Heiler-Prozess
Viren des «Heilers» alle vom gleichen Stammbaum

Heute Vormittag ging es im Berner Heiler-Prozess um die Verwandtschaft der HI-Viren, an denen die Opfer des «Heilers» von Bern leiden. Dabei muss sich der Gutachter kritische Fragen vom Verteidiger des Angeschuldigten gefallen lassen.

Daniel Fuchs, Bern
Drucken
Teilen
Die Frage, wie die Opfer infiziert wurden, ist noch nicht geklärt

Die Frage, wie die Opfer infiziert wurden, ist noch nicht geklärt

Oliver Menge

Im «Heiler»-Prozess sagte heute Vormittag der Verfasser des phylogenetischen Gutachtens aus, das Aufschluss über die Verwandtschaft der Virenstämme bieten soll. Der Viren-Experte Jörg Schüpbach sagte vor den Richtern des Regionalgerichts Bern-Mittelland: «Ich glaube nicht, dass mit einfachen Nadeln gearbeitet wurde.»

Die Wahrscheinlichkeit einer HIV-Infektion mittels einfacher Nadeln und einer geringen Menge Blut, die ihr anhafte, sei äusserst gering. Sie liege zwischen 0.1 und 1 Prozent.

Damit rückt ein anderes Instrument wieder in den Fokus. Hat der Musiklehrer von Bern, dem der Staatsanwalt vorwirft, 16 Menschen absichtlich mit dem HI-Virus angesteckt zu haben, eine Spritze benutzt?

Laut der bisher aussagenden Opfer, die beim Prozess als Privatkläger auftreten, ist nicht klar, mit was sie gestochen wurden. Manche der Opfer sprechen von einer Akupunkturnadel, während andere wiederum von einem Gefühl wie bei einer Impfung sprechen.

Der gleiche Stammbaum

Die Thematik, um die es heute Vormittag im Gerichtssaal in Bern ging, war äusserst komplex: Es ging um nicht weniger, als mittels phylogenetischer Analysen herauszufinden, von welcher Quelle die HI- und Hepatitis-C-Viren stammen, an denen die Betroffenen leiden. Laut Schüpbach weisen alle gefundenen Viren enge Verwandtschaften auf. Sie hätten alle den gleichen Stammbaum, sagte er. Was aber noch nichts darüber aussage, wie die Viren in die Körper gelangten und von wem.

Kritische Fragen musste sich Professor und Direktor des Nationalen Zentrums für Retroviren der Universität Zürich bereits im Vorfeld des Prozesses gefallen lassen. Der Verteidiger des beschuldigten Musiklehrers, Peter Reber, kritisierte das Gutachten. Es setze voraus, dass sein Klient die Taten begangen hätte und grenze deshalb an einer Vorverurteilung.

«Heiler» heute im Saal

So kam es auch im Gerichtssaal zu einem Hin und Her der Fragen und Antworten, dem Richter, Anwälte und Journalisten nur schwer folgen konnten, nicht zuletzt wegen der miserablen Akustik im Saal. Die Befragung des Experten war bis zum Mittag noch nicht abgeschlossen.

Der Angeklagte, dessen Initialen laut Gerichtsverfügung nicht mehr genannt werden dürfen, war heute im Saal anwesend. Auch eines seiner Opfer. Dem Angeschuldigten wirft der Staatsanwalt unter anderem schwere Körperverletzung und die Verbreitung menschlicher Krankheiten vor. Dafür drohen bis zu 15 Jahre Haft. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Aktuelle Nachrichten