Martin Wendelspiess*, am Mittwoch hat die Aktion «kindgerechte Schule» Bilanz gezogen. Warum waren Sie als Chef des Volksschulamtes nicht vor Ort? Martin Wendelspiess: Ich finde den Austausch in Bildungsfragen zwar wichtig, bin aber nicht Mitglied in diesem Diskussionsforum. «Kindgerechte Schule» ist im Gegensatz zu den offiziellen Lehrerverbänden nicht breit legitimiert. Ihrem Volksschulamt werden keine guten Noten ausgestellt. Aus der Volksschule hätten Ihre Leute eine «Staatsschule» gemacht. Wendelspiess: Schulreformen werden in komplexen Prozessen entworfen, mit Betroffenen erarbeitet und diskutiert. Dann folgt ein politischer Entscheid. Das Volksschulamt muss diesen umsetzen. Es sind also nicht die Staatsangestellten, die Reformen beschliessen können. Das neue Volksschulgesetz wurde mit 70 Prozent Ja-Stimmen angenommen. Es wird bemängelt, dass Lehrer von der Verwaltung nur noch als Fachkräfte angesehen werden. Das Klassenlehrerprinzip werde Schritt für Schritt aufgehoben. Wendelspiess: Aus qualitativ-fachlichen Überlegungen ist es wichtig, dass unsere Lehrpersonen gut ausgebildet sind. Dies wäre bei zehn bis zwölf Fächern schwierig. Zudem wollen heute viele Lehrerinnen und Lehrer nur noch Teilzeit arbeiten. So stehen sich ganz unterschiedliche Interessen gegenüber. Mit dem neuen Berufsauftrag wird die Klassenlehrerfunktion aber aufgewertet. Fassen wir zusammen: Die Kritik von «kindgerechte Schule» perlt an Ihnen ab. Wendelspiess: Nein, das stimmt nicht, im Gegenteil. Bildungsdirektorin Regine Aeppli will der Sache nachgehen. Unter unabhängiger Leitung soll mit den Betroffenen geprüft werden, wie man Lehrpersonen, Schulpflegen und andere Praktiker entlasten kann. Dabei werden übrigens auch die Vorgaben der Bildungsverwaltung unter die Lupe genommen. Dieses Projekt soll Ende Juni starten. (pik)  

Limmattaler Zeitung

Unter dem Label «kindgerechte Schule» wurde darauf ein Internet-Forum eröffnet. Während zwei Monaten konnten Lehrer, Eltern und Behördenmitglieder ihre Meinung zu zehn Thesen betreffend die Veränderungen in der heutigen Schule äussern. Gestern nun wurden die Resultate dieser Online-Diskussion in Zürich präsentiert. In rund 600 Beiträgen, verfasst von 150 registrierten Benutzern, wurden die Thesen diskutiert. Zwei Beiträge fanden den grössten Zuspruch: «Die Klassenlehrerfunktion muss aufgewertet werden» und «Die Schulentwicklung muss von unten kommen».

Kinderverträglichkeit testen

Allan Guggenbühl berichtete aus seinem Alltag als Kinder- und Jugendpsychologe: «Wenn ein Schüler Probleme macht, sitzen heute bis zu sechs Lehrpersonen an einem Tisch. Alle mimen Interesse, aber niemand kennt das Kind oder sein Umfeld genauer.» Eine Verbesserung dieser Situation sei nur über eine Stärkung des Klassenlehreramtes zu erreichen, monierte Guggenbühl und forderte, dass künftige Reformprojekte den Schülerinnen und Schüler zu dienen hätten und nicht umgekehrt: «Jede Reform braucht ab sofort einen Kinderverträglichkeitstest!»

Der Erziehungswissenschafter Fritz Osterwalder fasste die vielen Reaktionen auf seine These - die meisten kamen von Lehrerinnen und Lehrern - wie folgt zusammen: Das Bildungswesen könne wie etwa das Gesundheitssystem nicht durch modernes Verwaltungsmanagement bewirtschaftet werden. Die Lehrpersonen seien die Fachleute und müssten in die Schulentwicklung einbezogen werden. Osterwalder plädierte dafür, dass nicht die Verwaltung die Schulentwicklung definiere, sondern die Stimmberechtigten, die Eltern, aber auch Bildungsexperten und Wirtschaftsvertreter.

Volksschulamt ist bereit

Jules Fickler von der Zürcher kantonalen Mittelstufenkonferenz (ZKM) forderte, dass die eingeleiteten Reformen von einer «neutralen Instanz» überprüft werden. Im Gespräch mit dieser Zeitung signalisiert der Chef des kantonalen Volksschulamtes dazu Bereitschaft (siehe untenstehendes Interview). Lilo Lätzsch, Präsidentin des Zürcher Lehrerverbands, machte darauf aufmerksam, dass die Beteiligung im Internet-Forum angesichts der Zahl von rund 10 000 Lehrerinnen und Lehrern im Kanton «die Erwartungen nicht gerade übertroffen» habe. Die Verantwortlichen wollen das Forum «kindergerechte Schule» auch nach der gestrigen Abschlussorientierung weiterführen.

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