Kenner der Walliser Politik kommen dieser Tage aus dem Staunen nicht heraus. «Das hat es noch nie gegeben», sagt einer, der nicht namentlich genannt werden möchte. Wann immer im Wallis jemand die Chance hatte, «etwas zu werden», habe es geheissen: «Das ist einer von uns», eine kantonsweite Solidarisierung war die Folge. Alle hätten den Kandidaten unterstützt. Auch der Freisinnige Pascal Couchepin etwa hatte die volle Unterstützung im CVP-Kanton.

Bei Viola Amherd (56), der langjährigen Briger Stadtpräsidentin und Vize-Chefin der CVP-Fraktion in Bundesbern, ist es anders. Dass die Anwältin Chancen hat, im Dezember zur Nachfolgerin von Doris Leuthard in den Bundesrat gewählt zu werden, kommt in einigen Walliser Kreisen nicht gut an.

Amherd ist einem Sperrfeuer ausgesetzt, das aus dem eigenen Haus kommt. Dem «Walliser Boten», kurz WB genannt, der langjährigen Hauszeitung der CVP Oberwallis (CVPO). Kurz nach Leuthards Rücktritt erteilte das Blatt dem Ruf nach einer Frau eine Absage. Wenig später folgte ein Verriss der Kandidatin Amherd als «Mauerblümchen», das «oft mit der Linken im Chor singe» und in Bern nichts geleistet habe. Vorläufiger Höhepunkt war diese Woche die Titelgeschichte im zuletzt nach rechts gerutschten WB, wonach Amherds Familie jahrelang zu viel Miete vom Alpiq-Konzern «einkassiert» habe. Insgesamt eine Viertelmillion Franken (Ausgabe von gestern). Dieser Zivilstreit, der vor Kantonsgericht hängig ist, schwebe «bedrohlich über Amherds möglicher Bundesratskandidatur».

Vergiftete Stimmung

«Fast eine Art Hass» klinge durch, stellt der erwähnte Beobachter erstaunt fest.

Auch Doris Schmidhalter-Näfen, Grossrätin der SP Oberwallis, staunt über die heftigen Angriffe: «Ich habe politisch nicht viel mit Viola Amherd am Hut. Dass jetzt aber eine Schlammschlacht gegen sie angezettelt wird und man ihr aus einem zivilen Streit einen Strick zu drehen versucht, ist niederträchtig.» Kein Zufall ist für sie, «dass es eine Frau trifft».

Für Schmidhalter ist klar: «Der ‹Walliser Bote› macht in der Regel nichts ohne Rückendeckung durch die CVP. Und dort gibt es namhafte Leute wie Beat Rieder, denen ist Amherd viel zu liberal und viel zu wenig rechts. Dabei müsste man hier ja stolz und froh sein, wenn eine Walliserin die Chance hat, Bundesrätin zu werden.»

Das Walliser Kesseltreiben gegen Amherd führen auch andere auf politische Differenzen innerhalb der CVP Oberwallis zurück. Die gesellschaftspolitisch liberale Amherd stehe für das Gegenteil von dem, was die unter SVP-Druck vermehrt rechts politisierenden katholisch-konservativen CVP-Männer wollten. So sagt Amherd gemäss ihrem Smartvote-Profil «eher ja» zur Forderung, dass in eingetragener Partnerschaft lebende gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren dürfen.

«Ehe für alle versus Kruzifix», bringt einer den CVP-Zielkonflikt auf den Punkt.

Ständerat Beat Rieder weist den Verdacht vehement zurück, er oder andere CVP-Platzhirsche hätten mit den Angriffen zu tun: «Der «Walliser Bote» ist eine unabhängige Tageszeitung. Weder die CVPO noch ich konnten oder können Einfluss auf die Veröffentlichung von redaktionellen Artikeln nehmen. Demzufolge entzieht sich mir, wer hinter diesem ‹Kesseltreiben› steckt.» Er wisse auch nicht, woher die Zeitung ihre Informationen habe. «Ich kann einzig bestätigen, dass ich wie die CVPO eine allfällige Kandidatur von Viola Amherd zu 100 Prozent unterstützen werde», sagt Ständerat Rieder.

In der Tat schliessen sich die CVP-Reihen mittlerweile demonstrativ hinter Amherd. «Die CVPO verurteilt die tendenziöse Verunglimpfung von Nationalrätin Viola Amherd auf Schärfste», hielt die Partei gestern per Mitteilung fest. Amherds «allfällige Bundesratskandidatur erhält volle Unterstützung.»

Offen ist, wer dem «Walliser Boten» die Unterlagen zum hängigen Zivilprozess zuspielte. Nicht äussern will sich die Firma Alpiq InTec, die von den Amherds Miete zurückfordert. Man äussere sich nicht zu einem laufenden Verfahren, so ein Sprecher der Firma, die neuerdings zum französischen Bouygues-Konzern gehört.

Im Wallis vermuten viele, die SVP Oberwallis habe die Hände im Spiel. Denn der Präsident der SVP Oberwallis Bezirk Brig, Christian Gasser, ist gleichzeitig stellvertretender Filialleiter bei Alpiq InTec. Gasser sei nicht erreichbar, hiess es gestern bei Alpiq InTec in Brig.